Hilfsorganisation

Die Pferdeklappe: Wie aus einer Idee Realität wurde

Petra Teegen, ist die gute Seele hinter der Pferdeklappe. Wir haben schon öfters über Petra Teegen berichtet, sie erhielt im Jahr… Artikel lesen

Jaqueline Weidlich
20.12.2018 7 min lesen
(Foto:privat)

Petra Teegen, ist die gute Seele hinter der Pferdeklappe. Wir haben schon öfters über Petra Teegen berichtet, sie erhielt im Jahr 2015 sogar den PM-Award „Charity“. Doch eine Frage stellt sich hier immer wieder: Wie kam es zu der Idee der Pferdeklappe?!

Auf ihrer Facebook Seite hat Petra Teegen einmal in Worte zu fassen versucht, wie aus einer Idee die „Pferdeklappe“ geboren wurde:

„In fast jedem Interview fragt man mich, wie ich auf die Idee kam, die Pferdeklappe zu gründen. Nun, das ist eine sehr lange Geschichte. Heute Morgen, beim Pferde herausbringen, fiel mir ein, dass ich sie im Grunde genommen schon aufgeschrieben habe. Vor einigen Jahren, als ich versuchte, meine Gedanken auf Papier zu bringen.

Kindertraum

Bildete ich es mir ein, oder konnte ich mich wirklich so weit zurück erinnern? Oder lag es an den vielen Erzählungen, die meine genervte Familie heute noch dauernd zum Besten gibt?
Wie auch immer, ganz sicher ist mir Lalü in meinen Gedanken geblieben.
Lalü war eine Leid geprüfte Landschildkröte, der ich, als ich fünf Jahre alt war, mit Lackfarbe ein rotes Kreuz auf den Rücken gepinselt hatte damit sie als mein Krankenwagen fungieren konnte. Deshalb nannte ich sie sicherheitshalber auch Lalü! Nach dem Geräusch, das ein Rettungswagen von sich gab. So konnte auch der letzte Ignorant erkennen, dass sie ein lebenswichtiges Fahrzeug war.
Im ständigen Einsatz zur Rettung von verletzten Schmetterlingen, Raupen, Käfern und was mir als Kind noch so in die Quere kam, schob ich sie brummend und so schnell ich konnte durch mein Kinderzimmer. „Lalülala“, tönte es durch die alte, hölzerne Tür, die meine Mutter lieber immer fest geschlossen hielt. Damit die ‚geretteten´ Kreaturen sich nicht auf ihrer Flucht vor mir in der spiegelblanken, gemütlichen Küche in Sicherheit bringen konnten.
Trotzdem passierte es nicht nur einmal, dass zum Beispiel ein dreibeiniges Heimchen während einer kopflosen Flucht vor mir im Suppenteller meines Bruders landete. Oder dass mein verloren gegangener Frosch seinen Verband zwischen den liebevoll geschmierten Frühstücksbroten abstreifte und sich dann aus dem Staub machte.
Im Kindergarten durfte ich meine Frühstückstasche nur unter der Aufsicht einer ‚Tante´ im Freien öffnen, nachdem aus Versehen in dem bunten Frühstücksraum des Hortes einer Eidechse, deren abgelösten Schwanz ich mit Hilfe eines Heftpflasters fixiert hatte, die Flucht in die Freiheit gelungen war. Ich war der fest davon überzeugt, dass das „Minikrokodil“, wie ich es nannte, intensive Pflege brauchte, musste es halt mit in den Hort, ich dachte mir, dass es unbedingt das Beste sei.
Merkwürdiger Weise spielte ich nie mit Puppen, meine Eltern machten sich große Sorgen deshalb. Jahrelang versuchten sie, mir welche unterzujubeln – jeder klägliche Versuch war erfolglos. Lieber trieb ich mich damals, inzwischen acht Jahre alt, auf den Rücken der Nachbarschaftspferde und Ponys herum. Das fand ich sinnvoller. Pferde waren für mich schon in jüngster Kindheit warme, liebevolle, gut riechende Geschöpfe, stolz und doch freundlich, irgendwie meine Seelentiere.
