Exklusives Horseweb-Interview mit Simone Blum

Simone Blum – „Ich habe ein absolutes Traumjahr erlebt.“

Simone Blum (28) hat gerade einen echten Lauf. Sie gewann nicht nur vor einigen Monaten den Großen Preis von Lausanne und damit ihren ersten Großen Preis auf 5* Niveau überhaupt, sondern trumpfte auch als Reservistin bei den Europameisterschaften in Göteborg auf. Dort schnitt sie nämlich im Rahmenprogramm als beste Teilnehmerin und strahlende Siegerin der wichtigsten Prüfung ab. Bei den Deutschen Meisterschaften in Balve war ihr im Sommer zudem wahrlich Historisches geglückt. Blum ritt als erste und einzige Frau nach Meredith Michaels-Beerbaum zum Sieg in der Konkurrenz der Herren. Zum Abschluss der Sommersaison glänzte sie beim Nationenpreis-Finale – gleichzeitig ihr erster Nationenpreis. Nun darf sie sich seit kurzem auch noch German Master nennen. Und all das hat sie einem herausragenden Pferd zu verdanken: Alice, zehnjährige Deutsche Sportpferde Stute. Das Pferd ihres Lebens, wie Blum selbst sagt.

Ihre Sommersaison war wirklich beeindruckend. Wie haben Sie den Abschluss in Barcelona erlebt? Es war ja Ihr erster Nationenpreis – und dann gleich beim Finale…

Die Saison war für mich unglaublich beeindruckend. Barcelona war für mich dann auch ein bisschen der krönende Abschluss meiner Saison. Mein Traum war immer, eines Tages in Aachen zu reiten. Diesen konnte ich mir schon erfolgreich erfüllen. Aber für das Deutsche Team zu reiten war natürlich ein weiterer Traum, den ich immer hatte. Er ist nun wirklich in Erfüllung gegangen. Wir hatten einen super Zusammenhalt im Team und haben als ganz junge und noch recht unerfahrene Mannschaft auch eine gute Leistung abgeliefert. Die Nervosität war bei mir schon sehr groß und ich weiß, dass ich hier noch ein bisschen an meiner Erfahrung arbeiten muss. Aber alles in allem war ich super glücklich, dass ich diese Chance bekommen habe.

Bei den Europameisterschaften waren Sie Ersatzreiterin für das deutsche Team. Im Rahmenprogramm sahnten Sie kräftig ab. Wie war Ihr Eindruck vom Erlebnis „erste Europameisterschaft“?

Ich nehme auf jeden Fall dieses tolle Erlebnis mit dem großartigen Team-Zusammenhalt und ganz viel Spaß, den wir zusammen hatten, mit. Eigentlich fand ich es auch ganz gut, dass ich die Möglichkeit hatte, als „fünfter Mann“ mit etwas weniger Druck in das Erlebnis hineinzuschnuppern. Alice war das ganze Wochenende über richtig gut drauf. Ganz ohne Druck war ich dort aber auch nicht unterwegs, denn für uns war das Flutlichtspringen, das wir am Ende gewannen, Qualifikation für den Nationenpreis in Barcelona. Alice war noch nie zuvor Flutlicht gesprungen und so hatte der Bundestrainer uns ganz genau unter der Lupe. Ich denke, wir haben ihm gezeigt, dass wir es können. Und so gab es auch gleich die Startzusage für Barcelona.

Höhepunkt des Jahres war sicherlich der Sieg bei den Deutschen Meisterschaften. Was bedeutet es Ihnen, als zweite Frau nach Meredith Michaels-Beerbaum diesen Titel zu tragen?

