Exklusives Horseweb-Interview mit Cathrine Dufour – Dänemarks neue Dressurkönigin

Wenn man vor zwei Jahren den Namen Cathrine Dufour erwähnt hätte, hätten selbst die größten Dressurexperten erst einmal nachdenken müssen. Mittlerweile ist die 25-Jährige in aller Munde, legte sie doch im vergangenen Jahr mit ihrem langjährigen Partner Atterupgaards Cassidy, einem Sohn des Caprimond, einen unvergleichlichen Aufstieg hin. Nach Top-Leistungen beim CHIO legte die junge Reiterin bei den Europameisterschaften noch eine Schippe drauf: zweimal Einzelbronze und Silber mit der Mannschaft waren der Lohn.

Sie haben bei den Europameisterschaften im vergangenen Jahr in Göteborg drei Medaillen gewonnen. Das war der große Durchbruch für Sie. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Diese Woche in Göteborg war ganz und gar unglaublich für mich. Ich muss dazu sagen, dass ich ja bereits in Aachen beim CHIO einige Wochen früher mit meinem Pferd herausragend unterwegs war. Das hat auch meine eigenen Erwartungen ziemlich hochgesteckt. Ich wusste genau, dass ich liefern muss, wenn ich in die Medaillenränge kommen möchte. Wenn ich ein ganz besonderes Erlebnis bei dieser EM auswählen sollte, wäre das der Team-Wettbewerb. Es ist immer etwas Spezielles, mit dem Team unterwegs zu sein. Unser Team war in diesem Jahr wirklich einzigartig. Wir hatten einen solch tollen Teamgeist wie nie zuvor. Wir waren einfach ein Dreamteam, das seinen Traum von einer Medaille auch dank dieses Zusammenhalts wahr werden ließ.

Sie reiten Ihr Pferd Cassidy schon seit vielen Jahren. Zusammen gingen Sie den Weg von den Junioren zu den Jungen Reitern zum Grand Prix Sport. Das ist in der Königsklasse des Dressursports eher selten der Fall. Hat es in Ihrem Fall aber eine ganz besondere Verbindung geschaffen, die sie überhaupt so weit gebracht hat?

Ich reite Cassidy nun seit mehr als sieben Jahren. Damals testete ich ihn bei Andreas Helgstrand. Ich muss sagen, dass es keine Liebe auf den ersten Blick war zwischen uns. Aber mein Trainer bestärkte mich darin, dass ich ihn kaufen sollte, was wir dann auch taten. Ich mochte ihn schon, aber hatte das Gefühl, dass sein Trab nicht wirklich raumgreifend war und er da hinter anderen Pferden deutlich zurückstehen würde. Aber es stellte sich heraus, dass wir nach nur 30 Tagen zusammen bei den Junioren-Europameisterschaften am Start waren und dort tatsächlich zwei Silbermedaillen gewinnen konnten. Seit diesem Moment haben wir eine perfekte Partnerschaft. Er ist für mich wie mein Augapfel. Cassidy ist das süßeste aller Pferde für mich, er ist wie ein kleines Pony, mit dem man immer kuscheln möchte. Wir haben eine unglaubliche, enge Verbindung zwischen uns, die sicherlich daraus erwuchs, dass wir unsere gesamte Laufbahn nach oben zusammen erlebten. Ich habe es in dieser Zeit immer genossen, mit ihm zu trainieren und ihn im Wettkampf vorzustellen. Wie sich alles entwickelt hat, ist wirklich ein wahrgewordener Traum.

Wie würden Sie Cassidys Charakter beschreiben?

Er ist ein echter Gentleman! Er hat zwar durchaus immer seinen eigenen Willen, den er auch durchsetzen möchte, aber er ist gleichzeitig mein allerbester Freund. Er ist so süß! Immer wenn ich in die Stallungen gehe, ist er gleich der erste, der sich wiehernd bei mir meldet. Er geht vormittags auf die Weide und liebt das ganz besonders. Jeden zweiten Tag spielt er sich mindestens dabei auf und wird ziemlich verrückt, aber ich liebe das an ihm. Im Wettkampf ist er dann ganz anders. Er kann durchaus ziemlich unsicher sein. Ich spüre häufig, dass er ein bisschen Angst hat, gerade vor großen Bildschirmen. Er muss sich auf den Turnieren sicher fühlen, das müssen wir ihm bieten können, dann kann er auch seine Leistung abrufen. Cassidy liebt Futter, am liebsten würde er den ganzen Tag fressen.

