Land und Leute

Warum gründet Nahles einen Pferde-Kreis?

Berlin. Andrea Nahles (48) reitet seit ihrer Kindheit. Jetzt will sie mit Kollegen von CDU und FDP einen „Parlamentskreis Pferd“… Artikel lesen

Larissa Lienig
30.10.2018 4 min lesen
Symbolbild (Foto: Pixabay)

Berlin. Andrea Nahles (48) reitet seit ihrer Kindheit. Jetzt will sie mit Kollegen von CDU und FDP einen „Parlamentskreis Pferd“ im Bundestag ins Leben rufen. In der Einladung zum Gründungstreffen im November werden Gründe für die große „Bedeutung des Pferdes als Freizeitbegleiter, Partner im Sport, als Wirtschaftsfaktor und als Kulturgut“ aufgelistet: u.a. Fachzeitschriften, 1,6 Millionen Reiter, Therapie-Begleiter. In der Runde sollen sich künftig alle Interessierten über aktuelle Themen „aus der Pferdewelt“ informieren und diskutieren können, heißt es weiter. Quelle: BILD.de, 16.10.2018

 

Ein Kommentar von Martin Stellberger, Redaktionsleiter Pressedienst des Pferdesportverbandes Baden-Württemberg:

Es war vorhersehbar, dass die obige Meldung Aufsehen erregen wird. Bei den Pferdefreunden für Erstaunen, bei den politisch kritischen Wegbegleitern gab es gar recht hämische Bemerkungen gegen die Partei- und Fraktionsvorsitzende der SPD, Andrea Nahles, im Sinne von: „Hat die jetzt nichts Besseres zu tun, als sich um Pferde zu kümmern?“ Und genau gegen diese Miesmacher wendet sich dieser Kommentar.

 