Der Titel des Deutschen Meisters bei den Herren ist natürlich etwas ganz, ganz besonderes. Dass ich dies als zweite Frau neben Meredith geschafft habe, ist eigentlich fast unglaublich. Wahnsinn! Ich glaube, ich kann es immer noch nicht ganz realisieren. Es hatte in Balve einfach alles richtig gut geklappt an dem Wochenende. Zu dem Wettbewerb „Deutsche Meisterschaft der Herren“ möchte ich aber noch sagen, dass wir Frauen zwar deutlich in der Unterzahl sind bei dieser Konkurrenz. Aber ich jeder hat die gleichen Chancen und ich bin nicht so sehr stolz, dass ich als Frau Deutscher Meister geworden bin, sondern dass ich das überhaupt geschafft und den Sieg davongetragen habe.

Als Abschluss der Saison kam jetzt noch der Riesenerfolg in Stuttgart mit dem Titel im German Masters und dem vierten Platz im Weltcup hinzu. Besser hätte es nicht enden können, oder?

Stuttgart war natürlich der absolute Wahnsinn. Es ist ein wirkliches Traumturnier. Aber dass ich auch noch den Titel des German Master 2017 holen konnte, war das i-Tüpfelchen. Es war wirklich ein Hammer-Wochenende. Ich habe damit mein allererstes Auto gewonnen. Davon träumt vermutlich jeder Reiter. Dazu noch der vierte Platz in unseren ersten Weltcup-Springen. Das war für mich das krönende Sahnehäubchen obenauf.

Kommen wir zu Alice, dem Pferd, dem Sie diesen kometenhaften Aufstieg zu verdanken haben. Wie haben Sie eigentlich die Anfänge mit ihr erlebt?

Alice haben wir vor drei Jahren gekauft. Damals war sie sieben Jahre alt. Mein Freund Hansi Goskowitz hatte sie bei ihrem damaligen Besitzer ausprobiert und schrieb mir daraufhin, dass er genau mein Pferd gesehen hätte. Er überredete dann die Besitzer, dass sie die Stute zu mir bringen würden, damit ich sie ausprobieren könnte. Als ich sie aus dem Hänger steigen sah, war das schon ein wenig Liebe auf den ersten Blick für mich. Ich hatte mich sofort in ihren Typ verliebt. Als ich sie dann geritten habe, war sie wirklich wild. Hansi rief nur „brr, brr“, weil sie so losging. Aber am Sprung bemerkte ich sofort, dass dieses Pferd grenzenloses Vermögen hat und dass es einfach super passt zwischen uns. Am nächsten Tag ritt ich sie nochmal. Sie blieb dann gleich bei uns und der Kauf war perfekt.

Sie hatte von Anfang an diese unglaubliche Qualität. Aber ich wusste nicht, ob sie die eines Tages würde umsetzen können. Sie war einfach sehr schwierig und stand sich häufig selbst im Weg. Dass Alice Mangos mag, weiß man ja mittlerweile. Hat sie sonst auch noch Eigenheiten?

Ja, Alice liebt Mangos, das ist wohl wirklich charakteristisch. Und sie bekommt mittlerweile auch nur das Beste vom Besten in dieser Hinsicht. Nach jedem Erfolg gibt es eine Flugmango. Sie hat da mittlerweile schon sehr viel davon gefressen. Fressen ist überhaupt ganz toll für sie. Da steht sie drauf und zwar auf jegliche Art davon. Ansonsten ist Alice vom Charakter her eine kleine Diva. Andere Pferde sieht sie häufig als Konkurrenten. Die sollten sich meist lieber fernhalten, denn in dieser Hinsicht ist mit ihr nicht gut Kirschen essen. Ich sage immer, sie ist eine kleine Seeschlange.

Was hat sich für Sie innerhalb der letzten Monate verändert? Sie sind ja nun auf deutlich mehr internationalen Top-Turnieren unterwegs. Wie erleben Sie das?