Wenn ich auf die Lektionen blicke, die Cassidy am besten beherrscht, dann sind das die Einerwechsel, die haben sofort bei ihm geklappt. Mit der Piaffe-Passage war das ein bisschen anders… das hat gedauert.

Erstmals tauchten Sie bei den Olympischen Spielen in Rio im Rampenlicht auf. Mit welchen Erinnerungen blicken Sie darauf zurück?

Die Olympischen Spiele waren wirklich etwas ganz Besonderes. Ich bestritt nur zehn Monate früher meine erste Prüfung bei den Senioren – auf nationalem Niveau in Odense. Damals waren wir noch Vorletzte. Da alles so überstürzt vor sich ging, war das wie eine Achterbahnfahrt. Aber wir schafften es wirklich nach Rio. Am meisten bewegt hat es mich dort, einfach Teil der Atmosphäre zu sein und alles in sich aufnehmen zu können. Unter all diesen herausragenden Athleten zu sein, war für mich das Größte. Mein Vater ist dann den Weg zum Dressurviereck mit mir gegangen, wie er das schon seit meiner Ponyzeit tut. Das war für mich sehr bewegend. Ebenso wie gesamte Atmosphäre bei dieser weltgrößten Sportveranstaltung. Aber nach den Spielen brauchte ich erst einmal eine Pause, wollte mit niemandem ständig darüber reden. Ich denke, ich musste nach diesen großen Erfolgen meinen Alltag erst wiederfinden, um zurück zu meiner Mitte zu gelangen.

Wie sind Sie zum Reiten gekommen? Gab es schon familiären Background?

Meine Familie hatte überhaupt nichts mit Pferden zu tun. Weder meine Mutter noch mein Vater waren jemals geritten. Als ich fünf Jahre alt war, fragte mich eine Freundin, ob ich nicht Lust hätte, zur Reitschule mitzukommen. Zunächst war ich nicht wirklich begeistert und winkte ab. Aber dann ließ ich mich doch überreden und kam ein, zwei Mal mit. Und dann hatte es mich gepackt. Ich war vollkommen vernarrt in die Pferde und was ich dort erlebte. In dieser Reitschule blieb ich dann nur etwa ein Jahr, dann wechselte ich auf eine größere Anlage. Diese war gar nicht so weit weg von meinem damaligen Wohnort und daher perfekt. Ich ritt dort drei Jahre lang. Als ich acht Jahre alt war, bekam ich mein erstes Pferd. Sunny Boy war ein Reitschulpferd dort und er begleitete mich von da an über viele Jahre hinweg. Das war der Anfang. Ich hatte in meiner Reitschule einen tollen Lehrer und es entwickelte sich einfach alles weiter. Ich bekam später ein anderes Pony, Charlie, auf dem ich bei den Dänischen Meisterschaften 2004 erstmals am Start war. Nach ihm kam ein weiteres Pony zu uns, mit dem ich dann drei Mal nacheinander Dänische Meisterin wurde. Und dann ging es immer weiter bergauf. Von 2009 bis 2013 gewann ich stets eine Medaille, bis auf 2009 war auch immer Edelmetall im Einzel dabei.

Schon als Grundschulkind war ich also mit Sunny Boy bei Turnieren unterwegs und ich liebte das. Mein erster Wettkampf war nicht wirklich gut. Ich war unterdurchschnittlich, aber ich weiß, dass es mir einfach Spaß machte. Die Note war zweitrangig. Ich erinnere mich vom Anfang meiner Reitsport-Karriere vor allem daran, dass ich es liebte, mit meinen Ponys zusammen zu sein. Es ging gar nicht so sehr um das Reiten, aber ums pflegen, kuscheln, liebhaben.

Wie kamen Sie zum Dressurreiten?

Naja, das war anfangs eher Zufall. Ich hatte auf Sunny Boy auch einige Springstunden. Aber ich flog zwei Mal nacheinander runter. Das war wohl der Zeitpunkt, zu dem ich mir selbst sagte: „Ok, das ist jetzt nicht unbedingt mein Sport.“ Ich wollte daraufhin etwas machen, bei dem ich mich sicherer fühlte. Also kam ich zum Dressurreiten. Aber ganz schnell fand ich heraus, dass Dressur etwas ganz Besonderes ist. Es ist wie ein Kunstwerk, vielleicht vergleichbar mit Ballett. Man kreiert ein Kunstwerk mit dem Tier zusammen. Ich hatte immer das Gefühl, dass wir bei der Dressur miteinander verschmelzen würden. Wir werden zu einer Einheit. Dieses Gefühl gibt es für mich nur beim Dressurreiten.

