Wie aus Pferden Freunde werden

von Jaqueline Weidlich
04. September 2018
04.09.2018
ca. 6 Minuten

Beziehungen in einer Herde

Freundschaften zwischen Pferden geben den Besitzern oft Rätsel auf: Warum schlägt Dakota nach ihrer Boxennachbarin Lady, brummelt aber freudig, wenn sie mit Calino auf die Koppel darf? Warum sind manche Pferde unzertrennlich und wie entsteht so eine Freundschaft?

 

Zwar kann der Halter entscheiden, in welchem Stall sein Pferd stehen soll, welches Futter in welcher Menge gefüttert wird und welche reiterliche Disziplin er ausüben möchte, doch spätestens wenn es um die Wahl der bevorzugten Artgenossen geht, hat der Mensch nicht mehr mitzureden.

Bis heute liegen nur wenige wissenschaftliche Erkenntnisse vor, warum Pferde die Nähe zu ganz bestimmten Artgenossen suchen und mit ihnen eine Beziehung eingehen. Ein häufig genanntes Auswahlkriterium bei der Wahl eines Pferdefreundes könnte die Fellfarbe sein.
„Ein Fohlen, welches in eine Gruppe wildfarbener Herdenmitglieder hineingeboren und auf eine bestimmte Fellfarbe sozialisiert wurde, wird diese eventuell auch später bevorzugen. Die Sozialisierung in der frühen Fohlenzeit ist ganz entscheidend für die Auswahl der Freunde. Auch das Alter kann eine Rolle spielen, da gleichaltrige Pferde oft miteinander aufwachsen und zur selben Zeit Entwicklungsschritte durchlaufen, ähnliche Interessen und Freude an ähnlichen Spielen haben“, erklärt die Pferdefachbuchautorin Marlitt Wendt aus Großhansdorf. Sie arbeitet als freiberufliche Verhaltensbiologin mit den Themenschwerpunkten Pferdepsychologie und positive Pferdeausbildung. Zu diesen Themen ist sie deutschlandweit für Seminare und Vorträge unterwegs.

 

Der Einfluss der Rangordnung

(Foto:privat)

Neben der Fellfarbe und dem Alter können noch weitere Kriterien eine Rolle spielen, zum Beispiel der Rang des Pferdes in der Herde. Die Rangordnung regelt in erster Linie die Ressourcenverteilung, beispielsweise wer als Erstes trinken darf oder wer den letzten Rest Heu bekommt.
Rangähnliche Pferde verbringen aufgrund ihrer sich gleichenden Rechte viel Zeit miteinander, grasen beispielsweise am gleichen Futterplatz und es ist denkbar, dass sich zwischen ihnen schnell eine Freundschaft bildet.
Auch die zum Teil rassebedingten Charaktereigenschaften der Tiere können sowohl bei der Bildung der Rangordnung, als auch bei der Auswahl der Freunde einen Einfluss haben. Während ausgeglichene, eher träge Rassevertreter sich lieber auf ein Knabber- und Beißspiel verlegen, freuen sich hoch im Blut stehende Tiere über ausgiebige Galoppaden und Bocksprünge, welche sich mit einem ähnlich gezüchteten Pferd viel besser ausführen lassen.

Dabei spielt auch das Geschlecht eine Rolle, weiß die Verhaltensexpertin Marlitt Wendt: „Je nach Geschlecht wird eine Freundschaft unterschiedlich ausfallen. Eine gleichgeschlechtliche Beziehung wird sich etwa hauptsächlich auf die Aspekte der Gemeinsamkeit berufen, Freundschaften zwischen den Geschlechtern eher die Unterschiede ausgleichen. So haben junge Wallache gerne einen männlichen Freund, der ihre wilden Raufspiele mitspielt, aber sicher auch eine weibliche Freundin, die sich gut zum gemeinsamen Grasen oder Fellkraulen eignet.“