Nicht einmal ein zu Weihnachten geschenktes Puppenhaus konnte mich überzeugen! Puppen atmeten nicht, sie klagten nicht, sie rochen komisch und starrten mich nur an. Also waren sie tot, das war überhaupt nichts für mich. Ich ließ sämtliche Möbel und Püppchen in Windeseile verschwinden, stopfte die Puppenstube mit Holzwolle aus, dazu noch ein frisches Salatblatt: Ein prima Nest für Lalü. Sie sollte es ja gut haben, nicht wahr? Schlaftrunken sah sich meine alte Schildkröte in ihrem neun Zuhause um und schlief weiter. Ein sicheres Zeichen des Wohlfühlens.
Wenn ich mich nicht in irgendeinem Stall herumtrieb, Pferde in Ständern mistete und putzte beschäftigte ich mich mit Menschen, die nicht so beweglich und agil waren wie ich. Davon gab es viele in unserer Straße. Ich fand es halt schön, wenn runzlige, verkniffene Gesichter sich entspannten und ein Lächeln um die verbissenen Gesichter entstand.
Präpubertär entwickelte ich mich zum Schrecken der gesamten Nachbarschaft. Auch mein Bruder war schon genervt und sehr vorsichtig wenn er, aus welchem Grund auch immer, mein Zimmer betreten musste. Wenn ich mich recht erinnere, verschränkten eigentlich alle schon rein prophylaktisch ihre Arme auf dem Rücken, damit ich nicht zum hundertsten Mal den Puls fühlen konnte. Meine Mutter hatte aus wohl verständlichen Gründen das Fieberthermometer verschwinden lassen, damit ich kein Kaffeekränzchen mit Fiebermessen stören konnte, obwohl es mir nie gelungen war, eine ihrer Freundinnen dazu zu überreden.
Nachdem ich unserer Nachbarin mitgeteilt hatte, dass sie die „Dickkrankheit“ und die „Runzelitis“ hätte, sprach sie ein halbes Jahr lang kein Wort mehr mit mir. Dabei entsprang die Diagnostik doch nur meiner tiefen Besorgtheit.
Eine andere Nachbarin, immer wieder ein gern genommenes Opfer meiner kindlichen Bemühungen – die Ketten ihres Geistes waren schon ziemlich verwirrt – tyrannisierte telefonisch so lange ihren Hausarzt mit meinen Diagnosen, bis auch unser guter Doktor die Nerven verlor und mir heftigst und sehr übersichtlich die Leviten las:
„Kind, wie kannst du der alten Dame erzählen, dass sie keinen Puls hat. Du weißt doch, dass die alte Minna sehr ängstlich ist! Deine Mutter sollte dir zehn Jahre Stubenarrest verpassen, vielleicht bist du dann für die restliche Menschheit erträglich!“ Der sonst so geduldige Dr. Kuhn war ernsthaft böse mit mir, heute kann ich es verstehen. Aber damals? Ich war inzwischen zehn Jahre alt, und ich hatte wirklich keinen Puls ertasten können.
Nur die Wagenpferde aus der Nachbarschaft ließen mich meine kindlichen Exkursionen in die so interessante, aufregende Medizin unterbrechen. Es machte einfach Spaß, bis über die Knöchel im Mist zu stehen, sich auf den breiten Rücken der Kaltblüter tragen zu lassen und den warmen, so beruhigenden Geruch der Pferde einzuatmen. Die warmen Nasen zu streicheln und sie so lange zu putzen, bis sie blitzeblank waren und ich total dreckig.
Mit vierzehn Jahren war ich alt genug, um im Krankenhaus zu helfen. Mag sein, dass meine Mutter versuchte, mir einen Realitätsschock zu verpassen. Erreicht hatte sie damit jedoch nur das Gegenteil: Mein Interesse an der Krankenpflege und der Medizin stieg! Ich verbrachte sehr viele Wochenenden auf einer inneren Frauenstation, las den alten Damen aus der Zeitung vor, half beim Betten machen, trug Becken durch die Gegend, verteilte Essen und fütterte hier und dort Patientinnen. Meine Pfleglinge schätzten, glaube ich ganz sicher, meinen Unterhaltungswert und aßen, abgelenkt von meinem naiven Geplapper, ihre Teller leer. Mir schien, sie freuten sich über die Erlebnisse mit meinen Tieren, die ich zum Besten gab.
