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Fachartikel der Woche: Momentaufnahme Ankaufsuntersuchung und warum sie trotzdem wichtig ist

Dr. Volker Sill über die Herausforderungen beim Pferdekauf und die nötigen Untersuchungen Die Ankaufsuntersuchung hat seit ein paar Jahren einen… Artikel lesen

Jaqueline Weidlich
02.05.2017 9 min lesen

Dr. Volker Sill über die Herausforderungen beim Pferdekauf und die nötigen Untersuchungen

Die Ankaufsuntersuchung hat seit ein paar Jahren einen ganz neuen Stellenwert bekommen. Heute geht es, neben einer Kaufentscheidung des potentiellen neuen Pferdebesitzers, auch um rechtliche Fragen. Vor allem der Verkäufer ist gut beraten, alle möglichen Mängel seines Pferdes offen zu legen.

Bei der großen Ankaufsuntersuchung werden mehrere Röntgenaufnahmen gemacht. Fotos: Praxis Bargteheide

Es ist noch gar nicht so lange her, da regelte die kaiserliche Verordnung den Pferdekauf. Damals hatten Pferdekäufer wenig Rechte und somit fast keine Chance ein Pferd, das sich als ungeeignet für den Kaufzweck herausstellte, zu reklamieren. Lediglich die Gewährsmängel (Rotz, Dummkoller, Dämpfigkeit, Kehlkopfpfeifen, Periodische Augenentzündung und Koppen) gaben dem Käufer das Recht das Pferd innerhalb von 14 Tagen zurückzugeben. Fing das Pferd also einen Tag nach dem Kauf an zu lahmen, hatte der Käufer Pech.

Das hat sich im Jahr 2002 mit der Umsetzung der Verbrauchsgüterkaufrichtlinie der EU in Deutsches Recht geändert. Pferde werden jetzt rechtlich wie gewöhnliche Sachen behandelt. „Bei einem Verkauf zwischen Händler und Privatperson kann das Pferd zurückgegeben werden, wenn ein gesundheitlicher Mangel auftaucht, von dem bewiesen werden kann, dass er schon vor dem Kauf bestand“, erklärt Dr. Sill, Leiter der Pferdeklinik in Bargteheide. Ein Pferd ist laut Gesetzbuch dann mangelfrei, wenn es bei der Übergabe die vereinbarte Beschaffenheit hat. Ein zum Beispiel als Springpferd verkauftes Pferd muss also Springen können. Ist nichts vereinbart, muss es sich für die gewöhnliche Verwendung eignen und eine Beschaffenheit aufweisen, die bei Tieren der gleichen Art üblich ist und die der Käufer nach der Art des Tieres erwarten kann. „Dabei“, erläutert Dr. Sill, „ist im ersten halben Jahr nach dem Verkauf der Verkäufer in der Beweislast und in den weiteren eineinhalb Jahren der zweijährigen Gewährleistung ist es der Käufer. Somit hat sich das Risiko beim Pferdehandel zur Verkäuferseite verschoben.“ Es ist schwierig zu beweisen, ob ein Mangel schon vor dem Verkauf vorlag oder nicht. Haltung, Training, Reiter und Fütterung haben einen großen Einfluss auf das Befinden und die Leistung eines Pferdes. Gerade deshalb hat die „Momentaufnahme Ankaufsuntersuchung“ eine völlig neue juristische Rolle bekommen.

Pferdetierarzt Sill sagt, dass inzwischen mehr Ankaufsuntersuchungen gemacht werden als früher. „Die neue Regelung führt dazu, dass je mehr Mängel vor dem Verkauf offen gelegt werden, hinterher umso weniger Grund zur Reklamation besteht. So ist es im Interesse des Verkäufers, eine Ankaufsuntersuchung machen zu lassen. Andererseits hat sich herumgesprochen, dass ein billiges Pferd durch Tierarztkosten auch sehr teuer werden kann.“ Das neue Recht im Pferdehandel hat aber nicht nur Einfluss auf die Beweggründe für oder gegen eine Ankaufsuntersuchung. Für die Tierärzte wird das finanzielle Risiko einer Ankaufsuntersuchung immer größer. Klagen und Haftungsansprüche drohen. In der Tierklinik in Bargteheide wird deshalb bei teueren Pferden die klinische Untersuchung kaufpreisabhängig gemacht. Pro 10.000 Euro Kaufpreis wird ein Aufschlag für das Risiko berechnet. Dr. Sill berichtet: „Viele wollen nicht verstehen, warum ich für die gleiche Leistung mehr Geld nehme und sind pikiert, wenn ich nach dem Kaufpreis frage. Anwälte machen das aber auch nicht anders, wenn sie ihre Gebühren streitwertabhängig ausweisen.“ Mit dem durch diese neue Praxis mehr eingenommen Geld, bezahlt die Tierklinik eine extra Versicherung, die sie auch gegen höhere Summen absichert.


