Exklusiv bei Horseweb: Interview mit Harrie Smolders – Europas Spitzenreiter

Schon lange hatte man in Harrie Smolders ein großes Talent gesehen. Der 1980 geborene Springreiter und Vater zweier Söhne wurde zunächst mit Walnut de Muze (EM 2009) und danach mit Regina Z langsam fester Bestandteil von großen Turnierveranstaltungen. 2016 wurde er beim Weltcup-Finale Zweiter auf Emerald, 2017 gab es Einzel-Silber bei den Europameisterschaften. Daraufhin kamen weitere Erfolge Schlag auf Schlag, unter anderem der Doppelsieg in der Gesamtwertung von Global Champions Tour und Global Champions League sowie Siege bei mehreren Weltcup-Springen. Was ihn antreibt, wie sein Werdegang verlief und welchen Stellenwert das richtige Management und Aufbau der Pferde haben, hat der Reiter, aktuell Nummer 2 der Weltrangliste, im exklusiven Interview verraten.

Mit Don VHP Z, Emerald und Zinius haben Sie derzeit drei herausragende Top-Pferde. Sie sagten mal, dass gutes Pferdemanagement am wichtigsten ist. Aber wie genau klappt das, drei Pferde auf dieses Top-Niveau zu bringen?
Ich denke, das hat viel mit meiner Philosophie des Trainings und Managements der Pferde zu tun. Ich muss dafür sorgen, dass es ihnen gut geht und dass sie gleichzeitig auf den Punkt fit sind. Beispielsweise bekommen Don und Emerald zwei Monate Pause im Winter, damit sie einmal richtig entspannen können. Sie danach wiederaufzubauen, nimmt natürlich erneut ein paar Monate in Anspruch. Aber ich denke, dadurch können sie im Sommer so erfolgreich. Es geht ganz viel darum, in die Pferde hineinzuhorchen, welche Bedürfnisse sie genau haben.

Im vergangenen Jahr begann nach Valkenswaard Emeralds Pause, um wieder Kraft zu schöpfen. Nach Genf gebe ich nun Don eine Pause. Er wird erst wieder in der Grünen Saison aktiv werden. Da diese beiden Pferde ihre Pausen hatten, konnten sich meine anderen Pferde in der Halle beweisen. Zinius hat mich dabei wahnsinnig überrascht und erfreut. Das hätte ich niemals erwartet. In den letzten 30 Runden, die er gegangen ist, hatte er nur zwei Abwürfe. Er stand immer etwas im Schatten der anderen beiden, aber nun ist er herausgetreten und zeigt wirklich, was er kann und hat einen super Lauf.

Harrie Smolders und Zinius, hier in Leipzig 2017. (Foto: Stefan Lafrentz)

Über Zinius wissen wir noch gar nicht so viel, da Don und Emerald immer im Mittelpunkt standen. Vielleicht mögen Sie uns ein wenig über ihn berichten…

Ich habe Zinius vor etwa einem Jahr gekauft. Er war zuvor bereits mit Doron Kuipers ziemlich erfolgreich und hatte einige Jahre Turniere auf diesem Niveau bestritten. Er ist ja mittlerweile auch schon 14, aber das bedeutet auch, dass ich ihn schneller einsetzen konnte, als ein ganz junges Pferd. Nachdem wir Regina verabschiedet hatten, sahen wir uns nach einem neuen Pferd um, das ihren Platz einnehmen konnte. Wir suchten nach einem Pferd, das ich als Zweitpferd mit zur Global Champions Tour und den anderen großen Events nehmen konnte. Ein Pferd, das sehr wettkampfstark ist und dem es Freude macht, sich zu messen. In Zinius hatten wir dieses Pferd gefunden. Im Sommer stellten wir noch ein paar Dinge um, lernten uns besser kennen. Doch schon bald fühlten wir uns beide miteinander sehr wohl. Im Sommer gab es dann erste Erfolge und nun im Winter ist es wirklich faszinierend zu erleben, wie sich alles mit uns entwickelt hat.

