Exklusives Horseweb-Interview mit Peder Fredricson

Peder Fredricson – Der Künstler unter den Reitern

Im Parcours zelebriert Peder Fredricson Reitkunst auf höchstem Niveau. Schon früh durch seinen Vater – Professor der Veterinärmedizin und ein Chef des schwedischen Nationalgestüts Flyinge – zum Reitsport hingezogen, ritt der junge Mann zunächst Vielseitigkeit, um dann in den Springsattel zu wechseln. Mit großem Erfolg, denn seit diesem Jahr darf sich der Vater dreier Kinder und Ehemann von Lisen Bratt Fredricson Europameister im Einzel nennen. Zu verdanken hat er dies nicht zuletzt seinem elfjährigen Wallach All-In, den viele zum momentan weltweit besten Springpferd erklären.

Mittlerweile ist einige Zeit seit den Europameisterschaften in Göteborg, in ihrem Heimatland Schweden, vergangen. Wie blicken Sie auf diesen Sommer zurück?

Wir haben in Göteborg eine absolut wundervolle Zeit erlebt. Es macht immer so viel Spaß, zuhause im eigenen Land zu reiten. All-In war wirklich an allen Tagen fantastisch drauf. Dazu noch die Unterstützung unserer Fans und des gesamten Publikums. Ich hätte es mir nicht schöner wünschen können. Und die zwei Medaillen, Silber mit dem Team und der Europameistertitel im Einzel, sprechen ohnehin für sich.

Wie haben Sie eigentlich ihr Top-Pferd All-In gefunden?

Ich war Ende 2013 auf der Suche nach einem neuen Pferd, das ich für den großen Sport würde ausbilden können. Ich suchte ein Pferd, mit dem ich die Chance sah, an Championaten teilzunehmen. All-In hatte ich, bevor ich ihn ausprobierte, einmal unter seinem damaligen Reiter Nicola Philippaerts auf einem Turnier gesehen. Als ich ihn dann ausprobierte, sah er zunächst nicht wirklich bemerkenswert aus. Aber nach unserem ersten Sprung wusste ich, dass ich ihn kaufen musste. Ich hatte niemals zuvor solch ein Gefühl im Sattel.

Das klingt alles wunderbar. Was schätzen Sie am meisten an All-In?

Ich finde an ihm am bemerkenswertesten, dass er immer dann am besten springt, wenn es wirklich wichtig ist. Er scheint das genau zu wissen. Außerdem ist er ein großer Kämpfer. Ich denke nur an seine Kolik-OP Ende 2016. Er war so schnell wieder fit, auch wenn wir ihm natürlich noch alle Zeit gegeben haben, wieder vollständig gesund zu werden.

Fredricson und H&M All In in Rio 2016. (Foto: Stefan Lafrentz)

Vor Göteborg kehrten Sie bereits aus Rio von den Olympischen Spielen mit einer Silbermedaille zurück. Konnte sich All-In seitdem sogar noch steigern?

All-In sprang in Rio absolut fantastisch. Diese Parcours waren enorm schwer. Schwerer als in Göteborg. Deshalb denke ich, dass er die Leistung dort vermutlich nie mehr toppen kann. Man muss sich vor Augen führen, dass er in Rio mit zehn Jahren auch noch sehr jung für eine derartige Aufgabe war. Aber natürlich war er bei unserem Sieg in Göteborg ebenbürtig. Ich bin immer wahnsinnig stolz auf ihn.

Und welcher Ihrer großen Momente ist Ihnen dann persönlich am wichtigsten?

Jeder möchte bei Olympia eine Medaille gewinnen. Ich gehöre zu den Glücklichen, denen dies gelungen ist. Allerdings bedeutet mir persönlich der Sieg bei den Europameisterschaften in Göteborg vor meinem heimischen Publikum am allermeisten. Das war ein sehr emotionaler Moment, wie man ihn vermutlich nur einmal im Reiterleben erlebt.

