Stallgeflüster, Wissenswertes

Verhaltensstörungen beim Pferd

Schuld hat der Pferdehalter Kleine Unarten sind erlaubt. Echte Verhaltensstörungen sind eine Belastungsprobe für jeden Pferdehalter. Bewegungsmangel, ein unbefriedigtes Fress-… Artikel lesen

Jaqueline Weidlich
17.08.2018 7 min lesen
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Schuld hat der Pferdehalter

Kleine Unarten sind erlaubt. Echte Verhaltensstörungen sind eine Belastungsprobe für jeden Pferdehalter. Bewegungsmangel, ein unbefriedigtes Fress- und Beschäftigungsbedürfnis, Trennung von den Artgenossen sind Ursachen dafür. Eine Umstellung der Haltung und des Umganges mit den Vierbeinern ist notwendig, damit aus kleinen Ticks keine echten Probleme werden.

Wenn Pferde sich aussuchen könnten, wie sie leben, dann würde das so aussehen: bis zu 16 Stunden am Tag zusammen mit Artgenossen in freier Wildbahn grasen. Für die meisten unserer Pferde sieht der Tag jedoch anders aus. Sie leben in Einzelboxen, werden eine Stunde am Tag intensiv geritten, sehen andere Pferde durch Gitterstäbe oder aus der Ferne, Weidegang nur im Sommer und nach striktem Weideplan. „Der Stammbaum des Pferdes lässt sich bis vor 60 Millionen Jahren zurück verfolgen. Im Laufe des zweiten Jahrhunderts vor Christus gibt es Aufzeichnungen darüber, dass Pferde als Lasten- und Wagentier dem Menschen halfen. Von diesem Zeitpunkt an, also mit der Domestikation durch den Menschen, wurden Verhaltensstörungen bei Pferden ausgelöst“, so Dr. Jochen Beimgraben, selbstständiger Tierarzt aus Lindholm. Zusammen mit den neuen Aufgaben und dem Leben beim Menschen treten die ersten artuntypischen Verhaltensweisen auf. „Heute sind Verhaltensstörungen eine erstzunehmende Problematik in der Pferdehaltung“, weiß der Tierschutzbeauftragte des Kreisreiterbundes Nordfriesland. „Unsere Wohlstandspferde sind gut genährt, gut gepflegt, stehen unter tierärztlicher Kontrolle und machen den Eindruck, dass sie physisch und psychisch top gesund sind. Dennoch werden wir zunehmend auf Verhaltensstörungen angesprochen.“

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Verhaltensstörungen oder Stereotypen?

Einen Großteil unerwünschter Verhaltensweisen verschuldet der Tierhalter. Eine Verhaltensstörung ist ein Verhalten, das in Art und Weise, Intensität und Frequenz vom Normalverhalten abweicht. Eine echte Verhaltensstörung ist immer Ausdruck für ein psychisches Ungleichgewicht.

