Exklusives Horseweb-Interview mit dem FN-Ausschussvorsitzenden Prof. Dr. Jens Adolphsen

Prof. Dr. Jens Adolphsen ist nicht nur Jurist mit Leib und Seele, sondern auch ein sehr guter Reiter, der selbst – aktuell auf ländlichem Niveau – in der Vielseitigkeit unterwegs ist. Bereits seit mehr als zwanzig Jahren ist aktuell an der Uni Gießen lehrende und im hessischen Hungen lebende Adolphsen für die FN tätig. Nun, im Jahr seines 50. Geburtstags, übernahm er erneut die Aufgabe des Ausschussvorsitzenden der deutschen Vielseitigkeitsreiter, eine Aufgabe, die er bereits zum Zeitpunkt der Olympischen Spiele in Athen innehatte. Im Interview erklärt er seine neuen Aufgaben, blickt zurück auf seine bewegten Aufgaben bei der FN, FEI und im Kampf gegen Doping, und wagt einen Blick auf die aktuelle Situation des Vielseitigkeitssports in Deutschland und weltweit.

Mit der ersten Frage gehen wir gleich mal auf Anfang: Wie sind Sie zum Pferd gekommen?

Das ist ganz lustig, denn ich habe überhaupt keinen familiären Background, was das Reiten angeht. Ich bin durch meinen Bruder aufs Pferd gekommen. Eines Tages war ein Zirkus vor unserer Haustür und er verliebte sich in ein schwarzes Pony. So nahm die Geschichte ihren Lauf, wir nahmen Reitunterricht und es ging bis heute immer weiter. Mein Bruder leitet nun eine Pferdeklinik und was ich tue ist ja allgemein bekannt. Auch meine Frau lernte ich später über den Reitsport kennen. Wir waren gemeinsam im schleswig-holsteinischen Jugendkader.

Wie kreuzte dann die Deutsche Reiterliche Vereinigung Ihren Weg?

Zunächst begann ich nach meiner Promotion hauptamtlich für die FN zu arbeiten. Ich war dort Justiziar und hatte meinen ersten, sehr interessanten festen Job. Später ging ich hauptberuflich zurück in die Wissenschaft, wo ich bis heute geblieben bin. Ich habilitierte in Regensburg, war später in Heidelberg und Halle. Bei der FN bekleidete ich seitdem Ehrenämter, wie eben den des Ausschussvorsitzenden oder auch des Aktivensprechers.

Sie waren ja schon einmal Anfang der 2000er Jahre als Ausschussvorsitzender tätig…

Ja, das stimmt. Damals erlebte ich die gesamte positive Entwicklung des deutschen Vielseitigkeitssports unter Hans Melzer und Chris Bartle mit. Der Höhepunkt war sicherlich Athen, das sich dann zu einer emotionalen Achterbahnfahrt entwickelte.

Sie sprechen vom verlorenen Gold von Bettina Hoy und der deutschen Mannschaft…

Ich war zunächst dort lediglich in meiner Position als Ausschussvorsitzender. Ein Jurist war überhaupt nicht vor Ort. Doch das Ganze entwickelte sich zu einem „Sommercamp Schiedsgerichtsbarkeit“. Es war ein völliges Durcheinander, denn aus Deutschland war bis auf einen Juristen aus dem Deutschen Leichtathletikverband niemand mit den nötigen Kenntnissen vor Ort. Der DOSB hatte seinen Juristen zuhause gelassen. Es war eine extrem intensive Belastung dort, denn wir mussten zwischen den Live-Übertragungen Einspruchsschriften verfassen und vieles mehr. Als ich schließlich nach Hause flog, dachte ich mir, dass mich nun beruflich nichts mehr erschüttern könne.