Durch das Abtasten überprüft Dr. Sill, ob das Pferd Schmerzen am Rücken hat.

Die kleine Ankaufsuntersuchung

Egal ob der Käufer oder der Verkäufer die Untersuchung in Auftrag gibt und es um die Gesundheit des zukünftigen Pferdes oder Absicherung für den Verkäufer geht: Die Ankaufsuntersuchung wird jedes Mal gleich durchgeführt und immer geht es darum festzustellen, ob krankhafte Erscheinungen in den untersuchten Bereichen vorliegen. „Es kann nicht darum gehen, das Pferd als krank oder gesund zu klassifizieren“, sagt Sill. Vielmehr werde kontrolliert, ob das Pferd bezogen auf den gewünschten Verwendungszweck nicht beeinträchtigt ist. Ist der Pass überprüft und damit sichergestellt, dass auch das richtige Pferd untersucht wird, „beginnt man mit der Adspektion, der Betrachtung des Pferdes und der Palpation, dem Abtasten. Diese äußerlichen Untersuchungen des Tieres mit den eigenen Sinnen und einfachen technischen Hilfsmitteln, werden zusammen als klinische Untersuchung bezeichnet“, erklärt der Pferdespezialist Sill. Angefangen wird bei den augenscheinlichsten Dingen wie Pflege- und Ernährungszustand, die zeigen können, ob das Pferd einen Wurmbefall hat und eher leicht- oder schwerfuttrig ist. Darauf folgen Haut und Haarkleid. Hat das Pferd große Narben, können auch tiefere Strukturen betroffen sein. Hauttumore wie zum Beispiel Schimmelknoten sind Risikofaktoren und müssen protokolliert werden. Weiter werden die Körpertemperatur, der Puls und die Atmungs-Frequenz gemessen. Hieran lassen sich Kreislaufstörungen oder Herzerkrankungen erkennen, sowie Erkrankungen der Atmungsorgane. „Außerdem“, erläutert Dr. Sill „spiegeln diese Faktoren schon den Trainingszustand wieder.“
Auch die Qualität der Bindehäute des Auges wird in der klinischen Untersuchung überprüft. Es gilt vorhandene Entzündungen oder Lidtumore zu entdecken. Eine Augenspiegelung schließt die periodische Augenentzündung oder eine einfache Augenentzündung aus und wird daher ebenfalls vorgenommen. Um Infektionen oder sogar eine Druseerkrankung ausschließen zu können, werden die Lymphknoten unter dem Unterkiefer und seitlich des Halses abgetastet. „Bei einer Infektion vergrößern sich die Lymphknoten“, erklärt Dr. Sill. Nach den Lymphknoten überprüft der Pferdespezialist die Halsvenen an beiden Halsseiten. „Hat das Pferd eine Thrombose oder Entzündung kann eine teilweise oder gänzlich verstopfte Vene zu einem Rückstau des abfließenden Blutes aus dem Kopfbereich in Richtung Herz führen“, begründet Sill sein Vorgehen. Weiter wird auf Nasenausfluss und spontanes Husten geachtet. Ein einseitiger Nasenausfluss könnte zum Beispiel auf eine Erkrankung der Kieferhöhle oder des Luftsacks deuten. Im Weiteren werden das Maul und das Gebiss auf Überbiss, Zahnkanten oder -spitzen und generelle Verletzungen der Mundschleimhaut und der Zunge untersucht. Auch die Oberkieferhöhle wird gecheckt. Dies passiert durch abklopfen. Der Klang zeigt an ob beide Kammern gleichmäßig mit Luft gefüllt sind. „Bei diesen ganzen Untersuchungen achte ich auch auf das Wesen des Pferdes. Wie benimmt es sich unter all den Umwelteinflüssen und was ist es für ein Typ. Das ist unter anderem auch für die weitere Untersuchung wichtig, schließlich habe ich noch so einiges vor mit dem Tier“, berichtet Dr. Sill.
Sind diese ersten Faktoren geklärt, betrachtet Sill das Pferd im Stillstand und sucht Stellungsfehler. Danach ist die Rückenlinie dran. Hat das Pferd einen Senkrücken oder Karpfenrücken, ist es gut und symmetrisch bemuskelt – sind einige Fragestellungen. „Wir achten auch auf die Schweifhaltung. Ist der Schweif abgestellt oder schief, kann das auf Rückenprobleme hindeuten“, verrät Dr. Sill. In der Untersuchung kommt er nun zum Abtasten des Pferdes. „Es muss geklärt werden, ob das Pferd am Rücken oder einer anderen Stelle Schmerzen hat, Gelenke oder Sehnen warm oder geschwollen sind und der Hals schön beweglich ist.“

 

Maul und Gebiss werden von Dr. Sill auf Überbiss, Zahnkanten oder -spitzen und generelle Verletzungen der Mundschleimhaut und der Zunge untersucht.

