Mehr Reitsport, Stallgeflüster

Bogenschießen mal anders

Es gibt viele Sportarten zu Pferd bei denen man die verschiedensten Accessoires benötigt:  Dressurreiten, Polo, Voltigieren, um nur einige zu… Artikel lesen

Jaqueline Weidlich
06. 04 9 min lesen
(Foto:https://www.instagram.com/heikowoelk)
„Menschen-Galopp“ (Foto: horseweb)

Es gibt viele Sportarten zu Pferd bei denen man die verschiedensten Accessoires benötigt:  Dressurreiten, Polo, Voltigieren, um nur einige zu nennen. Doch eine Variante rückt immer mehr in den Vordergrund, die nicht die typische Sportart zu Pferd ist: Berittenes Bogenschießen. Einen Beitrag hierzu hatte wohl auch der neuste Ostwind Teil „Aris Ankunft“, denn hier erlernt die neue Hauptdarstellerin das berittene Bogenschießen mit dem Filmpferd Ostwind. Doch wie sieht das der einzige in Deutschland eingetragene Verein, „Die Steppenreiter e.V.“ das selbst?
Hier hat uns Kathi Mücke, die selbst Mitglied und Schriftführerin ist, Ihre Meinung zu der ansteigenden Popularität gesagt: „Wir sind sehr gespannt, wie die Reiterwelt darauf reagiert. Im Moment sind wir natürlich noch eine eingeschworene Gemeinschaft und pröddeln im Kleinen – etwa 130 Mitglieder bei den Steppenreitern deutschlandweit. Wir freuen uns aber auf die neuen Gesichter, die der Film uns vielleicht beschert.“

Wobei dieser Sport wirklich keine Neuerfindung ist, sondern auf eine lange Tradition in mehreren Ländern zurückblickt. So ist das berittene Bogenschießen in erster Linie eine Kampfkunst und ein Schießsport zu Pferd, die den Geist und Körper schulen soll.

 

Die Steppenreiterin

Kathi Mücke von Die Steppenreiter e.V. (Foto: horseweb)

Wir von horseweb durften Kathi Mücke von „Die Steppenreiter e.V.“ einen Tag lang auf ihrem Kurs begleiten. Doch wer sind die Steppenreiter eigentlich?
Die Steppenreiter wurden 2006 von sieben engagierten Menschen gegründet, um den über ganz Deutschland verstreuten berittenen Bogenschützen eine Anlaufstelle zu bieten. Zudem hat man seitdem auch die Möglichkeit Turniere und Meisterschaften auszurichten. Mittlerweile zählt der Verein ca. 130 Mitglieder, von denen tatsächlich etwas über die Hälfte Männer sind.

In Bezug auf andere ist Kathi nicht das typische Reitermädchen, sie ist nicht als Kind jeden Tag am Stall gewesen und hat eine Ausbildung im Bereich Pferd absolviert. In ihrer Kindheit durfte sie einmal im Jahr für eine Woche auf einen Ponyhof Urlaub machen und arbeitet heute in der IT.
Die Geschichte der Steppenreiterin hat ihren Anfang in reinem Bogenschießen gehabt, da hier in Deutschland zu der Zeit noch keine Spur vom berittenen Bogenschießen zu erkennen war. Vor sechzehn Jahren hat Kathi mit dem Bogenschießen vom Boden begonnen. Drei Jahre später folgte dann ein erster Kurs im berittenen Bogenschießen bei Claus Meyer, dem damaligen deutschen Meister. „Ab da war ich angefixt und die Idee des berittenen Bogenschießens hat mich
seitdem nicht mehr losgelassen.“

Zwei Jahre nach dem Kurs mit Claus Meyer kaufte sich Kathi ihr erstes eigenes Pferd, eine wie sie sagt großartige Tinkerstute, die ihr das berittene Bogenschießen „nachdem wir uns zusammengerauft hatten!“ ermöglichte. Denn die Möglichkeit in eine normale Reitschule zu gehen und mit den Schulpferden anfangen zu wollen auf Zielscheiben zu schießen ist gar undenkbar. So musste Kathi auch erstmal reiten lernen und nahm fortan jede Woche Reitunterricht – bis heute. „Mittlerweile bleibe ich meistens oben, weiß aber, dass ‚gut reiten können‘ als erwachsener Reitanfänger schwer zu erreichen ist.“, so Kathi mit einem Grinsen.