In diesem Jahr hat sich für mich und meine Familie schon richtig viel verändert. Alice ist zwar gar nicht so viel gegangen, aber ich war an etwa 15 Wochenenden mit ihr unterwegs. Dadurch, dass wir auch wirklich weit fahren mussten, waren wir ziemlich viel weg von zuhause. Meist war nur Alice oder manchmal noch mein Oldie Flying Boy dabei. Die jungen Pferde kamen deshalb etwas zu kurz, denn ich konnte nicht immer die ganzen Youngster – von denen wir gerade ziemlich viele haben – mitnehmen. Hansi reitet normalerweise mehr die jungen Pferde, aber zu den wirklich wichtigen Turnieren wollte und sollte er mich natürlich auch begleiten. Von daher war es in diesem Jahr schon schwieriger als vorher alles unter einen Hut zu bekommen. Aber am Ende hat es doch geklappt.

Wie sind Sie zum Reiten gekommen? Wann haben Sie angefangen?

Mein Vater ist Jürgen Blum, der ja Vielseitigkeit geritten ist und sogar an den Olympischen Spielen teilnahm. Pferde waren also immer präsent und spielten für mich schon als Kind die Hauptrolle. Ich glaube, mit drei Jahren hatte ich mein erstes altes Pony, mit dem ich meinem Papa hinterhergeritten bin. Es war ganz brav und blieb immer stehen, wenn ich wieder mal schief im Sattel saß. Dann konnte ich zurechtrücken und es ging weiter. Den Pferdevirus hatte ich wohl schon bei meiner Geburt in mir drin.

Wussten Sie immer schon, dass es Sie zum Springreiten ziehen würde?

Bis ich zwölf Jahre alt war, bin ich im Ponybereich auch Vielseitigkeit geritten. Allerdings denke ich, dass ich dafür letztendlich nicht mutig genug gewesen wäre. Als ich 13 war, fragten mich meine Eltern, ob wir lieber ein spring- oder vielseitigkeitsbetontes neues Pony für mich suchen sollten. Ich entschied mich damals für das Springen, da es mir einfach furchtbar viel Spaß gemacht hatte. Schon in den Vielseitigkeitsprüfungen war es meine absolute Lieblingsdisziplin. Dressur war immer ein bisschen langweilig und wenig. Im Gelände fühlte ich mich immer etwas unsicher. Ich war viel mit meinem Vater auf Turnieren und hatte dort Stürze und Unfälle gesehen. Das brachte mich doch etwas von dieser Disziplin ab.

Wenn Sie mal nicht im Sattel sitzen, was machen Sie dann gerne?

Hmm, wenn ich mal nicht im Sattel sitze… Kommt selten vor, aber ich bin ein großer Familienmensch. Ich sitze unheimlich gern mit meiner Familie zusammen und wir reden dann über alles und essen zusammen. Gerne gehe ich mit meinem Freund Hansi auch joggen oder wir finden mal Zeit für Kino, essen gehen oder nur mal ein Eis zwischendurch. Es ist einfach schön, wenn wir unsere Zweisamkeit genießen können. Aber wir machen beide auch sehr gern viel mit der Familie. Im Januar geht immer unsere ganze Familie Ski fahren, das ist Tradition. Außerdem geht es für uns Ende 2017 auf die Malediven, wo wir uns nach diesem Jahr mal eine Auszeit gönnen. Zuhause höre ich gern mal „Gute Laune Musik“, um abzuschalten, ob Oldies, Schlager oder aktuelle Hits ist eigentlich egal, da ist alles mit dabei. Abends schauen wir alle gern gemeinsam fern, mal „Tatort“ oder „Wilsberg“.

Wie sieht die weitere Planung nun für Sie aus?

Alice bekommt bis Mitte März kommenden Jahres eine lange Pause. Sie hat sich diese vier Monate Auszeit absolut verdient. Wir werden dann vermutlich in Spanien in Oliva Nova wieder einsteigen. Dort kann sie draußen wieder in den Turniersport reinkommen. Und dann schauen wir mal, was nächstes Jahr noch auf uns zukommt.

Haben Sie einen Wunsch, den Sie sich eines Tages einmal erfüllen möchten?

Ich glaube gerade äußert sich bei mir tatsächlich ein neuer Wunsch… Ich würde gerne mal bei einem Championat eine Medaille holen, ob Team oder Einzel wäre mir erstmal egal.

 

Text: Alexandra Koch