Leider war der Ausgang für Deutschland letztendlich dennoch traurig…

Man konnte in dieser Situation vermutlich gar keiner Seite wirklich recht geben. Ich wüsste keine wirklich befriedigende juristische Lösung. Aber natürlich war der Verlust der Goldmedaille ein schlimmes Erlebnis, das man keinem wünscht. Der Triumph der Mannschaft vier Jahre später in Hongkong relativierte zwar vieles, dennoch hatte Bettina Hoy dauerhaft ihre Goldmedaille verloren. Es war sehr hart.

Weshalb ging Ihre Tätigkeit für die FN seinerzeit zu Ende?

Das hat ganz einfache Gründe: Ich bekam eine Professur im schottischen Aberdeen angeboten und es wäre langfristig nicht möglich gewesen, unseren Reitern die nötige Aufmerksamkeit zu schenken und ausreichend präsent zu sein. Meine Professur endete dann doch schneller als erwartet und ich übernahm ehrenamtliche Tätigkeiten bei der FEI. Dort arbeitete ich in juristischen Angelegenheiten – und vor allem bei der Dopingbekämpfung – mit sieben Personen aus anderen Ländern zusammen. Es war eine sehr interessante Erfahrung, mit ihnen gemeinsam zu versuchen, Recht zu sprechen. Sich in allen Belangen zusammenzuraufen, war sicherlich die wertvollste Erfahrung in meinem Leben. Danach wurde ich von 2010 bis 2015 Vorsitzender des Tribunals der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI). Zu diesem Zeitpunkt befand sich die FEI in einer Umbruchsphase und ich hatte einen sehr anspruchsvollen Job. Außerdem war ich seinerzeit zusätzlich Dekan an der Uni in Gießen. Dies alles lief dann eines Tages aus – und ich habe mir ein junges Pferd gekauft.

Sie sind also wieder aufs Pferd gekommen?

Ja, richtig. Über die Jahre zuvor hinweg bin ich nicht in den Sattel gestiegen. 13 Jahre lang hatte ich keinen Reitausweis. Ich hatte drei Kinder und ein Pferd – und naja, alles war nicht zu finanzieren. Aber als meine Ämter ausliefen, war das für mich ein Zeitpunkt, an dem ich noch einmal beginnen wollte. Ich bin allerdings jetzt kompletter Amateur. Für mich war schon die erste Nennung bei einem Turnier ein Erfolg, denn mittlerweile hatte „NEON“ Einzug gehalten (lacht). Mit meinem jungen Pferd, das ich ausbilde, habe ich viel Freude. Hier kann ich wirklich jeden Fehler bei mir suchen und nicht beim Pferd.

Wie häufig sitzen Sie denn heute im Sattel?

Ich versuche, jeden Tag aufs Pferd zu steigen. Zum Glück bin ich bei meiner Arbeit einigermaßen fix und kann das gut koordinieren. Ich habe immer neben meinem Beruf etwas Anderes gemacht, da ich durch diese Abwechslung im Beruf auch schneller werde und mich besser konzentrieren kann. Als ich nicht geritten bin, lief ich Marathon. Nach dem Training war ich immer konzentrierter und schneller bei der Arbeit.

Blicken wir noch einmal auf Ihre Zeit bei der FEI und in der Dopingbekämpfung. Was genau konnten Sie von damals mitnehmen?

Mein Bereich ist ja das Sportrecht und auch die Schiedsgerichtbarkeit. Dennoch lernte ich bei der FEI in meinen Aufgaben ganz neue Herausforderungen kennen. Die Menschen dort kommen aus aller Welt, sind anders ausgebildet und sozialisiert und dennoch müssen sich alle zusammenraufen. Das war für mich sehr bildend. Es ist schwer, aber man bekommt eine echte internationale Perspektive, denkt mehr über die eigenen Grenzen hinaus und nimmt sich zum Teil auch selbst nicht mehr so wichtig.

Wie haben Sie im speziellen das Thema Dopingbekämpfung erlebt bzw. erleben es auch aktuell?