Nach der Schule haben Sie sehr früh Ihren eigenen Sportstall aufgebaut. War es schwierig, sich zunächst durchzusetzen? Sie hatten ja noch keine große Reputation…

Ja, das war nicht so einfach. Aber ich hatte mir das schon während des Gymnasiums genau durchdacht. Schon während der letzten beiden Schuljahre beschäftigte ich mich intensiv damit, wie ich meinen Stall aufbauen wollte. Ich wollte wissen, ob ich davon leben könnte. Also probierte ich für ein, zwei Jahre aus, ob ich genug Geld mit den Pferden verdienen konnte. Ich hatte schon damals einige Schüler, Ponyreiter und Junioren, die ich regelmäßig trainierte. Ich nahm zudem auch Pferde in Beritt und das entwickelte sich schnell ziemlich gut. Schnell bemerkte ich, dass ich hier sogar etwas noch Größeres aufbauen konnte. Einige meiner Schüler nahmen an den Ponyeuropameisterschaften teil und plötzlich hatte ich einen sehr guten Namen. Nach einigen Jahren entschloss ich mich, dass das alles sehr gut aussah und ich wirklich davon leben wollte. Ich verwarf daraufhin meinen Plan B, nämlich, dass ich an der Uni studieren würde. Mit der Unterstützung meiner Eltern bauten wir langsam unseren Trainingsstall auf. Ich nahm immer mehr Pferde in Beritt, die ich zusätzlich zu meinen eigenen Pferden unter dem Sattel habe. Neben dem Beritt ist aber die Ausbildung ganz junger Reiter weiterhin meine große Leidenschaft. Ich habe nach wie vor Reiter aus dem Pony, Junioren und Junge Reiter Kader, die bei mir trainieren. Ihnen allen zu besserem Reiten und größeren Erfolgen zu verhelfen, macht mir unheimlich Spaß.

Wie müssen wir uns einen typischen Tag bei Ihnen im Stall vorstellen?

Ich beginne meinen Tag sehr gerne mit einer bis eineinhalb Stunden Workout im Fitnessstudio. Ganz früh morgens um ca. 6:30 Uhr ist es dort wunderbar ruhig. Während dieser Zeit gehen meine Pferde auf die Weide und können sich dort austoben. Danach fahre ich auf unseren Hof zurück, wo wir leben und arbeiten. Ich reite täglich etwa sechs bis acht Pferde. Die meisten Pferde sind fünf Jahre und älter, haben also schon ihre Grundausbildung genossen. Nach ihnen kommen noch meine ganz jungen Pferde dran. Das geht so weiter bis etwa 13:00 Uhr. Danach mache ich eine kleine Pause und es geht wieder mit den Pferden weiter. Eine echte Mittagspause mache ich aber normalerweise nicht. Nur etwas Entspannung zwischendurch muss sein. Cassidy ist immer das letzte Pferd, das ich täglich unter dem Sattel habe. Ich habe ihn ja selbst ausgebildet und kenne ihn in- und auswendig. Er bekommt auch immer tüchtig Streicheleinheiten, bevor wir reiten und wenn ich mit ihm fertig bin. Vermutlich darf er von allen Pferden die meiste Zeit mit mir genießen. Danach warten meist meine Schüler auf mich. Das dauert dann meist von 15:00 Uhr bis 18:00 Uhr.

Haben Sie schon vielversprechende Nachwuchspferde im Stall für die Zeit „nach Cassidy“?