Das Pferd in der Bewegung

Dieser ganze erste Teil der klinischen Untersuchung fand im Ruhezustand statt. Im weiteren geht es darum dass Pferd in der Bewegung zu beurteilen. Dr. Sill lässt die Pferde im Schritt und Trab auf hartem Boden führen. „Dabei lege ich Wert darauf, dass ich das Pferd sowohl auf gerader als auch auf gebogener Strecke sehe“, sagt Sill. Weiter erklärt er: „Gerade die einseitige Gelenkbelastung kann in Form eines Wendeschmerz, also die Lahmheit in der Wendung, Probleme deutlich machen, die sich vorher nicht gezeigt haben.“ Neben dem Wendeschmerz kann der Tierarzt hier auf Gangunregelmäßigkeiten und Lahmheit kontrollieren. Es folgen die Beugeproben. „Das Ergebnis hängt ein bisschen davon ab wie lange und wie stark man beugt, was im Ermessen des Tierarztes liegt und damit sicher nicht ganz objektiv ist. Trotzdem ist dieser Teil der Untersuchung sehr wichtig“, beschreibt Sill die nicht ganz unstrittige Beugeprobe. Bei dieser auch als Provokationsprobe bezeichneten Methode, werden nacheinander alle vier Beine des Pferdes gebeugt. Anschließend wird das Pferd bewegt und auf eventuell auftauchende Lahmheit geachtet. „Anders als bei einer Lahmheitsuntersuchung, werden die Gelenke vorerst kombiniert gebeugt. Ist dann etwas auffällig, können die Gelenke zusätzlich noch einzeln gebeugt werden“, erläutert Dr. Sill. Die Beugeprobe ist keine Diagnose. Vielmehr kann sie Hinweise liefern, ob und an welcher Stelle genauer untersucht werden muss.

Nach dem Vortraben auf hartem Boden geht es in Bargteheide noch in die Halle auf weichen Boden, denn „Lahmheiten die durch Sehnenprobleme verursacht werden sieht man so besser. Die Pferde sinken mehr ein und haben so eine stärkere Zugbelastung“, erklärt der Tierarzt. Hier müssen die Pferde auch Galoppieren, damit die Untersuchung fortgeführt werden kann. Sill erläutert: „Nach der Belastung werden Herz und Lunge noch einmal abgehört, damit wir den Trainingszustand besser beurteilen können. Außerdem achten wir auf Kehlkopfpfeifen, dass hört man nur bei der Belastung im Galopp.“ Danach gilt es ein wenig abzuwarten bis sich das Pferd wieder beruhigt hat. Ein drittes Mal werden Herz und Kreislauf gecheckt. „Braucht das Tier lange um zu einer ruhigen Atmung zurück zu kommen ist das ein schlechtes Zeichen für den Trainingszustand oder kann ein Hinweis auf eine Herz-Kreislauferkrankung sein“, sagt der Dr. Sill. In Amerika ist es die Regel, dass Verkaufspferde auch unter dem Sattel vorgestellt werden. Sill findet das nicht unsinnig, beurteilt die Pferde aber lieber in völlig freier Bewegung. „Ein guter Reiter kann einen Gangfehler schon mal verschwinden lassen“, erklärt er seine Vorliebe.

 

Bei einer Ankaufsuntersuchung wird das Pferd genau unter die Lupe genommen. Auch Erkrankungen am Auge müssen ausgeschlossen werden.

Große Ankaufsuntersuchung

In der Pferdeklinik in Bargteheide werden bei einer Ankaufsuntersuchung standardmäßig 12 Röntgenaufnahmen gemacht. Dies sind Aufnahmen der Hufrollen, der seitlichen Zehen und der Sprunggelenke aller vier Beine. „Erweiternd kann man Knieaufnahmen machen. In letzter Zeit gibt es eine Tendenz diese zum Standard zu machen“, führt Dr. Sill weiter aus. Eine große Ankaufsuntersuchung dauert in Bargteheide eineinhalb bis zwei Stunden und kostet 570 bis 600 Euro plus Mehrwertsteuer. „Viele lassen auch nur die klinische Untersuchung, also die kleine Ankaufsuntersuchung machen. Die Kostet 270 Euro plus Mehrwertsteuer“, verrät Dr. Sill.
Selbst nach der großen Ankaufsuntersuchung ist es manchmal sinnvoll, in ein paar Extras zu investieren. „Es passiert zum Beispiel öfter, dass Pferde für die Ankaufsuntersuchung präpariert werden“, berichtet Sill. Um da auf Nummer sich zu gehen muss man nicht gleich eine teuere Dopinganalyse (etwa 250 Euro) machen lassen. Stattdessen kann Blut abgenommen und eingefroren werden (Kosten 15 Euro). Im Zweifelsfall wird das dann aufgetaut und kann untersucht werden. „Doping für die Ankaufsuntersuchung findet man gerne mal im Pferdehändlersektor mit Freizeitpferden“, berichtet Dr. Sill. „Inzwischen sind die Tests üblich geworden. Früher galt so was als Vertrauensbruch.“

