Exklusives Horseweb-Interview mit Christian Heineking – Der Auswanderer

Christian Heineking absolvierte einst seine Ausbildung im renommierten Landgestüt Redefin und vertrat dieses erfolgreich im Springen und in Dressurprüfungen. Doch 2007 veränderte ein Kurzaufenthalt in den USA alles – und wenig später fand der heute 37-Jährige dort sein Glück und einen neuen Lebensmittelpunkt. Für Aufsehen auf beiden Seiten des Atlantiks sorgte er spätestens beim Weltcup-Finale 2017 in Omaha vor einem Jahr. Nach dem Sieg in der WC-Qualifikation in Las Vegas war er dort wohl der überraschendste deutsche Teilnehmer.

Es ist nun etwa ein Jahr her… Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf das Weltcup-Finale in Omaha zurück? War dies das größte Erlebnis Ihrer bisherigen Karriere?
Für mich war dies ein ganz besonderes Erlebnis. Ich war unheimlich glücklich, dass ich überhaupt teilnehmen konnte. Gegen die besten Reiter aus aller Welt antreten zu können, war anders als alles, was ich bislang erlebt hatte. Es war ein richtig tolles Gefühl! Den Veranstaltungsort Omaha kannte ich ja bereits und hatte dort schon in vorangegangenen Prüfungen etliche tolle Erfolge feiern können. Beim Weltcup-Finale haben die Veranstalter sich noch einmal selbst übertroffen und wirklich ein phänomenales Turnier ausgerichtet, wie ich auch aus allen Ecken so hören konnte. Alle Reiter waren davon begeistert.

Wie haben Sie die drei Prüfungstage erlebt? Waren Sie letzten Endes mit dem 30. Platz, der dabei heraus sprang, zufrieden?
Nun ja, zufrieden ist man ja nie wirklich. Es sei denn man gewinnt am Ende (lacht). Doch man muss das immer relativ sehen. Eine Qualifikation für ein derart großes Springen ist immer noch einmal etwas anderes, als ein solches Finale zu reiten. Dort geht es gleich am ersten Tag so richtig zur Sache und das habe ich in Omaha auch erlebt. Man darf keinen Moment unkonzentriert sein. Ich habe am Ende erlebt, dass doch die Nervosität immer mehr dazukam. Diese Faktoren spielen bei einem derart großen Springen eine bedeutende Rolle. Mit meinem Pferd war ich aber sehr glücklich. Allein mit der Teilnahme hatte ich mir schon einen großen Wunsch erfüllt.

Sie waren mit Caruso unterwegs. Erzählen Sie doch einmal ein bisschen von ihm…
Caruso ist jetzt 13 Jahre alt und kam vor zwei Jahren zu mir in den Stall. Über die letzten 1 ½ Jahre hinweg war er bei den internationalen Springen, die wir zusammen geritten sind, und besonders bei den Weltcup-Qualifikationen, immer sehr gut unterwegs. So hatten wir uns durchaus dieses Ziel gesetzt, einmal mit ihm bei einem Weltcup-Finale teilzunehmen. Nach dem Weltcup-Finale habe ich Caruso erst einmal eine lange Pause gegönnt. Aktuell bin ich mit ihm und meinen anderen beiden Top-Pferden Selena und Calango wieder erfolgreich in Weltcup-Springen in den USA unterwegs.

Wie viele andere Pferde haben sie aktuell unter dem Sattel? Reiten Sie diese dann vermehrt auf Turnieren?
Aktuell reite ich etwa zehn Pferde täglich. Allerdings gibt es in unserem Stall, inklusive Pferden von Kunden und Schülern, etwa 30 bis 40 Pferde, die ich regelmäßig unter dem Sattel habe. Ich war in den vergangenen Monaten vermehrt mit ihnen auf kleineren Turnieren, da dies ein wichtiger Baustein unseres Ausbildungs- und Verkaufsstalles in den USA ist. Große Turniere kommen dann wieder ab Herbst auf mich zu. Zurzeit bin ich in der näheren Umgebung am Reiten, beispielsweise in Texas und Colorado. Und zwischendurch habe ich mal Zeit für einen Besuch in meiner deutschen Heimat, was immer sehr schön ist.