Sie führen gemeinsam mit Ihrer Frau Lisen Bratt Fredricson einen sehr erfolgreichen Sportstall. Wie viele Pferde haben Sie momentan?

Wir haben meist um die 30 Pferde in unserem Stall, die von uns und unserer Bereiterin Stephanie Holmen trainiert werden. Ich reite meist fünf bis zehn Pferde. Momentan habe ich H&M Sibon, H&M Carat Desire, H&M All-In, H&M Zaloubet und H&M Christian K unterm Sattel.

Wie muss ich mir einen typischen Tag bei Ihnen im Stall vorstellen?

Ich reite meine Pferde immer am Morgen und Vormittag. Also verbringe ich täglich erstmal vier bis fünf Stunden im Stall bevor es Mittagessen gibt. Nachmittags sitze ich im Büro und bearbeite, was dort so anfällt. Da ich die meiste Zeit unterwegs bin, habe ich nicht so viel Zeit, andere Reiter zu trainieren. Wann immer es klappt, trainiere ich aber noch unsere Bereiterin Stephanie Holmen.

Sie sind stolzer Vater von drei Kindern. Ist es immer einfach Turniersport und Familienleben zu vereinbaren?

Mein Job bringt es mit sich, dass ich viel unterwegs bin. Das bedeutet, dass es in unserer Familie ein bisschen anders läuft als bei anderen. Montag bis Mittwoch bin ich meist Zuhause, also versuche ich diese Tage so intensiv und ausgiebig wie möglich für meine Familie da zu sein. Dann unternehme ich auch mit den Kindern nach der Schule etwas, wann immer es möglich ist. Lisen und ich lieben beide Pferde und unseren Sport, was es für uns als Partner leichter macht, den anderen zu verstehen. Unsere Kinder sind zwar nicht alle Pferde-Freaks – vermutlich, weil wir drei Jungs haben – aber sie mögen unser Leben und unseren Stall trotzdem. Mein kleinster Sohn hat mittlerweile ein Pony und reitet sehr gern, seine beiden älteren Brüder haben mittlerweile andere Interessen.

Ihr Vater leitete den Zuchtbereich von Gestüt Flyinge. Ihr Bruder Jens reitet ebenfalls hocherfolgreich, nahm an Olympischen Spielen teil und gewann Championats-Medaillen. Wie erleben Sie Ihre Familie voll von Pferdeliebhabern?

Meine Familie hatte immer einen großen Anteil an meiner Motivation. Dass ich so weit gekommen bin, liegt zum Großteil an ihrer riesigen Unterstützung für mich. Durch sie war mir auch immer klar, dass ich in diesem Bereich würde arbeiten wollen. Es ist fantastisch, dass ich zu jenen Privilegierten gehöre, die genau das tun können, was sie lieben und was sie am meisten interessiert.

Wie sah Ihre frühe Reiterkarriere aus?

Mit vier Jahren habe ich angefangen und saß das erste Mal auf einem Pony. Aber bis ich zehn war, hatte ich einfach nur Spaß mit den Ponys. Dann zogen wir alle zusammen nach Flyinge, weil mein Vater dort seinen neuen Job bekommen hatte. Es war für mich eine ganz neue und viel professionellere Welt. Mein Bruder und ich trainierten mit Jan Jönsson, Kyra Kyrklund und Peter Eriksson, der für mich eine ganz besondere Koryphäe ist. Flyinge war für mich der Schritt vom Spaß haben zum Lernen. Ich wollte von diesem Zeitpunkt an mein Reiten verbessern und begann, mir Ziele zu stecken.

Zuerst ritten Sie Vielseitigkeit und nahmen sogar an den Olympischen Spielen 1992 teil. Was hat Ihnen an diesem Sport am besten gefallen?

Am tollsten war für mich, Vollblüter zu trainieren und auf die Prüfungen vorzubereiten. Derart blutgeprägte Pferde reite ich ja jetzt nicht mehr. Außerdem habe ich es geliebt, die Geländestrecken abzugehen und dann zu reiten. Das vermisse ich auch heute noch ab und zu.

