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Pferdeallergie – Das Ende einer Leidenschaft?

Ein härteres Urteil kann sich ein Reiter wohl kaum vorstellen: Das Hobby Pferd muss aufgegeben werden. Grund dafür kann zum… Artikel lesen

Jaqueline Weidlich
15.08.2018 8 min lesen
(Foto:privat)

Ein härteres Urteil kann sich ein Reiter wohl kaum vorstellen: Das Hobby Pferd muss aufgegeben werden.
Grund dafür kann zum Beispiel eine Pferdeallergie sein. Gerade in den westlichen Ländern leiden immer mehr Menschen unter dieser Krankheit. Aber muss die Diagnose Allergie immer das Ende der Reitkarriere sein?

Als meine Schwester mich fragte, ob ich sie auf einen Ausritt begleiten würde, hatte ich zehn Jahre nicht im Sattel gesessen. Ganz spontan sagte ich zu. Ich war gespannt, wie viel von meinen Reitstunden im Grundschulalter hängen geblieben war und ob die alte Begeisterung noch da war. Als wir uns mit dem Fahrrad auf den Weg machten, war ich ziemlich nervös. Obwohl wir beide wenig Erfahrung mit Pferden haben, sollten wir alleine ausreiten. „Die verleihen ihre Pferde ja nicht zum ersten Mal“, versuchte meine Schwester mir Mut zu machen.

Im Stall angekommen begleitete uns eine nette junge Frau auf die Koppel. Sie zeigte uns unsere Ponys und half uns beim Aufhalftern und Festbinden. Ich wurde langsam entspannter, da ich jetzt genauer wusste, was mich erwartet, und meine Stute einen sehr freundlichen Eindruck machte. Als ich mit dem Putzen anfing, begann meine Nase plötzlich zu laufen. Da ich unter leichtem Heuschnupfen leide und zur Sommerzeit ständig Schnupfen habe, dachte ich mir dabei anfangs nichts. Nach und nach wurden die Beschwerden allerdings immer schlimmer: Als wir mit dem Satteln fertig waren, brannten und tränten meine Augen, ich bekam auch durch den Mund nur noch schlecht Luft und musste wiederholt husten. Prüfend blickte meine Helferin mich an und fragte: „Hast du vielleicht eine Pferdeallergie?“ Spätestens jetzt wurde mir klar, dass ich mittlerweile wohl tatsächlich neben meiner Pollen- auch eine Pferdeallergie entwickelt hatte. Gemeinsam überlegten wir, ob ich den Ausritt trotzdem wagen sollte. Ich entschied mich es zu versuchen. Im Wind ging es mir dann zum Glück etwas besser, sodass ich den Ausritt doch noch genießen konnte. Als mein Pferd das erste Mal eigenmächtig antrabte, wurde ich ganz schön durchgeschüttelt und konnte mir kaum vorstellen, mich über längere Zeit oben zu halten. Wenig später hatte ich mich aber daran gewöhnt und wir galoppierten über die Wiesen. Über die Aufregung und Freude auf dem Pferderücken vergaß ich kurz meine laufende Nase.

Zu Hause entdeckte ich dann allerdings einen Ausschlag in meinem Gesicht. So verbrachte ich den Rest des Tages mit Kühlkissen auf den Augen. Erst die Antiallergietabletten konnten mir richtige Linderung verschaffen. Ich fand die Sache mit meiner neu entdeckten Allergie ärgerlich. Das Reiten hatte mir wirklich Spaß gemacht und ich hätte den Ausflug gerne wiederholt. Dass das jetzt wegen einer Allergie nicht möglich sein sollte, wollte ich nicht einfach hinnehmen. Vor allem für langjährige Reiter muss es schrecklich sein, auf einmal allergisch  auf das geliebte Tier zu reagieren. Als es mir wieder besser ging, ließ ich mir von meinem Hautarzt ein paar Broschüren zum Thema Allergie geben, um mich mehr darüber zu informieren.