Der Experte unterscheidet klassisch-neurologische Krankheiten mit einer infektiösen, degenerativen Ursache, mit organpathologischem Hintergrund oder Mangelbedingte Verhaltensstörungen. Dem gegenüber stehen die eigentlichen Verhaltensstörungen, die nicht primär auf neuro-psychologischen Veränderungen beruhen. Diese Verhaltensstörungen werden auch als Stereotypen bezeichnet. Ein eindeutiges Kennzeichen für Stereotypien sind spezielle Verhaltensmuster ohne erkennbare Ursachen auf eine klinische Diagnostik. Die Pferde können oft stundenlang ein bestimmtes Verhaltensmuster  wiederholen, ohne das ein Sinn darin erkennbar wäre.
Jochen Beimgraben erklärt: „Diese Verhaltensweisen sind auch als Unarten und Untugenden bekannt. Das Pferd verhält sich unmoralisch im Sinne des Tierhalters. Dabei handelt es sich in der Regel um Reaktionen des Pferdes auf nicht pferdegerechte Haltung.“ Die Mehrzahl der Pferde leidet unter umgangsbedingten Verhaltensstörungen. Diese Verhaltensstörungen werden unterschieden nach ihrer Art. Auffälligkeiten sind bekannt beim Fressen. Dazu gehören Koppen, Holznagen oder Gitterbeißen. In der Bewegung beobachtet sind das Weben, Hin- und Herlaufen am Weidezaun, Scharren im Paddock oder in der Box.
Auch im Sozialverhalten treten Störungen auf. Angst vor Artgenossen oder auffällige Aggressivität zählen dazu. Schweifscheuern und Headshaking komplettieren die Liste bekannter Unarten. Um einzuschätzen, ob eine eigenständige Verhaltensstörung vorliegt oder nur ein unerwünschtes Verhalten, muss der Tierhalter sein Pferd genau beobachten. Ein Unterscheidungsmerkmal ist die Stereotypie. „Das Verhaltensmuster des Pferdes wiederholt sich über einen längeren Zeitraum und verläuft nahezu identisch. Beim unerwünschten Verhalten ist es in diesem Ausmaß nicht erkennbar“, so Dr. Beimgraben.

Beispiele für Stereotype Verhaltensweisen

Die bekanntesten Stereotypien sind das sogenannte Koppen und das Weben. Beide Verhaltensmuster sind als eine Anpassung an nicht optimale Haltungsbedingungen zu werten. Schlechte Haltung, vor allem zu kurze Fresszeiten, falscher Umgang, Über- oder Unterforderung im Training und negative Erlebnisse begünstigen Verhaltensstörungen. Koppen gehört nicht zum natürlichen Verhalten des Pferdes.
„Durch Anspannen der unteren Halsmuskulatur ist das Pferd in der Lage, den Schlundkopf zu öffnen. Dadurch strömt Luft in die Speiseröhre. Es entsteht ein Geräusch, das als Röhren oder Rülpsen bezeichnet wird, der sogenannte Kopperton“, erklärt Dr. Beimgraben. Die meisten Kopper setzen die Schneidezähne auf einen waagerechten Gegenstand auf. Sie werden Aufsatzkopper genannt. Die Freikopper lassen beim Zusammenziehen der Halsmuskeln den Kopf erst in Richtung Brust nicken und dann nach vorn schnellen.  In der Ethnologie des Koppens gibt es keine einheitliche Lehrmeinung. Es entsteht spontan bei unausgeglichenen, ungenügend beschäftigten Pferden.
Auch die Erbanlage scheint eine Rolle zu spielen. Es liegt jedoch nicht eine Erbkrankheit im klassischen Sinne vor, sondern die Disposition für die Entwicklung einer Störung.
Ein Rückschluss sei nach Tierarztmeinung erlaubt: Stereotype können durchaus einen positiven Effekt auf betroffene Pferde haben. Während der Durchführung eines bestimmten Verhaltens kommt es zu einem Erregungsabbau. Die Pferde filtern ihre Außenreize. Diese Art einer Anpassung kann dem Pferd kurzfristig einen Vorteil bringen, das es dadurch die unzulänglichen Lebensbedingungen besser ertragen kann. Koppende Pferde zum Beispiel haben eine herabgesetzte Herzfrequenz. Pferde koppen bei freudiger Erregung aber auch in stressigen Situationen. Das Koppen wirkt wie eine Droge, das beruhigend auf das Pferd wirkt.