Mittlerweile engagiert sich Kathi als Turnierrichterin und Schriftführerin bei den Steppenreitern e.V. und gibt kleine Einsteiger-Workshops. Den wunderbaren Umstand, dass Kathi nun unterrichtet, hat sie einer Freundin zu verdanken, die sie so lange genervt hat bis sie mit einem Kurs für Freunde anfing. „Das hat so viel Spaß gemacht, dass ich beschloss, das ein wenig auszubauen.“ Beim berittenen Bogenschießen gibt es keinen Trainerschein aber ein Grading- System (Leistungsabzeichen). Hierfür werden bei der jährlichen Mitgliederversammlung Urkunden und Medaillen verliehen.

Doch was faszinierte Kathi so sehr an dem berittenen Bogenschießen, dass sie sich sogar ein eigenes Pferd kaufte und sich dem Reitunterricht stellte? Für Kathi ist die Antwort ganz einfach: „Die Einheit mit dem Pferd, das Vertrauen zwischen beiden, das Adrenalin und die Endorphine beim Schuss und danach, die Balance und Achtsamkeit während des Galopps und die tollen Menschen, die dieses Hobby mit mir teilen!“

 

Das erste Zusammentreffen

An einem sonnigen Sonntag versammelte sich eine kleine Gruppe aus sieben engagierten Menschen in Duisburg, um von Kathi in den Grundlagen des berittenen Bogenschießens unterrichtet zu werden. Alle brachten die Grundvorrausetzungen, die Kathi wichtig sind, zu dem Kurs mit: „Gute Laune, feste Schuhe und ein bisschen Mut.“
Doch leider konnten nicht alle mit Pferd an dem Kurs teilnehmen, was die Stimmung aber nicht trübte. Die beiden Pferde die mit ihren Besitzern am heutigen Kurs teilnahmen waren noch nicht wirklich erprobt im Umgang mit „Berittenem Bogenschießen.“ Doch dieser Kurs ist wohl das beste gewesen um damit zu starten. Die beiden hufigen Teilnehmer waren ein Tinker-Mix und ein Isländer. Bei einem Pferd das schon geübt darin ist auf die Bahn zu gehen, hat es ein Anfänger leichter im Sattel zu schießen. Man kann sagen, dass man einen mutigen Reitanfänger durchaus auf ein gut ausgebildetes Pferd setzen kann und dieser am Ende des Tages im Galopp über die Bahn reitet und Pfeile in die richtige Richtung schießt.

(Foto: horseweb)

Doch bis es für den Tinker-Mix und den Isländer soweit war, brauchte es noch viel Übung. Aber, Übung macht bekanntlich den Meister aus. So sollten die beiden erstmal an die neue Situation gewöhnt werden. Was an diesem Tag der Fall sein sollte. Denn gerade bei einer schnurgeraden abgesteckten Strecke, wie sie auch hier vorzufinden war, kommt es häufiger vor, dass Pferde diese Situation ausnutzen und erstmal losspurten, so Kathi.

 

Die Hobby-Schützen

Die kleine Hobbygruppe in Duisburg besteht insgesamt aus ca. 25 Anfängern und fortgeschrittenen Bogenschützen, wobei die Zahl stetig steigt. So trifft sich die Gruppe alle zwei Wochen zum Schießen, um im Training zu bleiben.

Foto: Markus Laghanke (instagram.com/markuslaghanke)

Annika, eine Teilnehmerin welche mit dem Tinker-Mix „Moppel“ dabei war, erzählte wie sie selbst zu der Gruppe kam: „Die Gruppe gab es schon länger. Ich bin durch Kathi dazu gekommen, da sie mit der Gründerin der Gruppe einen gemeinsamen Kurs gegeben hat, an dem ich teilgenommen hatte.“ So ist es für Annika das zweite Mal,  dass sie mit ihrem Pferd dabei ist. Kathi selbst hat sie in einem Pferdeforum vor neun Jahren kennengelernt. „Es war das zweite Training bei den Steppenreitern zu Pferd. Sonst habe ich mit meiner Gruppe nur am Boden geschossen. Moppel und ich machen das also zum zweiten Mal auf einer abgesteckten Bahn, sonst haben wir immer nur alleine auf dem Reitplatz geübt. Man muss viel Eigeninitiative zeigen. Wir machen das jetzt ca. 2 Jahre.“