Ich setze Cassidy sehr gezielt ein. Er ist ja nun 15 Jahre alt und ich möchte ihn noch lange reiten, deshalb denken wir gar nicht mehr daran, 1000 Turniere pro Jahr zu reiten. Aber natürlich ist er meine große Hoffnung für die Weltreiterspiele in diesem Jahr. Er ist ein sehr gesundes Pferd, aber man weiß nie, was die Zukunft bringt. Eine Verletzung kann so schnell passieren, aber wir hoffen, dass wir zusammen noch zwei, drei weitere Jahre nach 2018 unterwegs sein werden. Ich habe momentan einen Achtjährigen namens Bohemian, der nun auf Inter I Niveau vorgestellt werden soll. Er ist vom Temperament her Cassidy sehr ähnlich, kann ziemlich heiß werden, möchte aber immer arbeiten. Ein großes Talent, meiner Meinung nach, aber er ist natürlich noch sehr unerfahren und wir müssen sehen, wie er sich weiterentwickelt. Ich habe ein weiteres eigenes Pferd, Sundance, einen Sechsjährigen von Blue Hors Zack. Ich mag ihn sehr, aber er ist recht kompliziert zu reiten. Ich mag ja heiße Pferde, aber mit ihm werde ich noch ganz schön zu tun haben. Und dann ist da noch Adax Sauterness, der mittlerweile drei Jahre alt ist und den ich schon als Fohlen kaufte. Er wurde gerade angeritten, mal sehen, wie er sich entwickelt. Mein jüngstes Pferd ist Tootsie, aber sie ist erst zwei Jahre alt und unglaublich süß. Aber natürlich kann ich bei hr noch keine Vorhersagen machen. Aber ihr Muttervater Totilas spricht für sich, denke ich.

Momentan bin ich also noch etwas auf der Suche nach meinem zukünftigen Superstar. Ich halte auch immer Ausschau nach Pferden im Alter von vier bis sechs Jahren mit viel Talent.

Was machen Sie denn gerne, wenn sie mal nicht zu Pferde unterwegs sind?

Ich verbringe die Zeit dann am liebsten mit meiner Partnerin und mit meinen Eltern. Oder ich treffe mich mit meinen Freunden. Am wichtigsten ist mir, dass ich einfach relaxen kann, wenn ich mal nicht im Sattel sitze. Ich gehe gern ins Kino oder gehe lecker essen. Große Partys oder Reisen stehen nicht auf dem Plan, denn meistens will ich einfach ruhig zuhause sein. Ich reise ohnehin so viel auf Turniere. In diesem Jahr bin ich mit meiner Partnerin für eine Woche richtig verreist. Aber das war das erste Mal in den vergangenen vier Jahren.

Wie erleben Sie die Entwicklung des Dressursports in Dänemark?

Ich bin seit 2015 bei den Senioren mit von der Partie. Das ist ja noch gar nicht so lange. Aber ich spüre eine Entwicklung in die richtige Richtung. Wir haben einige junge Reiter, die den Sport in unserem Land voranbringen möchten. Wir haben hier in Dänemark einige Leute, die sehr gute junge Pferde kaufen können und sie dann selbst ausbilden. Das hilft unserem Land sehr. Außerdem denke ich, dass es im vergangenen Jahr einen entscheidenden Schritt in die richtige Richtung gab. Nathalie zu Sayn-Wittgenstein übernahm den Posten der Bundestrainerin und sie macht einfach einen unglaublich tollen Job. Sie ist von ganzem Herzen mit dabei und das hat viel verändert. Wir haben ein ziemlich gutes System in Dänemark für die Förderung der Jugend in der Dressur. Ich denke, das wird sich in den nächsten Jahren bezahlt machen. Meiner Meinung nach kann es Dänemark schaffen, sich in den kommenden Jahren ganz vorne zu etablieren.

Ihre Pläne für dieses Jahr gehen ja bestimmt Richtung Weltreiterspiele…

Ja, wie bei allen Reitern auf diesem Niveau steht auch mein Jahr im Zeichen der Weltreiterspiele in den USA. Aber ich habe jetzt auch schon den Weltcup in Göteborg im Blick, bei dem ich wieder mit Cassidy antreten werde. In den Weihnachtsferien hatte Cassidy viel Zeit zum relaxen, danach haben wir langsam angefangen, unsere neue Kür zu üben. Falls ich in Göteborg vorne mit dabei bin und gute Chancen habe, mich fürs Finale in Paris zu qualifizieren, wird noch ein weiteres Turnier dazukommen. Ansonsten werde ich meinen Fokus schon Richtung Dänische Meisterschaften und WEG richten.

Haben Sie einen Wunsch, den Sie sich unbedingt einmal erfüllen möchten?

Mein größter Wunsch wäre natürlich, einmal eine olympische Goldmedaille zu gewinnen. Das ist mein Traum.

 

Interview: Alexandra Koch für Horseweb. Das Kopieren dieses Text ist nicht gestattet!