Wie muss man sich Ihre Reitanlage in den USA vorstellen?
Ich würde es so bezeichnen: Wir machen auf unserer October Hill Farm von allem ein bisschen was. Wir züchten selbst und kaufen zahlreiche Pferde zu. Diese bilden wir dann aus, reiten sie auf kleineren Turnieren und verkaufen sie auch wieder. Mit den jungen Pferden konnte ich schon etliche Erfolge verbuchen. Ein Sechsjähriger aus meinem Beritt war vergangenes Jahr Champion an der Westküste, was etwa mit dem deutschen Bundeschampionat vergleichbar ist. Junge Pferde und junge Leute sind ein Schwerpunkt bei uns. Wir haben etliche Schüler, die ich trainiere. Eine meiner Schülerinnen war beispielsweise auch bei der Weltcup-Qualifikation in Las Vegas am Start. Bei den US-Meisterschaften der jungen Reiter waren die Texaner Meister. Zum Team gehörten zwei Reiter aus meinem Stall. Wir sind also ein Ort für ambitionierte junge Reiter.

Sie leben gemeinsam mit Ihrer amerikanischen Frau Erin und Ihrer kleinen Tochter in Texas. Wann hat es Sie in die USA verschlagen?
Ich lernte einen Stallbesitzer, Kai Handt, aus Nordtexas kennen, der mich gerne als Bereiter einstellen wollte. Erstmals hatte ich mit ihm 2004 Kontakt. Zunächst war ich nur für einen kurzen Urlaub dort und lernte alles kennen. Doch schnell wuchs in mir der Wunsch, dass ich doch komplett dorthin ziehen und arbeiten könnte. Allerdings machte ich zu dieser Zeit gerade meine Ausbildung in Redefin und schloss diese dort 2006 ab. Zu dieser Zeit hatte ich dann aber bereits mein Visum für die USA. Der Arbeit dort stand also nichts mehr im Wege, weshalb ich mich 2007 dann auf den Weg dorthin machte.

Ein Jahr später lernte ich meine heutige Ehefrau Erin kennen und lieben. Sie ist ja ebenfalls Springreiterin und betreibt gemeinsam mit ihrer Schwester die October Hill Farm. Um die Jahreswende 2012/2013 zog ich auf die October Hill Farm. Wir bekamen unsere kleine Tochter und heirateten.

Vermissen Sie manchmal Ihre mecklenburgische Heimat?
Natürlich ist das Leben in den USA eine tolle Sache und wenn ich nicht Lust darauf gehabt hätte, wäre das niemals möglich gewesen. Aber natürlich vermisse ich vor allem meine Familie und auch viele Freunde hier. Aber ich reise mehrfach im Jahr nach Deutschland und dann kann ich auch immer wieder ein, zwei Tage länger bleiben und mich mit meiner Familie treffen. So kann ich das Geschäftliche meist gut mit dem Privaten verbinden. Wir versuchen außerdem, regelmäßig gemeinsam Urlaub mit meinen Eltern zu machen. Insofern ist das für alle Seiten so in Ordnung.

Wie kamen Sie überhaupt zur Reiterei? Saßen Sie bereits als Kind im Sattel?
Alles begann durch meinen Großvater, der eine Landwirtschaft und Pferde hatte. Bei ihm saß ich schon immer auf dem Pferd. Zunächst war alles ganz hobbymäßig und doch konnte ich mir gar nichts anderes vorstellen. Es war mir schon früh unbewusst klar, dass ich auch beruflich in diese Richtung gehen wollte. So begann ich 1996 im Landgestüt Redefin meine Ausbildung Pferdewirt Zucht und Haltung sowie eine Ausbildung zum Bereiter, die ich mit der erfolgreichen Prüfung abschloss und dort auch einige Zeit arbeitete. Der Schwerpunkt lag bei mir immer auf der Ausbildung von jungen Pferden. Ich wurde in Redefin von Michael Thieme in der Dressur und Rolf Bünder im Springen ausgebildet. Dressur ritt ich bis Intermediaire I, wandte mich aber dann doch eher in Richtung Springen. Auch wenn die Dressur nach wie vor für mich der grundlegende Teil der Ausbildung jedes Pferdes ist und diese bei uns auf dem Hof auch nach wie vor sehr weit vorne steht. Wir reiten zwar turniermäßig in unserem Stall heute keine Dressur, aber zuhause werden die Pferde selbstverständlich viel mehr dressurmäßig geritten.