 

Nicht die Haare sind das Problem

 

Ich wollte zuerst wissen, wie es genau zu einer allergischen Reaktion kommt und wurde auch schnell fündig. In einem Heft wurde erklärt, dass obwohl meistens von einer Tierhaarallergie gesprochen wird, nicht die Haare die Allergie auslösen, sondern die Hautschuppen, der Schweiß oder Urin der Tiere, die bestimmte Proteine enthalten. Diese sogenannten Allergene haften an den Haaren des Tiers und verbreiten sich mit ihnen in der Luft und der Umgebung. Atmet man solche Allergene ein, reagiert das Immunsystem, als handle es sich um einen zu bekämpfenden Krankheitserreger. Warum ich aber plötzlich so heftig reagiert hatte, obwohl ich doch früher immer problemlos im Stall sein konnte, war mir noch nicht klar. In einer anderen Broschüre fand ich die Erklärung: Allergien sind nicht unbedingt vom Lebensanfang an vorhanden, sie entstehen in der Regel im Laufe der Zeit. Beim ersten Kontakt mit dem Allergen wird der Körper für den Stoff sensibilisiert und bildet Antikörper, ab dem zweiten Kontakt kann es dann zu allergischen Reaktionen kommen. Da eine Sensibilisierung auch später noch eintreten kann, neigen gerade Menschen, die regelmäßig mit Pferden arbeiten und so laufend mit den Allergenen in Kontakt stehen, zur Entwicklung einer solchen Allergie. Warum die Allergie zustande kommt und woran es liegt, dass der eine auf Gräserpollen, der andere auf Pferde allergisch reagiert, ist nach wie vor ungeklärt. Ganz erstaunt las ich dann, dass mittlerweile bereits mehr als ein Drittel aller Deutschen an einer Allergie leidet, was ihr den Titel der Volkskrankheit beschert hat. Und es werden immer mehr: Vor allem unter Kindern ist diese Erkrankung stark verbreitet. Die Allergie selbst ist zwar nicht angeboren, die Neigung zur Entwicklung einer Allergie hingegen wird vererbt. Studien belegen, dass die Wahrscheinlichkeit, eine Allergie auszubilden, umso höher ist, je mehr Familienmitglieder ebenfalls betroffen sind. Und tatsächlich fiel mir dabei ein, dass auch mein Vater an ähnlichen Allergien leidet wie ich.

 

Was kann helfen?

 

Doch welche Behandlungsmöglichkeiten hat man, wenn man sein ganzes Leben mit Pferden verbringt und auf keinen Fall darauf verzichten möchte? Um diese Frage zu klären machte ich mich auf die Suche nach einem Experten, der mir Chancen und Risiken genauer erläutern konnte. Als idealer Ansprechpartner erschien mir Prof. Dr. med. Volker Steinkraus, Gründer des Dermatologikums in Hamburg. Der Hautarzt und Allergologe ist selbst Pferdeliebhaber. Neben seiner eigenen Hannoveraner-Zucht hat er auch sportliche Erfolge vorzuweisen: Bei der Europameisterschaft der Ländlichen Vielseitigkeitsreiter konnte er 1985 und 1989 die Bronzemedaille gewinnen und 1989 in der Mannschaft sogar Gold erzielen. Ich hatte es also mit einem Gesundheitsexperten zu tun, der gleichzeitig Verständnis für die Belange von Pferdefreunden aufbringt. Wie bewertet er die Therapiemöglichkeiten bei Pferdeallergie?

 

Kurzfristige Behandlung mit Medikamenten

 