Meiner Meinung nach sind die Regeln gar nicht so schlecht, die Anwendung aber leider manchmal schon, da es viele Schlupflöcher gibt. Die tatsächliche Dopingfahndung wird noch nicht befriedigend genug durchgeführt. Allerdings muss ich auch sagen, dass die Urteile häufig nicht ernsthaft von Außenstehenden nachvollzogen werden. Bei der FN und FEI wird meiner Erfahrung nach tatsächlich effektiv versucht, Doping zu bekämpfen. Es passiert wirklich selten, dass die FEI vom CAS aufgehoben wird. Das ist im Grunde gut, doch solche Fälle fallen viel deutlicher auf. Das ist leider eine Tatsache, auf der dann wieder Fehlurteile über die Verbände fußen. Ich selbst habe niemals erlebt, dass ich von irgendeiner Seite bestochen worden wäre, was ja häufig so interpretiert wird.

Zurück zu Ihrer Aufgabe bei der FN. Was ist der Unterschied zur Zeit vor Athen 2004?

Im Grunde fühlt es sich noch ein wenig seltsam an, da ich niemals eine Aufgabe zweimal gemacht habe. Allerdings fühlte ich mich in den vergangenen Jahren auch wieder deutlich mehr zur Vielseitigkeit hingezogen, sicherlich auch dadurch bedingt, dass ich ihn selbst wieder ausübe. Es liegt ein besonderer Reiz für mich dieses Mal darin, dass die Ausgangsposition eine völlig andere ist. Als ich zum ersten Mal in diese Position kam, hatte es gerade eine Art „Revolution“ unter den Reitern gegeben. Man hatte sich von der gesamten Verbandsführung und den Trainern getrennt. Dass es so lief und wir mit Hans Melzer und Chris Bartle ein derart erfolgreiches Trainergespann bekamen, war seinerzeit noch nicht abzusehen. Das war nicht planbar. Seit 2001 war ich mit dabei als Ausschussvorsitzender, bin also gemeinsam mit den Trainern gekommen.

Heute ist Deutschland deutlich führend. Das gilt es nun zu wahren und wir dürfen nicht schlafen. Frankreich hat bereits stark aufgeholt und bei Großbritannien ist dies ebenfalls absehbar. In vier Jahren werden wir einen sehr starken Umbruch verkraften müssen. Denn dann wird Hans Melzer sein Amt niederlegen, Chris Bartle hat diese Entscheidung ja bereits in diesem Jahr getroffen. Unsere Aufgabe ist es nun, den Ausschuss so aufzustellen, dass er seine Aufgaben leise, aber effektiv im Hintergrund wahrnimmt. Wichtig ist es, nicht sich selbst wichtig zu machen, sondern dem Sport zu dienen. Die Funktion des Ausschusses ist immer eine Dienende.

Wie erleben Sie aktuell die Entwicklung der Vielseitigkeit?

Insgesamt muss ich sagen, dass ich erlebe, wie der Sport sich sehr verändert hat. Die technischen Anforderungen sind enorm gestiegen. Wenn ich heute im Zwei-Sterne-Bereich selbst an den Start gehe, dann muss ich schon ganz schön gut sein. Im Springen gibt es einen realen M-Parcours und im Gelände kein Sprung, bei dem man aufgrund des fehlenden Anspruchs mal „ein kleines Päuschen“ machen könnte. Trotz aller technischer Anforderungen liegt aber immer noch der Fokus auf dem Gelände. Man muss allerdings aufpassen, dass die Richtung so beibehalten wird, denn die Kritik anderer Länder, dass sie ja nicht kommen, um alles nach ihren Dressurergebnissen auszurichten, sollte man durchaus ernst nehmen. Heute gibt es wirklich sehr große Unterschiede zu den früheren Prüfungen durch das Wegfallen des Ausdauerelements.

Erleben Sie die Entwicklung auch kritisch?