Apropos Management: Wie gehen Sie vor? Wie entscheiden Sie, welches Pferd wo geht? Gerade mit drei Top-Pferden hat man da sicher manchmal die Qual der Wahl…
Ich beginne immer sehr behutsam, wenn ich ein neues Pferd bekomme. In den ersten Monaten geht es vor allem darum, den Körper des Pferdes für den Sport entsprechend aufzubauen. Dabei muss man den Pferden so viel Zeit geben, wie sie benötigen. Das ist immer unterschiedlich. Nach etwa drei Monaten versuche ich dann die richtige Trense und Zäumung zu finden. In dieser Zeit darf man als Reiter auch keine Angst davor haben, dass etwas schiefgehen könnte. Denn das kann immer passieren. Man muss es als einen Lernprozess für beide Seiten wahrnehmen. Ich kann von meinen Pferden unheimlich viel lernen. Nur so kann man eine echte Partnerschaft aufbauen. Der nächste Schritt ist für mich, für jedes Pferd ein Konzept, eine Art Programm, aufzusetzen. In dieser Zeit denke ich intensiv darüber nach, was dieses Pferd braucht. Wie viele Sprünge welcher Art muss ich mit ihm trainieren? Welche Prüfungen passen zu ihm am besten? Zeitspringen? Springen mit Stechen? Halle oder Draußen? Von diesem Punkt an bereite ich meine Pferde gezielt auf die Prüfungen vor, die für sie am besten sind. Ich möchte nicht jedes Pferd in jedem Springen einsetzen. Wenn ich einmal ins Schwarze getroffen habe für dieses Pferd, dann führe ich das auch gern so fort.

Reden wir nochmal über Ihre drei Top Pferde. Würden Sie sagen, dass diese drei sich sehr ähneln oder dass sie alle unterschiedliche Qualitäten haben?
Sie haben alle drei unterschiedliche Qualitäten, aber in ihrer Qualität sind sie allesamt herausragend. Für mich als Reiter ist es das Ziel und die Kunst, die ich beherrschen muss, ihre Schwächen nicht als solche erscheinen zu lassen. Ich muss all ihre Stärken und Schwächen kennen, sodass ich sie gezielt danach einsetzen kann. Nur so kann ich als Reiter in diesen schweren Klassen erfolgreich sein.

Sie sind gerade Zweiter der Weltrangliste. Was ist das für ein Gefühl, so weit oben angekommen zu sein?
Ich habe mich eigentlich nie auf die Rankings konzentriert. Mein Fokus lag immer auf den Pferden und ihren Bedürfnissen. Hätte ich mich nur auf die Weltrangliste konzentriert, hätte ich einfach immer weitergemacht und mich nur auf die Wettkämpfe konzentriert. Das verleitet dazu, den Pferden keine bzw. wenig Pausen zu geben und das ist nicht meine Art. Ich versuche immer auf meine Pferde zu hören, ob sie mir signalisieren, dass sie eine Pause brauchen. Oder ob sie mir andererseits auch sagen, dass sie bereit sind, bei einer großen und wichtigen Prüfung an den Start zu gehen. Ich muss darauf achten, wann sie erfahren genug sind für die jeweilige Prüfung und dass sie sich wohlfühlen und diese in Angriff nehmen möchten. Wenn etwas nicht passt, würde ich nicht mit ihnen starten. Wenn es den Pferden gut geht, ist meine Philosophie, wird der Erfolg auch kommen.