„Eine Therapie für koppende Pferde gibt es nicht. Es handelt sich um eine eigentliche Verhaltensstörung, die eine wichtige Funktion, den Erregungsabbau, für das Pferd erfüllt“, so Jochen Beimgraben. Eine Kopper-Operation verspricht durchaus Erfolg. Hier werden Teile der Halsmuskulatur im Bereich der Kehle entfernt. Zusätzlich wird der Nerv durchtrennt, der den Brustbein-Kopf-Muskel versorgt. Nach der OP kann das Pferd den Muskel nicht mehr zusammenziehen, um den Schlundkopf zu öffnen. Auch Kopperriemen haben sich durchgesetzt. Sie erschweren das Anspannen der Halsmuskulatur. Sollen die Maßnahmen Erfolg bringen, müssen sie frühzeitig eingesetzt werden. Die eigentliche Ursache des Koppens bekämpfen die Methoden nicht. Die Optimierung von Haltung und Umgang müssen parallel dazu erfolgen. Praxiserfahrungen zeigen, dass Koppen in der Regel auch unter optimierten Bedingungen bestehen bleibt. Koppende Pferde sind entgegen langläufiger Meinung nicht häufiger krank als ihre Artgenossen. Möglicherweise sind die Schneidezähne bei Aufsatzkoppern stärker abgenutzt. Das Koppen gilt beim Verkauf des Pferdes als Wertminderungsgrund. „Allein die Tatsache der Offenbarungspflicht stellt eine Wertminderung dar“, so Beimgraben. Mit koppenden Pferden sollte man nicht züchten. Die unbegründete Angst vor Nachahmung bei den Artgenossen, erschwert es Pferdehaltern, einen geeigneten Stall für sein Pferd zu finden.

 

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Hin und her in der Box

Stundenlang treten sie von einem Bein auf das andere, die Weber. „Wie das Koppen ist das Weben darauf zurückzuführen, dass der gewohnte Bewegungstrieb der Pferde unterdrückt wird. Die Tiere versuchen, ihren Bewegungsdrang abzureagieren“, erklärt Dr. Beimgraben. Besonders Pferde mit hohem Vollblutanteil neigen zum Weben. Zu wenig Bewegung, kaum Außenreize, kurze Fresszeiten mit zu wenig Raufutter und wenig Sozialkontakte sind mögliche Ursachen für das Weben. Es kann sein, dass der Halter seinem Pferd das Weben „beibringt“. Pferde weben häufig, wenn sie auf das Futter warten. Ist die Krippe gefüllt, hört das Weben auf und tritt auch nicht außerhalb der Futterzeit auf. Was passiert beim Weben? Über einen Meter weit spreizen webende Pferde ihre Vorderbeine auseinander und pendeln mit der Vorhand rhythmisch hin und her. Manchmal wird das entlastete Bein angehoben. In Extremfällen kreuzt das Pferd die Beine und tritt sich beim Pendeln gegen den Kopf. Begleitet sein kann das Weben mit Lippenlecken oder Zungenspielen. Beim Weben sind Pferde erregt. Jede Abwechslung im Alltag ist ein Grund zur Aufregung – Fütterung, Menschen im Stall, neue Stallgenossen. Daraus kann ein Pferd zum Gewohnheitsweber werden. „Die beste Therapiemöglichkeit für webende Pferde sind Offenställe“, so der Tierarzt mit über 30-jähriger Praxiserfahrung.

Wenn nur Boxenhaltung möglich ist, braucht das Pferd viel Abwechslung. Langer Weidegang, ständiger Zugang zu Raufutter, keine starren Futterzeiten. Außenboxen mit Blick auf Weide oder Reitplatz können für Weber trotz der vermeintlichen Abwechslung zusätzlichen Stress bedeuten. Die sensiblen Pferde sehen ihre Artgenossen in der Bewegung. Sie gehören eher in ein ruhiges Umfeld mit Beschäftigung aber ohne zusätzliche Aufregung. Aus tierärztlicher Sicht ist keine vermehrte Lahmheit oder früherer Verschleiß der Vorderbeine bei Webern zu verzeichnen. Wie das Koppen ist jedoch auch das Weben eine Wertminderung beim Verkauf der Tiere. Weber sind durchaus leistungsbereite Sportkameraden. Sie sollten wegen der genetischen Komponente nicht zur Zucht eingesetzt werden. Anders als beim Koppen, tritt bei webenden Pferden bei einer Umstellung auf eine bewegungsfördernde Haltung eine Verbesserung ein.

