Interview mit Mylene Diederichsmeier

von Jaqueline Weidlich
12. Mai 2010
12.05.2010
ca. 6 Minuten

„Die Situation ist sehr schwierig für mich“

Gerade erst gelang es Mylene Diederichsmeier den Turnierplatz in Bad Oeynhausen als Vizechampioness der Berufsreiter zu verlassen. Mit ihren Top-Pferden Soloterma und dem erst neunjährigen Royale´s Son reitet sie wieder in der Erfolgsspur. Doch wie lange geht das noch so weiter? Nach der Entscheidung von Mylenes Sponsoren, Lutz und Christa Goessing, ihren Turnierstall zu schließen, gibt es viele Fragen.

Einige davon versucht die 32-jährige hier zu beantworten – obwohl ihr das in der aktuellen Situation nicht leicht fiel…



Alexandra Koch: Nachdem uns die Neuigkeiten erreichten, dass Ihre Sponsoren Lutz und Christa Goessing ihren Turnierstall zum Ende des Jahres hin aufgeben werden, stellten sich viele Fragen. Vor allem natürlich, wie Sie Ihre Zukunft nun planen…



Mylene Diederichsmeier: Ich habe vor in die Nähe von meinem Freund Carsten-Otto Nagel zu gehen, damit wir zusammen wohnen können. Ich suche im Raum Hamburg einen geeigneten Stall, wo ich Boxen pachten kann, um dort meine Berittpferde unterzustellen. Eine Anstellung schließe ich nicht aus. I ch muss erstmal für alles offen sein, dennoch will ich gleichzeitig genug Freiraum haben, um mir auf selbständiger Basis etwas aufzubauen. Man muss einfach sehen, was sich bis Ende September so ergibt und was ich dann für Möglichkeiten habe. Carsten ist voll eingespannt auf dem Moorhof, so dass wir zusammen wohnen können, aber unseren Arbeitstag getrennt verbringen werden.



AK: Wie fühlen Sie sich in dieser Situation:


MD: Die Situation ist sehr schwierig für mich im Moment. Dennoch beantworte ich Ihre Fragen gerne. Vielleicht hilft es mir ja auch weiter, wenn andere Leute das Interview lesen und dann möglicherweise Interesse haben, mir Pferde in Beritt zu geben oder einen guten Stall in der Nähe von Hamburg wissen. Darauf hoffe ich…

Pläne sind derzeit schwer zu sagen, ich muss ja erstmal sehen wie alles für mich weitergeht.




AK: Sie reiten ja schon sehr lange für die Familie Gössing…


MD: Ich reite für Familie Goessing bereits seit 10 Jahren. Familie Goessing sind nicht nur einfache Pferdebesitzer für mich, sondern wir haben ein sehr enges und gutes Verhältnis. Sie haben es an nichts fehlen lassen und auch nie die guten Pferde verkauft – selbst wenn hohe Gebote gemacht wurden. Ich habe alle Freiheiten gehabt und durfte die Pferde wie meine eigenen behandeln. Sie haben in all den Jahren vollstes Vertrauen zu mir gehabt, dadurch ist das Verhältnis sehr eng. Das alles fällt nicht nur mir sehr schwer, auch für sie ist es ein schwieriger Schritt. Dass ich zudem

sehr an den Pferden hänge, brauche ich glaub ich nicht zu erwähnen.



AK: In jedem Fall wünsche ich Ihnen viel Glück bei allem, was kommt.

Gehen wir zu einem anderen Thema: das Berufsreiter Championat in Bad Oeynhausen. Als Vizechampionesse konnten Sie vom Platz reiten – doch davor stand der traditionelle Pferdewechsel. Haben Sie vorher schon einmal einen Pferdewechsel geritten?