2018 ist das Jahr der Weltreiterspiele. Ist bei Ihnen alles darauf ausgerichtet? Ich kann mir vorstellen, dass Sie auch beim Weltcup-Finale mitmischen möchten. Welche Pferde haben Sie jeweils geplant?
Zunächst habe ich an das Weltcup-Finale überhaupt nicht gedacht, aber da ich immer mehr Punkte bekam und nun schon ziemlich sicher qualifiziert bin, ist das natürlich ein Thema. Ich muss noch mit meinen Pferdebesitzern sprechen, ob wir die Option wahrnehmen wollen. Aktuell ist mein Ziel, noch ein zweites Pferd neben Zinius dafür zu qualifizieren.

Für die Grüne Saison sind für mich die Weltreiterspiele, wo sich die Niederlande ja noch für die Olympischen Spiele qualifizieren müssen, sowie die Global Champions League und Global Champions Tour die großen Ziele, auf die ich besonders hinarbeiten werde. Alles, was dann noch dazu kommt, ist eine echte Zugabe. Ich möchte nicht zu hohe Erwartungen an mich setzen, denn das birgt zwangsläufig Enttäuschungen in sich. Eine Saison, wie die im vergangenen Jahr, ist ja nahezu unmöglich zu wiederholen. Am wichtigsten ist es, dass sich kein Pferd und auch ich uns nicht verletzen.

Haben Sie nach Ihren Siegen auch zur Global Champions League und Global Champions Tour ein besonderes Verhältnis?
Das habe ich schon allein deshalb, weil meine Pferdebesitzer mein Team unterstützen. Daher ist die Global Champions League auch besonders wichtig für mich. Im vergangenen Jahr war ich dann nach einigen Stationen auch noch bei der Global Champions Tour in Führung, also wurde das auch sehr wichtig für mich. Und am Ende beide Siege nach Hause zu bringen, war ein großer Moment.

Im vergangenen Jahr hatten Sie wahnsinnig viele Erfolge. Haben Sie einen, an den Sie besonders gern denken?
Wenn ich mir einen einzelnen Erfolg heraussuchen würde, dann wäre das vermutlich den anderen Erfolgen gegenüber ziemlich unfair. Ich denke, das Größte, was ich erreicht habe, ist, dass ich in so vielen unterschiedlichen Wettkämpfen ganz vorne stehen konnte: Sieg in der GCT und GCL, bei denen man über 15 Stationen hinweg top sein muss, der zweite Platz bei den Europameisterschaften und der Sieg für die Niederlande beim Nationenpreis-Finale in Barcelona. Das waren schon ein paar echte Highlights. Hinter all diesen Siegen und Platzierungen steckt so viel mehr, als man im ersten Moment denken möchte. Viele Runden und Qualifikationen, die dem eigentlichen Event zuvorkommen. Und immer im richtigen Moment, waren wir da. Das ist, denke ich, der größte Erfolg für uns, auf den ich sehr stolz bin.

Das Glück war auf meiner Seite in der letzten Zeit, könnte man sagen. Aber oft wird vergessen, wie viel Management dahintersteckt von vielen beteiligten Personen, der Familie, Besitzern, Pflegern. Ich denke, wenn man alles richtigmacht, ist es vielleicht gar kein Glück. Es gelingt einem dadurch, was man selbst als sein Glück definiert.

Haben Sie momentan auch vielversprechende junge Pferde?
Aktuell habe ich nicht so viele junge Pferde unter dem Sattel. Aber ich reite einen sehr guten Siebenjährigen von Emerald, von dem ich mir ganz viel verspreche. Wir sehen uns natürlich immer nach guten neuen Pferden um, aber das ist nicht so einfach, sie zu finden.

Harrie Smolders und Don VHP Z in Genf. (Foto: Stefan Lafrentz)

Auf was achten Sie bei der Suche besonders?
Oh, das ist sehr schwierig zu beschreiben. Ein Pferd muss etwas Außergewöhnliches mitbringen, um im Top-Sport erfolgreich zu sein. Aber da wird es schon schwierig, denn nicht immer erkennt man das auf den ersten Blick. Manche Pferde haben unheimlich viel Vermögen, andere richtig viel Kampfgeist so wie Zinius. Es ist immer anders.