Unarten aus Langeweile

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Verbiss im Stall, Beißspuren am Weidezaun oder das Nagen am Holz gilt nicht als Verhaltensstörung. Pferde nagen gern an Holz. Wenn die gesamte Stalleinrichtung darunter leidet, grübelt der Pferdehalter jedoch. „Holznager bekommen meist zu wenig Raufutter. Holzkauen ist ein Zeichen für ein unbefriedigtes Fressbedürfnis“, meint Dr. Beimgraben. Auch ein Nährstoffmangel kann die Ursache für vermehrtes Nagen sein. Über eine Blutuntersuchung lässt sich feststellen, ob Mangelerscheinungen vorliegen. Sonst verspricht das Bereitstellen frischer Äste oftmals schon Abhilfe.

Fehlende Aufmerksamkeit oder Aggressivität gegenüber dem Stallnachbarn sind mögliche Ursachen für lautstarkes Gitterbeißen. Beim Beißen oder Wetzen öffnen die Pferde die Lippen und reiben mit den geschlossenen auf der harten Unterlage. Gefährlich, wenn Gitterbeißen zur Gewohnheit wird: die Schneidezähne werden vermehrt abgenutzt, Zahnfleischentzündungen oder Zahnausfall nicht selten eine Folge. Kurzzeitiges Scharren in der Box oder Schlagen gegen die Boxenwand ist eine erlernte Angewohnheit. Es kann jedoch auch als Stereotype auftreten, wenn das Pferd stundenlang im gleichen Rhythmus kratzt. Vor allem zur Futterzeit sind diese Unarten zu beobachten, wenn das Futter nicht schnell genug in der Krippe landet. Scharren und Schlagen sollte in jedem Fall beobachtet werden. Scharren als Zeichen von Schmerzen, Schlagen als Zeichen dafür, dass sich Boxennachbarn nicht verstehen, müssen ernst genommen werden.

Therapeutischer Erfolg mangelhaft

Eine Behandlung oder Verhaltenstherapie für verhaltensgestörte Pferde beginnt erst, wenn vorab pathologischen Veränderungen als Ursache ausgeschlossen sind. „An erster Stelle steht, als Pferdehalter die Konsequenz aus dem Verhalten des Pferdes zu ziehen. Das Verhalten als Reaktion auf nicht pferdegerechte Haltung zu verstehen und Abhilfe zu schaffen“, erklärt Dr. Beimgraben energisch.
Man geht davon aus, dass jedes Lebewesen durch Nachahmung, Erlebnisse und emotionale Reaktionsweisen lernt. Das mag eine Erklärung dafür sein, dass bestimmte Verhaltensweisen bleiben, auch wenn ihre Ursachen beseitigt sind. Der erfahrene Tierarzt: „Trotz aller Bemühungen, sind wir weit entfernt davon, uns auf eine ausgereifte Pferdepsychatrie zu berufen. Mensch und Pferd müssen entsprechend ihrer Persönlichkeit lernen, sich ihren Lebensbedingungen täglich neu anzupassen.“
Da eine einmal etablierte Verhaltensstörung nur schwer oder gar nicht therapierbar ist, kommt der Vorbeugung eine immense Bedeutung zu. Therapeutische Maßnahmen sind nur in Verbindung mit pferdegerechter Haltung möglich. Eine Therapie stützt sich auf drei Komponenten: Verbesserung der Haltungsbedingungen, Änderung im Verhalten des Tierhalters und die eigentliche therapeutische Maßnahme. Ganzjährige Weidehaltung mit Unterstand ist sicher nicht für alle Pferde geeignet und umsetzbar. Eine Suche nach Alternativen zu bewegungsarmen Aufstallungsformen, reglementierten Fresszeiten, Trennung von Artgenossen, überforderndes Training und wenig Außenreizen im Sinne der Pferde jedoch erklärtes Ziel.

-Redaktion Hafensaenger-

 

 

Jaqueline Weidlich

Ein gutes Foto ist ein Foto, auf das man länger als eine Sekunde schaut. -Henri Cartier-Bresson