 Als ich meinen Allergieschub nach dem Reiten hatte, habe ich spontan die meistens erste und schnellste Möglichkeit, der Allergie Herr zu werden, gewählt und Medikamente genommen, sogenannte Antiallergika. Je nach Symptomen sind hier Tabletten, Cremes, Sprays und Tropfen verfügbar. Insbesondere Tabletten haben den Vorteil, sehr schnell zu wirken, auch ich hatte nach einer Stunde schon deutlich weniger Beschwerden. Ich konnte in Erfahrung bringen, dass solche Medikamente mittlerweile kaum noch Nebenwirkungen haben und zum Teil sogar für kleine Kinder zugelassen sind. Nur langfristig sei die Einnahme von Medikamenten keine Lösung, warnt Prof. Steinkraus. Hier werden lediglich die Symptome bekämpft, nicht aber die Allergie selbst. Das kann dazu führen, dass die Allergie immer schlimmer wird, ohne dass der Betroffenen es anfangs bemerkt. „Pferdeallergiker müssen sich darüber im Klaren sein, dass eine chronische Exposition die Erkrankung verschlechtern und bleibende gesundheitliche Schäden verursachen kann“, erklärt der Pferdliebhaber vom Fach.

 

Den Körper an die Allergie gewöhnen

 

Eine andere Therapiemöglichkeit, von der ich schon gelesen hatte und die sich die Fähigkeit des Körpers zur Gewöhnung zu Nutzen macht, ist die Hyposensibilisierung. Ziel ist hierbei, den Körper an das Allergen, auf das er reagiert, zu gewöhnen. Dem Körper werden dann in regelmäßigen Abständen Allergene in geringer Konzentration gespritzt. Die Dosis wird dann nach und nach erhöht und der Körper gewöhnt sich mit der Zeit an das Allergen, sodass die Symptome weniger werden. „Natürlich muss das unter strenger ärztlicher Aufsicht passieren, damit bei möglichen allergischen Reaktionen schnell eingegriffen werden kann“, warnt Prof. Dr. med. Steinkraus. Mit dieser Therapie werden vor allem bei Heuschnupfen gute Erfolge erzielt und die Wirkung kann mehrere Jahre halten. Die Therapie wird in erster Linie bei Allergien angewendet, deren Auslöser man nicht dauerhaft meiden kann. Prof. Steinkraus erklärt mir, dass diese Therapieform bei Pferdeallergie prinzipiell auch in Frage kommt, allerdings seien die Erfolge hier umstrittener. „Im Gegensatz zur Hyposensibilisierung gegenüber Frühblühern, Spätblühern, Insektengift bzw. Hausstaubmilben, wo eine gute Datenlage existiert, sind die positiven Wirkungen einer Hyposensibilisierung gegenüber Pferdehaaren bisher nicht so eindeutig als positiv einzustufen, wie bei den anderen genannten Allergenen“, erläutert er. Trotzdem sei es zumindest immer einen Versuch wert. Problematisch ist hier allerdings, dass Sicherheit herrschen muss, was genau der Auslöser ist. Reagiert man womöglich auf mehrere Allergene, ist eine solche Therapie wenig erfolgversprechend. Manchmal handelt es sich bei der Allergie auch nicht wirklich um eine Reaktion auf das Pferd. Im Fell der Tiere fangen sich sowohl Staubpartikel als auch Pollen, die ebenfalls häufig Allergien verursachen und als Auslöser infrage kommen können. All das muss natürlich im Vorfeld einer solchen Therapie geklärt werden.

 

Nebenwirkungsfreie Behandlung aus Fernost

 

In dem Infomaterial meines Arztes war auch eine sanfte und nebenwirkungsfreie Methode, die Allergiesymptome zu bekämpfen, beschrieben, nämlich die Akupunktur. Die in Asien schon seit Jahrtausenden selbstverständliche Heilmethode gilt hierzulande nach wie vor als alternatives Verfahren und wird nicht von allen Kassen bezahlt. Das liegt unter anderem daran, dass die genaue Wirkungsweise der dünnen Nadeln, die zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) gehören, noch immer ungeklärt ist. Auch hier habe ich vor allem bei der Pollenallergie schon von guten Erfolgen gehört. Prof. Steinkraus betont jedoch, dass diese Therapie nicht bei jedem anschlägt und der Erfolg nicht verallgemeinert werden kann.

 

Allergenfreie Pferde?