MD: Ich habe im Jugendbereich schon einmal einen Pferdewechsel mitgemacht, da musste man aber nur ein anderes Pferd reiten. Das hat mir damals auch schon Spaß gemacht. Der Pferdewechsel in Bad Oeynhausen war sehr spannend, weil ja nicht alles so rund lief. Das Pferd von Florian (Florian Meyer zu Hartum, am Ende Dritter, A.K.) ist noch relativ jung und unerfahren und hat unter ihm in der ersten Runde etwas Unsicherheit gezeigt. Ich musste dann den Hengst als nächstes reiten, sodass ich schon etwas aufgeregt war. Ich kannte ihn nicht und musste ihm genügend Vertrauen geben, damit er wieder etwas Sicherheit bekommt. Gott sei Dank ist das gut geglückt. Das Pferd von Felix (Felix Hassmann, der Sieger) hatte ich mir sehr stark im Maul vorgestellt, aber als ich drauf saß, war ich positiv überrascht. Im Großen und Ganzen hat es Spaß gemacht – das ist mal was ganz anderes. Ich bin es aber auch gewohnt viele verschiedene Pferde zu reiten, dennoch gefiel mir meine Soloterma am Besten.
Sie kann auch zickige Tage haben, aber sie war schon das ganze Wochenende in Bad Oeynhausen unheimlich locker und zufrieden, sodass Florian und Felix auch nur positive Worte für Soloterma hatten. Sie war letztendlich das beste Pferd des Championats und hatte nicht einen einzigen Springfehler.



AK: Soloterma, die ab und zu auch im Parcours auskeilen kann, ist Ihr derzeitiges Top-Pferd. Für viel Aufsehen sorgt aber auch Royale´s Son (Sieger Youngster Cup Finale 2009 bei den Munich Indoors, 2. Platz Großer Preis von Bad Oeynhausen 2010)…


MD: Sonny ist erst 9 Jahre, hat aber schon viele tolle Erfolge erreicht. Er ist hoch talentiert und muss nur noch etwas Erfahrung sammeln. Solo ist schon erfahrener, dadurch kann sie im Moment noch leichter die schwereren Prüfungen gehen. Beides sind tolle Pferde.

Soloterma hat viel Springvermögen, ist aber sehr launisch. Viele Sachen müssen stimmen, damit sie volle Leistung bringt. Können tut sie alles, aber es ist schwierig ihre volle Konzentration zu bekommen…


Sonny ist sehr ehrgeizig, vorsichtig und will immer sein Bestes geben. Manchmal ist er unkonzentriert, weil er sich mehr mit der Umgebung und dem Drumherum beschäftigt, als mit den Sprüngen selber. Passiert oft bei kleinen Sprüngen, das ist dann wohl nicht genügend Herausforderung (lacht).

Aber wenn es auf ihn ankommt, dann kann ich auf ihn zählen. Oft ist er sehr aufgeregt und etwas nervös, aber im entscheidenden Moment konzentriert er sich. Er liebt es schnell zu gehen. Langfristig geplant ist dann die Deutsche Meisterschaft bei den Damen in Münster mit ihm.


Er ist verliebt in meine Stute Anuberta. Wenn sie auf dem Turnier nicht neben ihm steht, gerade spazieren ist oder so, dann wartet er solange an der Tür bis sie wieder da ist, dann kann er noch nicht mal weiter sein Heu fressen. Ich weiß aber nicht, ob ich das jetzt verraten durfte…(lacht)



AK. Wie ist Royale´s Son zu Ihnen gekommen? Seit wann reiten Sie ihn?

MD: Sonny haben meine Sponsoren Christa und Lutz Goessing für mich vor 2 Jahren gekauft, als er noch 6-jährig war. Wir fanden ihn schon 5-jährig sehr gut, da war er aber nicht zu verkaufen. Also reite ich ihn jetzt knapp 2 Jahre.



AK: In seiner Abstammung steht „Vater: Junghengst nicht gekört“ – Gibt es  genauere Informationen, wer dieser Hengst war?

MD: Sonny wurde von Herrn Waning aus Münster gezogen. Herr Waning hat einen nicht gekörten Junghengst gehabt, der von Romadour II  x Frühlingstraum II abstammt. Er hat mit diesem Hengst nur für private Zwecke gezüchtet. Sonnys Mutter stammt von Goldlack ab. Sonnys Großmutter heißt Goldcoin und sie habe ich selber als Junge Reiterin geritten.

Goldcoin war damals mein erstes Pferd für die schweren internationalen Springen. Mit ihr habe ich viele gute Platzierungen in Großen Preisen, Nationenpreisen und sogar Weltcup Springen gehabt. Das war so um 1997.

Sonnys Vater ist mittlerweile 26 Jahre und Wallach. Er hat auch noch andere Nachkommen, aber Sonny ist natürlich der Beste.