Es hat sich schnell ein passender Ort bei Duisburg gefunden an dem man die 90 Meter lange Strecke abstecken konnte. Links von der Strecke war ein kleiner Damm, passend für die drapierten Zielscheiben. Gerade für eine solche Sportart sind Pferde die häufig im Gelände geritten werden, viel kennen und nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen sind perfekt. Hier spielt, laut Kathi die Rasse keine große Rolle „Wir haben alles dabei, Shettys, Traber, Isländer, Shires, Tinker, Quarter, Warmblüter, Kaltblüter, Haflinger, Criollos, Friesen, Mixe aller Art, einfach alles..!“

Foto: Markus Laghanke (instagram.com/markuslaghanke)

 

Es ist von Vorteil, wenn man eigene Pferde dabei hat oder man Pferde zur Verfügung hat, auf denen man an dem Kurs teilnehmen kann, da Kathi leider keine Möglichkeiten hat den Kurs mit eigenen Pferden anzubieten. Doch wenn man etwas Fahrt auf sich nimmt findet man in der Eifel eine Waldranch die einige Leihpferde hat und immer wieder mal Kurse anbietet.

 

 

 

Das Aufwärmen

(Foto: horseweb)

Doch bevor man überhaupt den Bogen in die Hand nimmt, sollte man sich wie bei jedem Sport, aufwärmen. Beim Bogenschießen stehen Schulter,- Arm-, und Rückenmuskulatur im Mittelpunkt. Darum sollte man diese Körperpartien besonders dehnen, strecken und kreisen. Die kleine Gruppe hatte sich ca. zehn Minuten aufgewärmt. Das nur die beiden Reiter eigene Bögen und Pfeile hatte war gar kein Problem, denn Kathi hatte genug Leihgeräte dabei.
Bei den mitgebrachten Bögen handelte es sich um sogenannte Reiterbögen die etwa bei 100 Euro starten. Hier ist es fast wie in der ganzen Reiterszene, nach oben gibt es keine Grenze, so gibt es Reiterbögen auf dem Markt die auch schon mal ca. 2000 Euro kosten können.
Weiter benötigt man mindestens 12 Pfeile um nicht zu oft zur Zielscheibe rennen zu müssen und die Pfeile wieder zu holen. Was von Vorteil ist, wenn man die Bahn zu Pferd abgaloppiert. Die kostengünstigsten Pfeile liegen hier bei ca. 70 Euro für 12 Stück. Zusätzlich kann man sich natürlich auch mit allerlei Accessoires eindecken.

Wenn man Kathi in Bielefeld besuchen würde, kann man sich das abstecken sparen, da auf die Kursteilnehmer eine 90-Meter Bahn wartet, auf der vom Frühjahr bis hin zum Herbst so ziemlich jede Woche trainiert wird. Wem jetzt Bielefeld zu weit ist, kann einfach mal auf die Homepage der Steppenreiter e.V. vorbeischauen, denn deutschlandweit sind viele Bahnen zu finden.

 

Übungen zu zweit…

(Foto: horseweb)

Nun war die Technik endlich dran. Hierzu muss man auf die richtige Grifftechnik, Stand und Position des Bogens und der Pfeile achten. Es hatten sich jeweils Pärchen zu zweit gebildet und eine dreier Gruppe. Abwechselnd sollten die Teilnehmer nun auf die Hindernisse schießen und sich gegenseitig korrigieren. Zudem ist Kathi von Gruppe zu Gruppe gewandert und hat ebenfalls Hilfestellung gegeben. Hier wurden dann kleine Fehler ausgebessert, die sich in den Trainingseinheiten zuvor eingeschlichen hatten.
Nachdem die Ziele mehrfach beschossen wurden, sollte sich der Schwierigkeitsgrad etwas erhöhen – Ziele in der Bewegung treffen. Da beim berittenen Bogenschießen die Zielscheiben fest installiert sind und man eine festgelegte Bahn ablaufen muss, wurde die Strecke zunächst mit dem gehorsamsten Pferd abgaloppiert – dem imaginären Pferd.

„Menschen-Galopp“ (Foto: horseweb)
(Foto: horseweb)

Nach und nach galoppierten die Teilnehmer also hüpfend im Menschen-Galopp die Bahn entlang und zielten auf die Zielscheiben. Immer am höchsten Punkt, wenn man hochspringt, sollte geschossen werden. Das klappte ganz gut und alle Teilnehmer konnten kleine Erfolgserlebnisse verzeichnen.