 

Bei der Recherche im Internet stieß ich auf die Seite eines Gestüts, das mit Curly Horses wirbt. Diese Rasse mit lockigem Fell verfüge über eine andere Proteinstruktur als andere Pferde und löse so bei manchen Allergikern keine oder deutlich weniger Allergiesymptome aus, sagen die Züchter. Schon der Geruch des Pferdes unterscheide sich von anderen, es rieche eher nach Wolle. Prof. Steinkraus rät hier zu Zurückhaltung: „Wie bei Hunden und Katzen gibt es sicher auch bei Pferden bestimmte Rassen, die weniger oder vermehrt allergieauslösend sind. Diese unterschiedlichen Empfindlichkeiten der Betroffenen auf Pferdehaare variieren jedoch von Person zu Person.“ Bevor man sich für den Kauf eines solchen Pferdes entscheidet, sollte man also auf jeden Fall längere Zeit mit ihnen in Kontakt sein um sicherzugehen, dass keine Reaktion erfolgt. Nicht für jeden sind Curly Horses eine Lösung. Ein weiteres Problem kann hier die Haltung der Tiere sein: Steht das Tier mit Pferden anderer Rassen zusammen im Stall wird der Effekt möglicherweise geschmälert.

 

Verzicht als letzte Möglichkeit

 

Ich musste also feststellen, dass es zwar eine Vielzahl von Möglichkeiten gibt, aber keine Sicherheit. Keine der vorgestellten Methoden kann den Reiter garantiert von seiner Allergie befreien, bei dem einen hilft die Hyposensibilisierung, bei anderen die Akupunktur, bei manchen hingegen schlägt keine Therapie an. In diesem Fall rät Prof. Steinkraus unbedingt zur sogenannten Allergiekarenz, also zum Verzicht auf das Tier. „So verständlich die Leidenschaft für Pferde auch ist, immer muss die Gesundheit des Patienten im Vordergrund stehen“, betont er. Wenn man sich der Allergie dauerhaft aussetzt, werden die Symptome mit der Zeit immer schlimmer und häufig findet infolgedessen das statt was Allergologen einen „Etagenwechsel“ nennen: die Symptome verlagern sich weiter nach unten zu den Bronchien: Der Patient bekommt allergisches Asthma, was sehr gefährlich werden kann. „Die Aufgabe des Reitsportes ist eine sehr harte Entscheidung. Aufgrund einer potenziell lebensbedrohlich verlaufenden Erkrankung gibt es jedoch kaum Ermessenspielräume.“ Auch wenn das unter Umständen ein sehr hartes Urteil ist, muss ich einsehen, dass es manchmal keine Alternative gibt.

 

Vorsichtsmaßnahmen beim Kontakt

 

Wer sich trotz aller gesundheitlichen Bedenken nicht von seinem Pferd trennen kann, sollte sich zumindest die folgenden Ratschläge vom Experten zu Herzen nehmen. „Der Kontakt zu Pferden sollte möglichst nicht im Stall sondern nur im Freien stattfinden.“ Meinen eigenen Erfahrungen entsprechend weist Prof. Steinkraus auf die besondere Belastung beim Putzen hin und rät dazu, die Pferdepflege von jemand anderem erledigen zu lassen. Nach dem Reiten sollte geduscht werden, wobei vor allem das Haarewaschen wichtig ist. Auch Mitmenschen, die sich im direkten Umfeld des Allergikers aufhalten, sollten das beherzigen. Natürlich sollte der Betroffene immer antiallergische Notfallmedikamente bei sich haben. „Zwingend ist dann auch die regelmäßige Überwachung durch einen Allergologen, gegebenenfalls ergänzt durch lungenfachärztliche Untersuchungen.“

Vorsicht ist außerdem geboten, da Pferdeallergien nicht nur durch die Tiere selbst verursacht werden, sondern auch alte Matratzen und Polstermöbel häufig Rosshaar enthalten und gleichermaßen an der Entstehung von Allergien beteiligt sein können.

Ich für meinen Teil werde es vielleicht noch einmal ausprobieren: Meine Schwester hat angeboten, beim nächsten Mal das Putzen für mich zu übernehmen. Wenn auch das nichts hilft, werde ich mich wohl leider in Zukunft von Pferden fernhalten müssen.

-HS-

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