  1. Die Kritikaster übersehen, dass sich der Arbeitskreis ausdrücklich „parteiübergreifend“ versteht: 1x SPD, 2x CDU, 1x FDP! Die Idee stammt eigentlich von dem FDP-Mann Pascal Kober, evangelischer Theologe und Obmann im Ausschuss Arbeit und Soziales, seines Zeichens Reutlinger, Baden-Württemberg also! Zudem ist er Mitglied im Verein zur Förderung der Ausbildung im Pferdesport und zur Pflege von Kulturwerten beim staatlichen Haupt- und Landgestüt Marbach!
  2. Die Gründung dieses „Parlamentskreises Pferd“ war beim Parlamentarischen Abend der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) im März 2018 (!) angekündigt worden. Vor allem der Abgeordnete Dieter Stier (CDU), Landwirt und Reitlehrer aus Sachsen-Anhalt, habe sich dafür eingesetzt, heißt es. Dazu kommt Alois Gerig (CDU), Vorsitzender des Agrarausschusses, Landwirt und Betreiber des familieneigenen Ferienbauernhofes Schlempertshof bei Höpfingen im MainTauber- und Neckar-Odenwald-Kreis. Dass Andrea Nahles dazu stieß, liegt sicher auch daran, dass sie einen Friesenwallach besitzt und seit Kindertagen mit Pferden vertraut ist. Ehrengast der Gründung soll „Welt“-Herausgeber Stefan Aust sein. Auch er ist bekannt als Pferdefreund und nicht nur als „kritischer Berufsbeobachter“ der Berliner Politikszene.
  3. Die Bedenkenträger und zum Lachen in den Keller Gehenden zeigen mit ihrer Häme, dass sie rund 4,6 Millionen Reiter in Deutschland (laut Allensbach 2016) überhaupt nicht auf ihrem kleinen Horizont-Gedanken-Politik-Schirm haben. Sie vergessen auch, dass mehr als 300.000 Menschen ihren Lebensunterhalt direkt oder indirekt mit dem Pferd verdienen, allein in Deutschland! Und: Laut FN-Mitgliederstatistik sind rund zwei Drittel Frauen und Mädchen allein in den 7.521 FN-Reitvereinen engagiert, die übrigen Vereine und Verbände wie VFD oder EWU nicht mitgerechnet. Laut Deutscher Reiterlicher Vereinigung belaufe sich der jährliche, wirtschaftliche Umsatz auf 4,6 Milliarden Euro. 10.000 Betriebe und Unternehmen leben von der Pferdewirtschaft.
  4. SPD-Bundestagsabgeordnete fragten, ob sich die Vorsitzende wegen der SPD-Krise nicht auf andere Dinge konzentrieren sollte? Natürlich, könnte man antworten. Aber die Kritikaster vergessen: „Wie kein anderes Tier hat das Pferd den Menschen beeinflusst. Über 5000 Jahre prägte das Pferd Fortbewegung und Transport, Landwirtschaft und Militär“, wie es im Einladungsschreiben der Gruppe heißt.
  5. „Tiere gehen immer“ ist ein bösartiges Ausschlagen von Leuten, die nicht anerkennen wollen, dass Parlamentarier auch Menschen mit ganz eigenen Gefühlen, Achtung, Zuneigung und Liebe zum Pferd im Besonderen sein können, wollen und sollen.
  6. Alles der Tagespolitik unterordnen zu sollen oder zu müssen ist eine Forderung, die aus Missachtung erwächst. Und: Manchmal kommen Termine, die eigentlich länger bekannt sind, eben mit Situationen zusammen, die weniger amüsant sind. Das mag unglücklich wirken, ist aber so auch nicht gewollt. Sagt man solche Termine dann einfach ab? Das wäre ganz schlechter Stil.
  7. Freilich kann man sagen, in Zeiten, in denen Europa wankt, Donald Trump Hasardpolitik betreibt, die Italiener verrücktspielen, die Briten Europa verlassen wollen, Putin über Raketen verhandeln soll (man könnte ihn ja einladen zu den deutschen Pferdefreunden), die CSU einen Koalitionspartner braucht und Hessen am Wahlergebnis knabbert, haben solche „Kinkerlitzchen“ keinen Platz. Das aber zeigt, dass manche, die sich kritische Zeitgenossen nennen, verlangen, Politiker sollten ihre menschliche Seite beieite lassen. Das aber führt zu Unmenschlichkeit.
  8. Andrea Nahles, Dieter Stier und Alois Gerig sowie Pascal Kober sollen am 20. November 2018 den „Parlamentskreis Pferd“ gründen. Es gibt neben allen wirtschaftlichen Argumenten (s.o.) noch Millionen von Pferdefreunden, die sich kein eigenes Pferd leisten wollen oder können, die sich aber doch vielfach in einem Reiterverein engagieren oder einfach nur Pferde mögen. Die Politiker wissen hoffentlich auch zu schätzen, dass die Jugendarbeit in den Reitvereinen eine besonders wertvolle ist.
  9. Dass Andrea Nahles als begeisterte Reiterin bezeichnet wird, macht sie menschlich sympathisch. Es muss für sie und die anderen Politiker die Möglichkeit geben, ihre persönlichen Lebensinhalte zu leben und zu erleben. Dort können sie Kraft tanken für den täglichen Politiksmog, der sie umgibt und für den sie selbstverständlich auch immer mal wieder selbst verantwortlich sind.
  10. All die Kritiker liegen falsch! Die Bedeutung des Pferdes in der Gesellschaft und als Kulturgut wird von der ach so großen Politik nur und anhaltend unterschätzt. Es wird Zeit, dass sich hier etwas ändert. Das Vermischen mit anderen, durchaus wichtigeren Themen, ist dabei nicht erlaubt, weil nicht stimmig und nicht fair!

    Zum Schluss: Leute in den Parlamenten, besinnt Euch! Wie oft habt Ihr schon ein „politisches Pferd von hinten aufgezäumt“ und Euch dann gewundert, wenn es ausschlägt? Die Bürger bekamen es zu spüren! Andrea Nahles und ihren Mitstreitern aus der CDU und der FDP sei zugerufen: Weiter machen! Ihr habt Recht mit Eurem Parlamentskreis Pferd.