Dabei haben auch Hengste ein Bedürfnis nach soziopositiven Bindungen zu anderen Pferden. „Hengste bilden ebenso zu anderen Hengsten, wie auch zu Wallachen oder Stuten Freundschaften aus. Sicher wird ein Hengst zur Paarungszeit andere Hengste von den eigenen Stuten fernhalten, an der freundschaftlichen Beziehung der Hengste untereinander ändert das jedoch kaum etwas.
Neben der Haremsgruppe leben viele männliche Pferde in der Natur mit anderen Hengsten in sogenannten Bachelor-Groups oder Junggesellenherden zusammen und entwickeln dort ihre sozialen Beziehungen“,
erklärt die Diplom-Biologin. Auch eine gemeinsame Geschichte kann die Freundschaft zweier Pferde begünstigen. „Eine gemeinsame Geschichte verbindet – egal ob Mensch oder Tier. Wer sich miteinander beschäftigt und Ereignisse zusammen meistert, der wird sich kennenlernen und in der Folge hoffentlich schätzen lernen. So sind gerade gemeinsame einschneidende Erlebnisse Wegweiser für Freundschaft oder Feindschaft“, berichtet Wendt.

 

Warum Freundschaften so wichtig sind

Doch warum schließen Pferde überhaupt Freundschaften mit einzelnen Artgenossen, wenn sie sowieso in einer Herde leben?

„Freundschaften sind der soziale Kitt der Pferdegesellschaft. Pferde leben ja in Herden miteinander, ihr Zusammenleben ist geprägt von Kooperation. Pferde brauchen einander buchstäblich zum Überleben. Nur in der Gruppe fühlen sie sich sicher und geborgen. Sie suchen gemeinsam nach den besten Futter- oder Ruheplätzen oder halten abwechselnd Ausschau nach Raubtieren. Dabei funktioniert eine Gemeinschaft immer dann besonders gut, wenn sich die einzelnen Mitglieder zum einen gut kennen und zum anderen auch mögen, sodass keine Auseinandersetzungen nötig sind, um sich auf eine Richtung zu einigen“, erklärt Wendt.
Die Gefühle, die ein Pferd für seine bevorzugten Artgenossen empfindet, liegen dabei größtenteils im Dunkeln. Zwar kann man aus einem Begrüßungswiehern schließen, dass das Pferd Freude über die Rückkehr seines Freundes nach einem Ausritt empfindet, doch in welchem Maße Pferde Emotionen wie Zuneigung, Wut oder Trauer empfinden können, ist bislang ein Rätsel.
Aufschluss liefern lediglich eigene Erfahrungen und Beobachtungen. „Ganz sicher sind Pferde zu tiefen Gefühlen fähig. Pferdefreundschaften sind ähnlich wie familiäre Beziehungen sehr stabil, sie halten oft Jahre oder sogar Jahrzehnte. Ob es Liebe ist, bleibt dabei eine philosophische Frage. Dass Pferde sich auf Anhieb sympathisch oder eben unsympathisch sind, ist sehr oft zu beobachten. Gerade die auf den ersten Blick sichtbaren körperlichen Merkmale und typischen Verhaltensweisen, die den Charakter eines Lebewesens ausmachen, sind auch für Pferde entscheidende Aspekte der Freundschaftsfindung. Dabei spielt auch der Geruch eine große Rolle. Es gibt Pferde, die sich buchstäblich nicht riechen können und andere, die ganz verrückt nach dem Duft und der Nähe ihres Freundes sind“, berichtet Marlitt Wendt.
Positive Emotionen lassen sich dabei nicht nur am Verhalten des Pferdes ablesen, sondern auch im Gehirn nachweisen. „Pferde verspüren bei den typischen Verhaltensweisen, die Freundschaften pflegen sollen, all jene Emotionen, die ihnen ein positives Gefühl geben. So wird Oxytocin ausgeschüttet, das „Bindungshormon“, welches ein harmonisches Wohlbefinden verursacht oder Dopamin, das „Glückshormon“, welches für motivierende Empfindungen zuständig ist. Beim Fellkraulen etwa laufen Prozesse ab, die das Pferd beruhigen. Die Herzfrequenz sinkt dabei, der Erregungszustand des Pferdes nimmt ab und Stress kann besser verarbeitet werden“, erklärt die Verhaltensbiologin. Soziopositive Beziehungen sind für Pferde demnach kein verzichtbarer Luxus sondern eine Notwenigkeit, um psychisch gesund und ausgeglichen zu sein.