Es wird ja gemunkelt, dass Sie nur wegen des Sponsoring-Vertrages mit H&M zum Springsport gekommen sind. Ist das wahr?

Ja, das entspricht tatsächlich der Wahrheit. Ich bin im Rahmen von Vielseitigkeitsprüfungen immer schon gesprungen und es machte mir viel Freude. Allerdings wäre ich vermutlich weiterhin Vielseitigkeit geritten, hätte nicht eines Tages H&M angefragt. Sie hatten bereits Malin Baryard-Johnsson als weibliche Markenbotschafterin und suchten nach einem Mann für ihr Programm. Aufgrund des attraktiven Angebots musste ich nicht lange überlegen. Aber ich würde die Entscheidung bis heute keinen Moment bereuen. Im Gegenteil, es ist vermutlich die beste Entscheidung meiner Karriere gewesen.

Peder Fredricson und sein Top-Pferd H&M All In in Götebörg. (Foto: Stefan Lafrentz)

Bei den Europameisterschaften in Göteborg gingen Sie nicht nur als Sieger vom Platz, sondern hatten auch das Logo der Veranstaltung geschaffen. Wie kam es dazu?

Ich habe Grafikdesign studiert. Das war mir und meinen Eltern damals sehr wichtig: Eine zweite Option neben den Pferden haben. Eine Reiterkarriere kann schnell zu Ende sein und es ist wichtig, dass sich dann nicht ein großes Loch vor einem auftut. Ich kann mich glücklich schätzen, denn ich arbeite neben dem Reiten auch immer wieder als freier Grafikdesigner. So eben auch für die Organisatoren der Europameisterschaften.

Wie genau müssen wir uns den Stil Ihrer Arbeiten vorstellen?

Meine Bilder und Designs sind vor allem sehr einfach gestaltet und klar in ihrem Aufbau. Ich habe auch häufig die Verbindung zu Pferden in meinen Werken. Pferde habe ich einfach immer schon gemalt. Bereits als Kind liebte ich es zu malen und interessierte mich in meiner Jugend auch schon für unterschiedliches Design und warum Dinge derart gestaltet werden.

Haben Sie neben Reiten, malen und designen noch Zeit für andere Dinge?

Es gibt neben diesen Dingen noch vieles, was ich gerne tue. Zum Beispiel Bäume pflanzen. Ich habe hier auf unserer Anlage eine Menge selbstgepflanzte Bäume und finde, dass eine sehr entspannende Arbeit ist.

Zahlreiche später hocherfolgreiche Pferde wurden in Ihrem Stall ausgebildet. Das beste Beispiel ist Fibonacci, den Meredith Michaels-Beerbaum zur olympischen Bronzemedaille ritt. Wie blicken Sie als Ausbilder auf seine Karriere?

Auf Fibonaccis Karriere zu blicken, macht mich natürlich sehr glücklich. Es ist sehr befriedigend zu sehen, dass er sich genauso entwickelt hat, wie wir es damals nur erahnen konnten. In unseren Gedanken war er schon immer ein Sieger und potentielles Championatspferd.

Welche Pläne haben Sie für die nächsten Monate?

Mein nächstes Ziel ist zunächst einmal die Qualifikation für das Weltcupfinale in Paris. Ich würde dort sehr gerne reiten. Im kommenden Jahr stehen natürlich die Weltreiterspiele in den USA über allem. Ich denke, dass All-In und ich dort vielleicht erneut gute Chancen haben könnten, wenn alle gesund und fit bleiben.

Haben Sie noch einen Wunsch, den Sie sich unbedingt eines Tages erfüllen möchten?

Tatsächlich habe ich keine weiteren Wünsche für die Zukunft. Ich habe schon so großes Glück, das zu tun, was ich liebe. Was könnte ich mir mehr wünschen?!

 

Text: Alexandra Koch