AK: Wie geht es eigentlich Ihrer Stute Countess G, mit der Sie so viele Erfolge feiern konnten, unter anderem Zweite der Riders Tour 2005 waren?


MD: Countess G ist tragend von Camax L, einem dreiviertel Bruder von Cornet Obelensky. Ihr Fohlen wird in den nächsten Wochen zur Welt kommen. Ihr geht es sehr gut, sie steht im Stutenstall, circa 500 m von unserem Turnierstall entfernt, gehe sie jeden Abend besuchen und bringe ihr Bananen, die liebt sie.



AK: Mit 32 sind Sie seit Jahren im Top-Sport dabei. Wie waren eigentlich Ihre Anfänge?


MD: Ich habe mit 8 Jahren angefangen, mein Vater hat damals die Reitschule Deutschlandhalle in Berlin übernommen, da lag es für mich nahe, auch anzufangen zu reiten. Ich habe erst Ponys geritten, dann aber schnell gleichzeitig auch Pferde. 1989 bin ich mein erstes Turnier geritten. So ging das dann immer weiter… Sehr bald standen nur noch die Pferde im Vordergrund. Meine Eltern haben mir gesagt, wenn ich mein Abitur mache, darf ich ein Jahr lang nur Reiten und schauen, wie weit ich komme. Eine Zeitlang haben wir überlegt, ob ich professionell Skifahren möchte, da mein Papa 20 Jahre Skilehrer war, und meine Schwester und ich natürlich das Skifahren auch von Kleinauf gelernt haben. Aber die Pferde haben dann doch gewonnen. Nach meinem Abitur bin ich ein dreiviertel Jahr zu Kurt Gravemeier nach Münster gegangen. Die ganze Zeit dort verlief sehr gut, ich habe viel gelernt und bin noch mehr in den internationalen Sport gekommen. Nach diesem Jahr war klar, dass ich Profireiterin werden würde…



AK: Oft sieht man Sie auf Turnieren mit Ihren Eltern und Ihrer jüngeren Schwester Mynou, die auch Turnierreiterin ist. Sie scheinen ein sehr intensives Verhältnis zu Ihrer Familie zu haben…


MD: Meine Schwester und ich haben ein sehr enges Verhältnis. Wir telefonieren mehrere Male am Tag und wir versuchen natürlich auch auf die gleichen Turniere zu fahren. Manchmal kommt sie auch zu mir zum Training und auf den Turnieren helfen wir uns natürlich auch gegenseitig. Sie hat großes Vertrauen, wenn ich ihr etwas sage, was mit den Pferden zu tun hat. Da gibt es kein wenn und aber, in anderen privaten Dingen dann schon eher. Aber nein – wir verstehen uns sehr gut. Ich glaube, wir haben auch ein sehr enges Verhältnis zu unseren Eltern. Sie kommen immer mit auf die Turniere. Manchmal müssen sie sich aufteilen, weil wir auf verschiedenen Turnieren reiten. Wenn ich mal krank im Bett liege, kommt meine Mama sofort nach Westfalen mich gesund pflegen.



AK: Welches sind eigentlich für Sie die schönsten und bedeutendsten Erfolge, auf die Sie zurückblicken können?


MD: Woran ich mich immer gerne erinnere, ist meine Stute Rainy Day. Mit ihr habe ich in der Junioren und Junge Reiter Zeit meine ersten internationalen Springen geritten und gewonnen. Ich habe mit ihr als Junger Reiter (20 Jahre) zwei Springen auf dem CSIO Aachen gewinnen können.

Dann erinnere ich mich natürlich sehr gerne an Countess, als Deutsche Meister in Mannheim 2002 geworden sind oder in der Riders Tour  Zweite geworden sind. Es gibt sehr viele tolle Momente. Mir fallen einerseits natürlich die großen Erfolge ein, aber ich denke ein bisschen mehr einfach an die tollen Pferde, die ich schon sehr vermisse. Rainy Day und Countess waren absolute Ausnahmepferde. Aber ich habe ja immer wieder tolle Pferde, die auch ihren Weg gehen werden…


AK: Vielen Dank für das Interview. Und ganz besonders viel Glück für die Zukunft!




Alexandra Koch, Mai 2010

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