Fachartikel

Das Absetzen eines Fohlens von der Mutter

Verschiedene Methoden führen zum Ziel – nicht alle sind pferdegerecht Verzweifeltes Wiehern, schweißgebadete Fohlen, aufgeregte Mütter und ein Stall erfüllt… Artikel lesen

Felicitas Meyer
05.10.2021 4 min lesen
Absetzer_Spielen: Fohlen brauchen gleichaltrige Spielkameraden um sich zu messen und zu sozialisieren.

Verschiedene Methoden führen zum Ziel – nicht alle sind pferdegerecht

Verzweifeltes Wiehern, schweißgebadete Fohlen, aufgeregte Mütter und ein Stall erfüllt mit Trennungsschmerz. Jedes Jahr zum Herbst wird die familiäre Idylle der Stutenherden mit Jungtieren bei Fuß aufgelöst. Das Absetzen des Fohlens ist zwar in vielen Betrieben ein routinierter Prozess, sollte aber keinesfalls auf die leichte Schulter genommen werden. Neben der Geburt und dem Einreiten gehört es zu den einschneidenden Erlebnissen im Leben eines Pferdes.

Keine Frage – eine Trennung ist natürlich, richtig und wichtig. In naturnah gehaltenen Herdenverbänden vollzieht sich diese Trennung in kleinen Schritten. Die Fohlen beginnen schon über den Sommer damit Gras zu fressen und werden immer unabhängiger. Die Youngster säugen weniger und auch die Bereitschaft der Stute ihr Junges mit Milch zu versorgen nimmt ab. Die Milchproduktion kostet Energie, die nun für die eigene körperliche Vorbereitung auf den Winter und eventuell für den neuen Fetus im Mutterleib benötigt wird. Einzelne Jungtiere säugen zwar sporadisch noch bis zur Geburt des neuen Fohlens, in der Regel stellen sie sich aber schnell auf feste Nahrung um. Der Prozess der Nahrungsumstellung ist dabei allerdings nur ein Aspekt. Der andere ist das Verhältnis zur Mutter und Herde. Das Fohlen löst sich langsam von der Mutter, spielt mit gleichaltrigen Kameraden und wird von anderen Stuten der Herde, seinen so genannten „Tanten“ erzogen und beschützt. Es wächst quasi in seine neue Rolle als Jungpferd langsam hinein. Dieser Idealfall der Herdenhaltung ist natürlich in wirtschaftlichen Betrieben meist Utopie. Gefragt sind lösungsorientierte Methoden – umsetzbar und zugleich pferdegerecht, denn die Trennung des Fohlens von der Mutter sollte man nicht unterschätzen.

 

Veraltete Praktiken

Die Realität sieht oft anders aus. Das Fohlen ist meist schon früh im Jahr verkauft worden und wird am Tag des Absetzens von seinem neuen Besitzer abgeholt. Der erste Weg den das Fohlen ohne seine Mutter zurücklegt ist dann eine einsame Hängerfahrt an den neuen unbekannten Ort. Ein anderes weit verbreitetes Szenario ist das plötzliche Absetzen mit anschließender Unterbringung in einer Einzelbox. Diese veralteten Praktiken – die leider immer noch oft die Regel sind – führen neben der hohen Verletzungsgefahr zu enormen Stresssituationen, besonders für das Fohlen. So können sie sprichwörtlich auf den Magen schlagen. Die Milch der Mutter plus dem Gras auf der Weide haben solche Magenreaktionen bis dato aufgefangen. Nun kann es passieren, dass der Absetzer in Einzelhaft vor der mit Kraftfutter gefüllten Krippe steht, anfängt die Boxeneinrichtung zu belecken und als Krippensetzer bzw. später Kopper endet. „Es könnte sein, dass die Fohlen sich langweilen und versuchen den Saugreflex auszugleichen. Außerdem gelangt durch das Abschlucken alkalischer Speichel in den Körper, der das Magenmilieu verbessert. So fühlt sich das Fohlen wieder wohler und es entsteht ein Reiß-Reaktionsverhalten, sprich das Fohlen wiederholt die Aktion um den Wohlfühleffekt zu erlangen. Die Magenproblematik kann allerdings auch zu Magenschleimhautentzündungen und Magengeschwüren führen, durch die u.a. das Wachstum verzögert wird. Die Therapie hierfür ist zeitaufwendig und kostspielig. Ganz schwierig und vor allem bedenklich ist das Aufziehen von Einzelkindern. Mutter und Fohlen werden getrennt und auf einmal ist das Fohlen alleine – und das nicht nur kurz. Es wächst ohne Kameraden auf und hat keine Möglichkeit sich zu sozialisieren. Oft werden diese Fohlen von ihren Züchtern verwöhnt und verlieren die Distanz sowie den Respekt. Durch das Alleinsein des Fohlens können zudem weitere Verhaltensauffälligkeiten wie Weben oder in der Box kreisen auftreten.

 

Das „Tanten-Prinzip“

Eine sehr schonende Methode ist das so genannte Tanten-Prinzip. Aus einer Herde auf der Weide wird zunächst die Mutter des ältesten Fohlens entfernt. Von Tag zu Tag werden immer mehr Stuten aus der Herde genommen, bis die Fohlen nach und nach alle abgesetzt sind. Die Belastung für jedes einzelne Pferd ist hier erheblich geringer. Das Fohlen bleibt in vertrauter Umgebung und findet nicht nur bei seinen Altersgenossen Trost und Zuwendung, sondern auch bei deren Müttern, die es seit der Geburt als Tanten kennt. Natürlich können auch Zuchtstuten diese Rolle erfüllen, die selbst kein Fohlen haben. Oft ist es sogar förderlich diese Stuten noch länger in der Herde zu lassen. Die lebenserfahrenen älteren Tiere helfen bei der Sozialisierung der jüngeren. Diese Methode ist natürlich nur in großen Zuchtstätten möglich, in denen es eine Herde gibt, die groß genug ist. Allerdings darf bei aller Natürlichkeit nicht der Kontakt zum Menschen außer Acht gelassen werden. Das Fohlen muss auch hier schon früh in der Hand sein. Nur so hat man am Ende ein leichtführiges, ausgeglichenes und respektvolles Jungpferd.

 

Fazit

Das Absetzen ist ein wichtiger Schritt im Leben des Pferdes und sollte auch so behandelt werden. Falsche Methoden können zu Folgefehlern führen, die sich oft viel später zeigen. Bei dem ganzen Aufwand, der bei der Zucht von Pferden betrieben wird und betrieben werden muss, sollte es normal sein, dass man sich dem Thema gebührend annimmt und mit Obacht vorgeht. Ein kleiner Fehler z.B. aus Zeitmangel kann großen Schaden verursachen. Die Verantwortung für diesen wichtigen Schritt liegt in der Hand eines jeden Züchters.

 

Zum Thema möchten wir noch das Buch Fohlen und Jungpferde: halten, erziehen, fördern empfehlen.

 

Text: Agentur Hafensänger