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Impfungen – wann, wie und wogegen?

Die Vorträge der Tierschutztagung in Neumünster Was wie geimpft werden sollte, steht in den Leitlinien der Ständigen Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo… Artikel lesen

Jaqueline Weidlich
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Impfungen müssen in unterschiedlichen Abständen aufgefrischt werden, um einen Schutz zu gewährleisten. Foto: Hanna Stephan

Die Vorträge der Tierschutztagung in Neumünster


Was wie geimpft werden sollte, steht in den Leitlinien der Ständigen Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo Vet). Dort heißt es auch: „Die Impfung ist die wichtigste Maßnahme zur Verhinderung von Infektionskrankheiten und deren Verbreitung.“ In ihrem Vortrag während der Tierschutztagung in Neumünster erklärte Dr. Nina Steenbuck, warum gegen welche Krankheiten geimpft werden sollte und wann.

 

„Durch eine Impfung aktivieren wir das Immunsystem gegen spezifische Stoffe/Erreger.“ Das kann man durch verschiedene Arten der Impfung erreichen. Bei der aktiven Immunisierung werden abgetötete oder abgeschwächte Erreger gespritzt. Daraufhin bildet das Immunsystem Antikörper gegen den Erreger und es werden sogenannte B-Gedächtniszellen gebildet. Diese merken sich, dass sie diese Krankheit schon einmal bekämpft haben, damit sie im Falle eines Infektes innerhalb weniger Stunden eine Immunreaktion auslösen und so dafür sorgen können, dass die Erkrankung nicht ausbricht. „Damit werden Pferde am meisten geimpft“, erklärt Dr. Steenbuck und erläutert weiter: „Es gibt aber auch die Möglichkeit einer passiven Immunisierung. Das bedeutet, dass wir direkt Antikörper geben.“ Diese wirken aber nur kurze Zeit, denn es werden keine Gedächtniszellen gebildet. „Daher wird diese Form nur im Falle einer Infektion mit Tetanus oder der Gefahr einer akuten Infektion genutzt“, weiß die Fachfrau.

Vor der Impfung sollte das Pferd untersucht werden, denn nur ein gesundes, parasitenfreies Pferd kann die gewünschte Immunreaktion ohne Probleme erbringen. „Der Tierarzt sollte einen akuten Infekt ausschließen. Der Halter muss dafür sorgen, dass das Tier parasitenfrei ist. Am besten wird das Pferd zwei Wochen vor der geplanten Impfung entwurmt“, rät Dr. Steenbuck.

In den oben genannten Leitlinien wird zwischen Core und Non-Core Impfungen unterschieden. Erstere sind solche, die jedes Pferd zu jeder Zeit haben sollte. Also Tetanus, Influenza und Herpes. Non Core Impfungen sollten eingesetzt werden, wenn das Pferd mit den jeweiligen Erregern in Kontakt kommen kann. Zu diesen Erkrankungen gehören neben verschiedenen anderen auch Tollwut, West-Nil-Virus und Hautpilz.

Die Impfung gegen Tetanus, also Wundstarrkrampf, ist nicht gesetzlich vorgeschrieben. Allerdings steht im Hygieneleitfaden der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), dass es tierschutzwidrig sei, nicht gegen diese Erkrankung zu impfen. „Tetanusbakterien sind Sporenbildner, die weltweit im Boden vorkommen. Schon durch kleine Verletzungen können sie in den Körper gelangen und dort ein Nervengift, das Tetanustoxin, ausbilden. Sie führen zu nicht kontrollierbarer Verkrampfung der Muskulatur. Das Pferd geht in die sogenannte Sägebockstellung, bekommt eine Kieferklemme und wird extrem schreckhaft“, erklärt Dr. Steenbuck.

Die Ständige Impfkommission Veterinärmedizin gibt Empfehlungen heraus, was wann geimpft werden sollte. Foto: Dr. Nina Steenbuck

 

 

 

 

Turnierpferde schützen

„Pferde sind besonders empfindlich gegenüber Tetanus und die Prognose ist sehr schlecht, meistens endet die Erkrankung tödlich“, erzählt die Tierärztin und fügt hinzu: „Man muss es frühzeitig erkennen und sofort reagieren. Ein Schutz gelingt nur durch die Impfung.“ Empfohlen wird die Grundimmunisierung, die im Alter von sechs Monaten beginnt. Vier bis sechs Wochen nach der Erstimmunisierung erfolgt die zweite Gabe und nach zwölf bis 14 Monaten die dritte. Danach sollte alle zwei bis drei Jahre, je nach verwendetem Impfstoff, aufgefrischt werden. „Man kann auch den Antikörperstatus des Pferdes checken lassen und dann entscheiden, ob eine Impfung notwendig ist“, sagt Dr. Steenbuck.