Es muss uns immer bewusst sein, dass wir nicht eines Tages unsere Geländeritte wie das Hamburger Springderby aussehen lassen wollen. Sie dürfen nicht auf Allwetterboden auf einem ebenen Platz stattfinden, auf den einfach feste Hindernisse gestellt wurden. Meines Erachtens nach spielen da auch Sicherheitsaspekte mit hinein. Denn ein für das Gelände trainiertes Pferd, das auch ausdauernd hoch und runter kann oder am Hang einen Sprung machen kann, ist viel trittsicherer als ein Pferd, das nur auf einem Allwetterplatz trainiert wird.

Die Selektion unter den Reitern zu schaffen, ist im Gelände extrem schwierig. Wenn es zu technisch wird, gibt es viele Verweigerungen und schlechte Bilder. Jedoch kann man auch an Dressur und Springen nicht noch mehr „weiterdrehen“. Früher lachte man ja über uns im Springen, aber mittlerweile sind Reiter und Pferde derart geschult, dass wahnsinnig viele ordentlich durchreiten. Das Niveau ist deutlich höher als bei einem vergleichbaren M-Springen bei den Spezialisten. Der Fokus muss also auf dem Gelände liegen, dort den Spagat zu schaffen – und gerade dies ist eine Herausforderung.

Mit Blick auf Olympia in vier Jahren. Wie kritisch sehen Sie diese Entwicklung? Nur noch drei Reiter pro Team?

Es gefällt mir persönlich gar nicht und bekanntlich haben die Deutschen ja auch dagegen gestimmt. Nach dem Ausscheiden in der Vielseitigkeit weiterreiten zu dürfen, aber große Mengen an Strafpunkten zu bekommen, widerspricht unserem Bild vom Sport. Es produziert Fehlergebnisse und präsentiert den Schein, dass keiner mehr ausscheiden würde in unserem Sport. Doch wir können als Offizielle nicht immer nur „schimpfen“. Das schadet unserem Sport und irgendwann sind wir nicht mehr bei Olympia dabei. Oder wir beugen uns ein Stück weit dieser Entscheidung, die ja mit einer großen Mehrheit getroffen wurde. Jede Nation hat bei der FEI eine Stimme und nicht die Deutschen ganz viele. Eine Lektion, die ich als sehr lehrreich empfinde.

Auch bei den Weltreiterspielen wurden ja Änderungen vorgenommen…

Das ist für mich ebenfalls eine fragwürdige Entscheidung, weshalb man dort von Vier- auf Drei-Sterne-Niveau im Gelände heruntergehen musste. Dort hätte es nämlich keine Notwendigkeit gegeben hinsichtlich der schwächeren Nationen. Immerhin blieben Dressur und Springen aber auf Vier-Sterne-Niveau. Wir müssen jedoch immer beachten, dass wir, wenn wir einen Sport auf Weltniveau betreiben möchten, immer auch vernünftige Bilder brauchen. Unfälle will natürlich keiner von uns erleben und jeder gefährliche Sturz ist einer zu viel. Gerade in unserem Sport ist es gefährlicher, als Reiter einer kleinen Nation mit weniger Erfahrung anzutreten, als beispielsweise im Fußball. Das müssen wir immer im Hinterkopf behalten.

Ein wichtiges Thema bei den Vielseitigkeitsreitern ist stets die Sicherheit…

Das ist richtig und wir dürfen niemals vergessen, dass wir uns fortwährend darum kümmern und uns weiterentwickeln müssen. Es darf nicht gewartet werden, bis ein schrecklicher Unfall passiert und im Zuge dessen möchten alle schnelle Veränderungen herbeiführen. Wir müssen dauerhaft unser Gehirn damit beschäftigen, was besser gemacht werden kann. Dabei gilt es auch, viel auszuprobieren. Erst gerade habe ich gehört, dass ein Versuch zum Hindernisbau mit Magneten im Gange ist. Es gibt so viele interessante Möglichkeiten. Was wir jedoch nicht tun sollten, ist Hindernisse bauen, die nur funktionieren, weil sie auf Sicherheitssystemen basieren. Folglich muss das Geländehindernis auch fest funktionieren – und dann kann es durch Sicherheitssysteme verbessert werden.

 

Interview: Alexandra Koch