„Kauft jemand ein sehr teures Pferd, wird schon mal eine Endoskopie der Atemwege verlangt“, berichtet der Tierarzt. Weiter erklärt er: „Wir betäuben das Pferd, schieben einen Schlauch durch die Nüstern in den Rachen und können so vermeintliche entzündliche Veränderungen oder Lehmungserscheinungen des Kehlkopfes entdecken“. Das ist aber nicht die Regel. „Manchmal werden auch Röntgenbilder der Halswirbelsäule und des Rückens gefordert. Ganz selten sogar eine Aufnahme des Kopfes“, weiß der Fachmann zu berichten. Hat das Röntgen einen Befund ergeben, wird dieser nach dem Röntgenleitfaden in eine der vier Röntgenklassen eingeordnet (siehe Kasten). Klasse eins ist dabei die beste. Dr. Sill rät: „Als Käufer nicht zu sehr auf die Röntgenklasse zu gucken.“ Oft wird als magische Grenze die Klasse drei gesehen. Das findet der Spezialist Sill nicht gerechtfertigt. „Man sollte die Befunde nicht so schablonenmäßig irgendwo reinquetschen. Es kommt mehr auf den Einzelbefund an, der dann vom Tierarzt hinsichtlich seiner Bedeutung erläutert werden kann.“

Alles im Gesamtzusammenhang sehen

Wichtig sei es laut Sill, über die Befunde zu sprechen und sie im Gesamtzusammenhang zu sehen. “Je nach geplanter Nutzung des Pferdes, ist ein Befund als kritisch oder weniger kritisch zu beurteilen. Zu Bedenken ist auch, dass ein guter Reiter ein vorgeschädigtes Pferd mit durchdachter Arbeit und artgerechter Haltung und Fütterung lange gesund halten kann, während ein schlechter Reiter oder schlechte Haltung und Fütterung ein gesundes Pferd in relativ kurzer Zeit dauerhaft schädigen können. Außerdem bleibt auch am Ende die Tatsache bestehen, dass eine Ankaufsuntersuchung nur eine Momentaufnahme sein kann und keine Garantie für die Zukunft gibt.“ Lena Dittmer

 

Röntgenleitfaden RöLF
Der Röntgenleitfaden, der heute in der zweiten im Jahr 2007 überarbeiteten Fassung vorliegt, nennt die 286 häufigsten röntgenologisch feststellbaren Veränderungen beim Pferd. Das Risiko dieser Veränderungen wird mit Prozentzahlen belegt und gibt an, in welche Röntgenklasse diese einzuordnen sind. Gibt es mehrere Befunde, wird kein Zwischenwert ermittelt, sonder der jeweils schlechteste Befund zählt. Es gibt vier Röntgenklassen:

Klasse I – Idealzustand. Hier werden nur Pferde ohne besonderen Befund eingeordnet.

Klasse II – Normalzustand. Ein geringes Abweichen der Befunde vom Idealzustand. Das Auftreten von klinischen Erscheinungen in unbestimmter Zeit wird mit einer Häufigkeit unter drei Prozent geschätzt.

Klasse III – Akzeptanzzustand. Befunde, die von der Norm abweichen, bei denen das Auftreten von klinischen Erscheinungen in unbestimmter Zeit mit einer Häufigkeit von fünf bis 20 Prozent geschätzt wird.

Klasse IV – Risikozustand. Befunde, die erheblich von der Norm abweichen, bei denen klinische Erscheinungen wahrscheinlich (über 50 Prozent) sind. Da der Röntgenleitfaden nur eine Interpretationshilfe sein kann, bleibt in Grenzfällen die Entscheidung in welcher Klasse eine Einstufung erfolgt, dem untersuchenden Tierarzt vorbehalten.

 

Dieser Text wurde von der Agentur Hafensänger verfasst. Das Kopieren des Text- und Bildmaterials ist nicht gestattet.

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