Anders ist es mit Influenza, also der Pferdegrippe. Hier ist eine Impfung beim Turnierpferd vorgeschrieben. Die Krankheit ist hoch ansteckend und verbreitet sich durch nationale und internationale Turniere sowie den weltweiten Pferdehandel besonders einfach. Sie ist im Gegensatz zu Tetanus selten tödlich, ist aber die wirtschaftlich bedeutsamste Erkrankung des Pferdes. „Influenza gibt es weltweit. Nur Australien, Neuseeland und Island sind frei davon“, erklärt Dr. Steenbuck und fügt hinzu: „Wir hatten in Schleswig-Holstein lange gar keine Fälle. Nun gab es in Holland und Belgien einige Ausbrüche. Dort fanden Turniere statt, an denen auch Pferde aus Schleswig-Holstein teilgenommen haben. Die Turnierpferde haben das Virus mit nach Hause gebracht und hier in Schleswig-Holstein ungeimpfte Pferde angesteckt.“

Die ersten Symptome wie Fieber, Husten und Nasenausfluss zeigen sich nach 24 bis 48 Stunden. Allerdings scheiden die Pferde gleich zu Beginn der Infektion schon Viren aus und diese können bis zu 40 m weit fliegen. „Es reicht also, wenn ein Pferd an einem Stall vorbei transportiert wird“, weiß Nina Steenbuck. In Australien gab es vor einigen Jahren einen Influenza-Ausbruch. Das von einem aus Japan kommenden Zuchthengst eingeschleppte Pferdegrippevirus hat es über die Quarantänestation hinaus geschafft und andere Pferde angesteckt. In der Folge erkrankten in vier Wochen 14.000 Pferde, insgesamt wurden 50.000 Pferde infiziert. „Mir wurde gesagt, der Rennsport habe in Australien einen Stellenwert wie hier der Fußball“, erzählt Dr. Steenbuck. Die ganze „Bundesliga“ Australiens war erkrankt. In der Folge gab es keine Rennen, kein Training, keine Berichte, keine Wetten und die Zucht wurde eingestellt. Der Schaden lag im Bereich von 600.000 Mio. €.

 

Häufige Auffrischung

Die Erkrankung dauert in der Regel zwei bis drei Wochen und kann Langzeitschäden oder schwerwiegende Komplikationen durch eine zusätzliche Infektion mit Bakterien hervorrufen. Da sich Grippeviren ständig verändern, gibt es unzählige verschiedene Stämme. Die Veränderung der Influenza-Stämme wird durch entsprechende Analysen überwacht. Die StIKo Vet gibt daraufhin Empfehlungen heraus, welche Stämme im Impfstoff enthalten sein sollen. „Momentan sollte der Impfstoff die Stämme Florida I und II enthalten“, weiß die Fachfrau.

Auch hier sollte eine Grundimmunisierung stattfinden, die im Alter von sechs Monaten beginnt und nach vier bis sechs Wochen fortgesetzt sowie nach weiteren fünf bis sechs Monaten beendet wird. „Entgegen der Gebrauchsinformation der Influenza-Impfstoffe wird von der StIKo Vet empfohlen und von der FN gefordert, im Anschluss an die Grundimmunisierung alle sechs Monate den Impfschutz aufzufrischen“, sagt Dr. Nina Steenbuck und erklärt: „In verschiedenen Studien wurde gezeigt, dass der Antikörperspiegel nach einem halben Jahr bereits wieder deutlich gesunken ist, sodass die Viren sich im Pferd vermehren können und gegebenenfalls das Pferd auch erkranken kann. Darüber hinaus ist ein Kreuzschutz gegenüber einem anderen Influenza-Stamm umso stärker ausgeprägt, je höher der Antikörperspiegel zum Zeitpunkt der Infektion ist.“

Eine weitere Core-Impfung ist diejenige gegen Equine Herpesviren (EHV). Davon gibt es acht verschiedene. EHV I und IV haben die größte Bedeutung und nur gegen sie kann ein Pferd geimpft werden. Die Ausbreitung ist meist auf einzelne Betriebe beschränkt. Das Besondere an Herpes ist, dass 80 % aller Pferde mit EHV I infiziert sind und bis zu 40 % mit EHV 4. „Das heißt aber nicht, dass sie auch erkranken müssen“, weiß Dr. Steenbuck. Die Infektion erfolgt über Tröpfchen. Danach etablieren sich die Viren im Pferd, es findet aber noch keine Vermehrung statt. „Es ist das gleiche wie beim Lippenherpes. Stress oder Immunschwäche führen zur Aktivierung und es kann zur Krankheit oder auch nur zur Ausscheidung kommen. Dabei müssen keine klinischen Symptome sichtbar werden“, erklärt die Tierärztin. EHV I führt zu Aborten, Atemwegserkrankungen, Husten sowie Fieber und kann in der neurologischen Form das Zentrale Nervensystem angreifen. EHV IV betrifft vor allem junge Pferde und verursacht hauptsächlich Atemwegserkrankungen.