Als Deutscher in den USA sind Sie bestimmt auch mit den Unterschieden des deutschen und amerikanischen Stils konfrontiert. Wie lösen Sie diese Aufgabe? Was kann man sich beispielsweise von den amerikanischen Reitern „abschauen“?
Man kann beide Seiten recht gut kombinieren. Allerdings sieht man auf dem hohen Niveau schon die Unterschiede zwischen deutschem und amerikanischem Stil. Eine Kombination aus beiden Stilrichtungen kann aber schon eine gute Lösung sein, finde ich. Die Deutschen sind immer sehr schnell und stilistisch sehr gut, aber die Weltrangliste sagt ja schon aus, dass viele Amerikaner vorn dabei sein. Wenn man aber die dressurmäßige Ausbildung ansieht, entdeckt man aber auf beiden Seiten des Ozeans, dass die Pferde der besten Reiter – sei das nun ein Kent Farrington oder Christian Ahlmann – überaus korrekt und präzise gearbeitet werden. Ich selbst reite, würde ich sagen, etwas amerikanischer als die Deutschen im Parcours, aber die dressurmäßige Arbeit habe ich in Deutschland perfektioniert.

Eine kleine Familie und den Reitsport auf hohem Niveau unter einen Hut zu bringen ist nicht immer leicht. Klappt es bei Ihnen dennoch gut? Schließlich sind Sie ja praktisch alle über die Pferde verbunden.
Meine kleine Familie steht in meiner Freizeit für mich immer im Mittelpunkt. Dann haben sie die absolute Hauptrolle. Da meine Frau aber auch mit Pferden seit Kindheit verbunden ist, haben wir eine gemeinsame Leidenschaft, die zum Beruf geworden ist, was vieles leichter macht. Man muss dennoch immer darauf achten, dass man genug Zeit hat zusammen. Das ist im Turnieralltag nicht immer ganz einfach, aber ich denke, bei uns funktioniert das ganz gut. Man verbringt natürlich viel Zeit zusammen im Stall und mit den Pferden.

Durch die Hochzeit mit Erin wurden Sie auch Mitglied des Teams der October Hill Farm…
Meine Frau und ihre älteste Schwester betreiben die Farm schon längere Zeit zusammen. Ich wurde dann sozusagen in die Familie mit aufgenommen und übernehme nun einen Großteil der Ausbildung der Pferde, Käufe und Verkäufe sowie des Trainings mit den jungen Reitern. Meine Frau kümmert sich aktuell etwas mehr um unser Kind. Unsere Tochter ist ja nun drei Jahre und ist auch immer munter überall unterwegs. Allerdings reitet meine Frau Erin nebenbei weiter und war beispielsweise auch im Großen Preis von Omaha im Rahmen des Weltcup-Finales am Start.

Denken Sie, dass Ihr Weg als deutscher Reiter in den USA Ihre Karriere womöglich sogar beflügelt hat?
Das ist sehr wahrscheinlich so gewesen. Denn wenn man einmal ehrlich ist, ist es für einen jungen Reiter in Deutschland einfach sehr schwer, nach oben zu kommen. Die Möglichkeiten dafür sind in den USA womöglich doch etwas mehr gegeben. Doch das Niveau in den USA ist deutlich höher geworden und man muss natürlich gut reiten, um vorne mit dabei zu sein. Wer die Hindernisse reißt, gewinnt auch dort keinen Blumentopf. Schnell muss man obendrein sein, sonst wird es nichts mit dem Gewinnen. Allerdings ist die Dichte an Top-Reitern deutlich geringer. In Deutschland an eine Startgenehmigung bei einem bekannten Turnier zu kommen, ist schon sehr schwer.

Gibt es einen Wunsch, den Sie sich unbedingt eines Tages einmal erfüllen möchten?
Eigentlich ist mein größter Wunsch, dass Pferde und Reiter bei uns immer gesund bleiben. Außerdem wünsche ich mir, dass meine Pferde und ich uns gut weiterentwickeln. Ich denke, dann kommt der Rest von selbst.

 

Text: Alexandra Koch