 

 

Hoch zu Ross

Nach mehrmaligem Wiederholen war es für die zuschauenden Pferde auch endlich soweit, ihr Einsatz war gefordert! So sattelten die beiden Kursteilnehmer ihre Pferde und machten sich bereit für die Bahn. Hierbei muss man beachten, dass der Bogen und die Pfeile gut verstaut sind und das Pferd nicht ausversehen piekst. So ist es ratsam sich die Ausrüstung angeben zu lassen, wenn man auf das Pferd steigt.

Phantom-Bogen (Foto: horseweb)

Doch bevor man mit der Ausrüstung auf die Bahn geht hatte Kathi noch einen guten Tipp, den die beiden Reiterinnen auch gleich beherzigten: Die Strecke mit einem Phantom-Bogen abzureiten um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie sich das Pferd unter einem verhält. Denn während dem schießen lässt man die Zügel los und steuert das Pferd nur mit den Bein-und Gewichtshilfen. Hier kommt es auf eine perfekte Kommunikation zwischen Mensch und Reiter an.
Doch wie schon zu Anfang erwähnt ist das eine reine Übungssache, da die meisten Reiter beim Reiten die Zügel immer in der Hand behalten. So ist das üben ohne Pfeil und Bogen sehr wichtig um Mensch und Pferd nicht zu verletzten. Hier kommt natürlich die Frage auf, welche Gefahren das berittene Bogenschießen birgt. Kathi beantwortete diese Frage mit folgenden Worten: „So einige! Pferde und Menschen sind nun mal keine Maschinen und es kann natürlich immer etwas passieren. Da wir in der Einführung bei Kursen aber sehr auf die Vermittlung der Sicherheitsregeln achten und es auf Turnieren auch immer vorher ein Sicherheitstraining gibt, minimieren wir das Risiko von Unfällen deutlich.“

Nach der Übung ohne richtigen Bogen sollten die beiden Reiter nun auch mit Pfeil und Bogen auf die Bahn. Das klappte für die ersten Versuche schon ganz gut, auch wenn die Bahn, wie zu Anfang erwähnt, schon reizvoll war und diese zügiger abgaloppiert wurde als geplant. Doch nach mehrmaligen üben und Hilfestellung von Kathi klappte es auch schon ganz gut und Pfeile flogen durch die Luft.

 

Ein Tag geht zu Ende

Da irgendwann alles einmal vorbei sein muss, war auch hier das Ende des Kurses erreicht. Hier ein kleines Fazit von Annika, die mit ihrem Moppel dabei war: „Es ist ein tolles Gefühl eine Einheit mit dem Pferd zu sein und zu merken, dass es dem Pferd genau solche Freude bereitet wie mir (wie man bei Moppel vermutlich gesehen hat… ). Vertrauen gehört auf jeden Fall dazu. Es ist eine tolle Abwechslung zum “normalen” Reiten. Für mich vereinen sich da zwei Hobbys. Es war einfach super! Tolle Tipps, eingeschlichene Fehler vom selbstständigen üben wurden korrigiert und es wurde motiviert immer weiter zu machen. Außerdem haben wir eine mega tolle Truppe! Es macht immer Freude das gemeinsame Hobby zu teilen.“

 

Wer jetzt Lust bekommen hat Kathi für einen Kurs einzuladen sollte einiges beachten: „Hauptvoraussetzung ist, dass es nicht so weit weg von Bielefeld entfernt ist. Wir haben aber in jeder Ecke von Deutschland Trainingsmöglichkeiten, die auf der Homepage der Steppenreiter eingesehen werden können. Ich gebe gerne Einsteiger-Workshops über einen oder zwei Tage sofern sich mindestens 4 Personen zusammenfinden. Eine trockene Wiese oder ein Reitplatz mit freiem Feld dahinter wären schön. Das Equipment (Bögen, Pfeile, Zielscheiben, etc.) bringe ich mit. Pferde wären schön, sind aber kein Muss.“

Wir bedanken uns bei Kathi von „Die Steppenreiter e.V.“ dafür, dass wir sie einen Tag begleiten durften und an die kleine Gruppe Hobby-Schützen!

 

Danke an die beiden Fotografen:
Markus Laghanke – @Instagram.com/markuslaghanke
Heiko Wölk – @Instagram./com/heikowoelk

 

Hier nochmal ein paar Eindrücke vom Tag:

Jaqueline Weidlich

Ein gutes Foto ist ein Foto, auf das man länger als eine Sekunde schaut. -Henri Cartier-Bresson

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