Auch der Mensch profitiert

Das Bedürfnis nach engen Bindungen an anderen Artgenossen kann sich allerdings auch der Mensch zunutze machen.
„Zum Beispiel können befreundete Pferde gemeinsam transportiert oder es kann mit ihnen ausgeritten werden. Allerdings bedarf es einiges an Fingerspitzengefühl zu entscheiden, wer sich an wem orientieren soll. Es wird nicht immer funktionieren, dass ein ängstliches Pferd sich an dem ruhigen Freund orientiert. Schätzt man die Beziehung der Tiere falsch ein, kann genau das Gegenteil des erwünschten Effektes entstehen: Das vorher ruhige Pferd wird durch seinen aufgeregten Partner beispielsweise zunehmend nervös“, berichtet die Verhaltensbiologin.
Um solche unangenehmen Überraschungen zu vermeiden, ist es sinnvoll, die Pferde auf der Koppel oder bei anderen gemeinsamen Aktivitäten zu beobachten: Bleibt das Pferd ruhig, wenn sein Freund vor einem herunterfallenden Ast scheut oder springt es ebenfalls zur Seite?
Wer droht und wer zeigt Unterlegenheit?
Haben zwei Pferde erst einmal „zueinander gefunden“ kann eine Trennung der Tiere für beide Seiten sehr schmerzlich sein.

 

Pferde können trauern

„Pferde trauern um einen verlorenen Freund“, bestätigt Wendt.
„Sie suchen ihn und rufen nach ihm. Treffen sie das Pferd nach Jahren wieder, so erkennen sie den Freund und zeigen eine große Freude, ihn zu sehen. Das Auseinanderreißen von Beziehungen bedeutet enormen Stress für das Herdentier Pferd. Es ist auf seine „pferdische Familie“ angewiesen, deswegen sollten in einer Gruppe nur so wenig Wechsel wie nötig vorgenommen werden. Man sollte sich zum Wohle des Pferdes immer wieder überlegen, ob ein Stallwechsel mit einer minimalen Verbesserung in Hinblick auf den eigenen Komfort wirklich den Stress und die Trauer über die verlorenen Freunde rechtfertigt. Manche Pferde brauchen Monate oder sogar Jahre, bis sie sich wirklich eingelebt haben. Diese Gelegenheit wird allzu vielen Pferden komplett verwehrt und damit ihre natürlichen Abwehrkräfte gegen Stress so sehr geschwächt, dass sie chronisch krank werden. Sehr viele der verbreiteten Probleme, wie etwa Verdauungsprobleme, Haut- und Fellprobleme oder Verhaltensauffälligkeiten haben ihre Ursache in zu hohem Stress infolge erzwungener Bindungslosigkeit.

In diesem Zusammenhang muss auch das Haltungssystem überdacht werden. In Einzelboxen gehaltene Pferde sollten zumindest auf der Koppel die Gelegenheit haben, Bindungen zu Artgenossen aufzubauen, gemeinsam zu spielen und durch die soziale Fellpflege sich schwer zugängliche Körperstellen ausgiebig kratzen zu lassen. Noch besser für die Pferdepsyche eignet sich die Lauf-  oder Offenstallhaltung, sodass soziale Kontakte rund um die Uhr gepflegt werden und im Schutz der Gruppe sicher geschlafen und geruht werden kann.

Trotz der gegenseitigen Zuneigung bleiben Konflikte zwischen den Tieren nicht aus, die Häufigkeit aggressiver Verhaltensweisen ist sogar höher als bei nicht befreundeten Pferden. Der Grund für diese Beobachtung ist das Konkurrenzverhältnis: Durch einen meist ähnlichen Rangplatz und einen vergleichbaren Zugang zu Ressourcen ist der beste Freund gleichzeitig der schärfste Konkurrent, wenn es um Futter oder auch um die Zuwendung durch den Menschen geht. In der Regel erfolgen diese Auseinandersetzungen allerdings auf eine abgeschwächte Art und Weise, oft reicht ein Drohen, um den Konflikt zu lösen.

Lady und Calino zumindest haben Freundschaft geschlossen, nach einem Streit um den letzten Apfel kehrt bei den beiden schnell wieder Ruhe ein und sie grasen friedlich wieder nebeneinander.

-Redaktion Hafensänger-

 

Besten Dank an Verhaltensexpertin Marlitt Wendt
www.pferdsein.de

 

 

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