 

Den Bestand impfen

Will man sein Pferd vor einer Herpesinfektion schützen, muss man auch Überzeugungsarbeit leisten, denn wirklich helfen kann nur eine Bestandsimpfung. „Impfe ich nur mein Pferd, schütze ich es auch, aber vor allem scheidet es weniger Viren aus und gefährdet so die anderen Pferde weniger. Es kann aber trotz Impfung erkranken, wobei der Infekt dann nicht so intensiv auftritt“, weiß Dr. Steenbuck. Durch die verringerte Virusausscheidung ist aber der Infektionsdruck für die anderen Pferde geringer und die Wahrscheinlichkeit zu erkranken sinkt. „So bekomme ich einen besseren Schutz des Bestandes“, erklärt die Fachfrau.

Das Fohlen kommt ohne eigenen Immunschutz auf die Welt und muss in den ersten Lebensstunden die Biestmilch aufnehmen. Diese enthält die Antikörper, sodass das Fohlen mit dieser Aufnahme einen passiven Immunschutz erhält. Die korrekte Impfung der Mutterstute führt auch zu hohen Antikörperspiegeln in der Biestmilch und ist damit ein guter Schutz für das Fohlen. Dieser Schutz hält allerdings nur wenige Wochen an. Während dieser Zeit entwickelt sich das Immunsystem des Fohlens, sodass im sechsten Lebensmonat mit den Impfungen begonnen werden kann. Das Impfschema gegen EHV sieht so aus wie bei Influenza: im sechsten Lebensmonat, vier bis sechs Wochen später, sechs Monate später. „Nach der Grundimmunisierung ist hier eine halbjährliche Wiederholung notwendig“, meint Dr. Nina Steenbuck.

Neben den Core-Impfungen empfiehlt die StIKo Vet, das Pferd auch gegen einige andere Krankheiten zu schützen. Zu den Non-Core Impfungen gehört diejenige gegen Drusebakterien. Allerdings wird diese nur als Notfallmaßnahme bei akut infektionsgefährdeten Pferden eingesetzt.

 

West-Nil-Virus anzeigen

Deutschland ist seit 2008 frei von Tollwutviren, daher ist eine Impfung nur bei Reisen in Länder mit bekannter Tollwutproblematik sinnvoll. In Gebieten mit Borreliose sollte auch gegen diese Erkrankung vorgesorgt werden. Durch eine Impfung nimmt die Zecke beim Saugakt die Antikörper auf und die Bakterien werden im Wirt gebunden.

Die Dermatophytose, der Hautpilz, kann sich rasant vermehren. Diese Aufnahme stammt vom 13. September. Fotos: Pferdeklinik Bargteheide

Eine Impfung gegen Hautpilz liegt Dr. Nina Steenbuck besonders am Herzen. „Gerade jetzt, wenn die Pferde eingedeckt sind, es feucht und abwechselnd kalt und warm ist, breitet sich die Dermatophytose sehr leicht aus“, weiß die Tierärztin. Junge und alte Pferde sind prädisponiert. Förderlich sind aber auch belastungs- oder haltungsbedingte Stresssituationen. Übertragen wird die Pferde- beziehungsweise Ringflechte durch Putz- und Sattelzeug, aber auch Chaps und Stiefel. Die Krankheit wird schnell zu einem Bestandsproblem. Der Hautpilz kann sich rasant entwickeln und zeigt sich in rundlichen, haarlosen Stellen, die anfangs leicht nässen. Bei dieser Erkrankung ist das besondere, dass die Impfung nicht nur in der Prophylaxe genutzt werden kann, sondern auch als Therapie bei einer bestehenden Hautpilzerkrankung. „Man muss aber trotzdem noch Hygienemaßnahmen ergreifen“, stellt Dr. Nina Steenbuck klar.

Eine Woche später, am 20. September, hat sich der Hautpilz schon deutlich verbreitet und eine Kruste . Fotos: Pferdeklinik Bargteheide

Noch recht neu in Deutschland ist das West-Nil-Virus. Im vergangenen Jahr trat die Erkrankung hier zum ersten Mal auf. Übertragen wird es von Mücken, Hauptwirte sind Vögel. Viele Pferde bleiben symptomlos oder zeigen grippeähnliche Symptome. Bei einigen Pferden kann es jedoch zu einer Entzündung des Gehirns und der Hirnhäute kommen, deutliche zentralnervöse Störungen wie Stolpern, Ataxie oder Hinterhandlähmung bis zum Festliegen der Pferde sind die Folgen. Das West-Nil-Virus ist anzeigepflichtig, da die Krankheit momentan untersucht wird. Aufgetaucht ist sie bisher im östlichen Teil Deutschlands. Pferde, die in diesen Bereichen leben oder dorthin reisen, sollten laut StIKo Vet geimpft werden. Die Grundimmunisierung sollte am besten vor Beginn der Mückensaison abgeschlossen sein.

Abschließend zitierte die Referentin Prof. Klaus Osterrieder, Mitglied der StIKo Vet, und schloss sich seiner Meinung an: „Aus meiner Sicht ist es unethisch, sein Pferd nicht impfen zu lassen und ihm damit den Schutz vor Infektionskrankheiten zu verwehren.“

-Lena Höfer-

 

 

 

 

 

 

 

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