Und jetzt war es so sicher wie das Amen in der Kirche. Ich wollte wirklich Schwester werden! Schwester Petra! Schon klar, ich war auf dem besten Weg dahin.
Waren meine Eltern durch meine Kindheit traumatisiert? Keine Ahnung, sie steckten mich nach der Schule in eine Bürolehre.
„Das ist nur gut für dich, mein Kind, da lernst du was fürs Leben. Du wirst später sowieso mal heiraten und Kinder kriegen.“ Ich höre meinen Vater diesen Satz heute noch sagen. Ich habe ihn gehasst. Diesen Satz und meinen Vater, der über mein Leben, das so aufregend und vielversprechend vor mir lag, bestimmen wollte. In eine Richtung, die bequem für ihn war und grausam für mich. Zumal mein Vater damals schon gar nicht mehr bei uns lebte und seine Bemühungen um uns Kinder sich eigentlich nur noch um das Genörgel über die Unterhaltszahlungen erstreckte. Doch zu der Zeit war es so: Man wurde in die Lehre gesteckt und Basta!
Doch eines Tages, in der Weihnachtszeit, bei Eis und Schnee, fand ich auf dem Nachhauseweg aus dem Büro einen meiner alten Nachbarn bei seinen Ponys auf der Koppel. Die Tiere standen um ihn herum, stupsten ihn mit den Hufen an: Nun mach schon. Er war beim Hafer bringen auf der Weide gestürzt, hatte sich dabei einen Fuß gebrochen und konnte sich geistesgegenwärtig auf den Hafersack retten. Sicherlich wäre er sonst erfroren, denn er lag schon ein paar Stunden dort. Von der Straße aus hatte ihn niemand sehen können, aber ich musste doch unbedingt nach „meinen“ Ponys sehen, damit ich mein Leben als Büromensch wenigstens einigermaßen ertragen konnte. Ich rannte zur Straße, hielt ein Auto an und bat den Fahrer, einen Krankenwagen zu bestellen. Zum Glück lief die Rettung des Mannes ohne Probleme ab, es wurde höchste Zeit für ihn, denn er antwortete schon nicht mehr auf Fragen die ihm gestellt wurden.
Selbstverständlich bekamen die Tiere ihren Hafer nun von mir. Wasser war zum Glück vorhanden, so hatte ich diese Schlepperei wenigstens nicht.
Ich lehnte mich an die Hütte der Weide und hörte den Ponys beim Kauen zu. So friedlich sahen sie aus, so zufrieden. Und auf einmal stand es fest: Das Büro musste ohne mich auskommen! Nichts für mich, will das nicht! Will das, was hier und jetzt geschehen ist! Punkt.
Eine Katastrophe damals, wenn ein „Lehrling“ seinen Ausbildungsplatz schmiss. Aber mir war so klar geworden, dass Menschen und Tiere mein „Ding“ waren, nicht das Tippen und die Ablage, huh, ich schüttelte mich.
Es sollte ein Kampf werden, das wusste ich. Aber das hier fühlte sich richtig an, mir kam es vor, wie mein wichtigstes Weihnachtsgeschenk. Und ich wusste damals schon: Das schaffst Du Petra!
Gott sei Dank konnte ich über Bock und Quengelei meinem Unmut so viel Ausdruck verleihen, dass ich meine Mutter überzeugen konnte und sie mir schon recht bald ihre Zustimmung zur Krankenschwesternausbildung gab.
Es war der erste Schritt auf diesem langen Weg, der mich bis hier, zur Pferdeklappe geführt hat.

Und nun sind wir alle hier! Ihr und ich und sicher seid Ihr alle genau so gespannt wie wir, was das nächste Jahr wohl bringen wird. So schön, dass Ihr uns alle unterstützt! DANKESCHÖN !
Fröhliche Weihnachten Euch allen, Eure Petra mit dem gesamten Klappenteam .“
-Petra Teegen
www.erste-pferdeklappe.de

 

(Foto:privat)

 

 

 

Jaqueline Weidlich

Ein gutes Foto ist ein Foto, auf das man länger als eine Sekunde schaut. -Henri Cartier-Bresson