Wie begannen Sie mit dem Reiten? Kamen Sie aus einer pferdebegeisterten Familie?
Meine Eltern hatten immer schon Pferde, aber das Züchten war für sie einfach ein Hobby. Meine Schwester ritt schon lange vor mir und war auch bei Wettkämpfen unterwegs. Aber ihr erstes Pony wurde zu klein für sie und sie bekam ein größeres. Meine Eltern wollten das erste Pony dann verkaufen, da ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht viel aus ihnen machte. Fußball war viel besser! Doch als sie vor mir standen und vom Verkauf sprachen, sagte ich nur ganz laut „Nein, nein, nein!“ Und so begann ich mit dem Reiten, allerdings war ich anfangs lange Zeit nicht wirklich gut.

Vielleicht lassen Sie uns auch noch ein wenig an Ihrer frühen Karriere teilhaben. Sind Sie schon im Jugendalter Turniere geritten? Wann entschieden Sie sich dafür, mit dem Reiten Ihr Geld zu verdienen?
Nein, als Jugendlicher war ich nicht gut genug. Ich war ziemlich spät dran mit meinen ersten Wettkämpfen. Mit fast 20 ritt ich meine erste Prüfung mit Hindernissen, die höher als 1,30 Meter waren. Nachdem ich mit der Schule fertig war, stand ich vor der Entscheidung, entweder auf die Universität zu gehen und dort Wirtschaft zu studieren oder mein Geld mit Pferden zu verdienen. Ich wollte letzteres versuchen und ging für ein paar Monate zu Johan Heins, einem der bekanntesten Springreiter unseres Landes. Nach einem halben Jahr war ich mir absolut sicher, dass ich damit mein Leben würde verbringen wollen. Ich ritt noch vier Jahre bei Johan bevor ich zu Axel Verlooy ging und mich dort vom Ein-Sterne-Niveau immer weiter hocharbeitete.

Was fasziniert Sie besonders an Pferden?
Die verschiedenen Charaktere der Pferde und auch das Gefühl, das sie einem beim Springen und Reiten geben. Wie Pferde es schaffen, mich als Reiter von ihnen zu überzeugen, fasziniert mich immer wieder. Es sind jedenfalls bei weitem nicht nur gute Resultate. Ich liebe es beispielsweise mit meinen Pferden auszureiten und das befriedigt mich teilweise sogar mehr als ein Sieg. Es ist wunderbar mit ihnen Zeit zu verbringen.

Waren Sie immer vom Springen begeistert oder haben Sie auch einmal etwas anderes probiert?
Ich war früher ein richtiger Allrounder. Denn meine Eltern wollten immer, dass ich mich als Reiter entwickeln sollte. Deshalb war ich lange Zeit deutlich mehr im Dressurviereck unterwegs. Aber ich war auch bei Vielseitigkeits-Prüfungen und einigen Hindernisrennen mit von der Partie. Ich habe also viel ausprobiert. Aber Springen gefiel mir immer am besten, denn wenn ein Pferd mich dabei von seinen Qualitäten überzeugt, habe ich immer ein Lächeln im Gesicht. Bei Emerald konnte ich vor kurzem, als ich ihn nach längerer Zeit mal wieder bei einem Wettkampf ritt, richtig spüren, wie auch er sich darauf freute. Das allein hat schon meinen Tag perfekt gemacht.

Wie sieht ein normaler Tag bei Ihnen in den Stallungen aus?
Meistens sind wir ja nur drei bis maximal vier Tage die Woche zu Hause. Diese sind dann ganz schön voll und es gibt immer etwas zu tun. Als erstes lasse ich es mir jedoch nicht nehmen, an solchen Tagen meine Kinder zur Schule zu bringen. Danach geht es in den Stall. Ich reite dann erstmal meine älteren Pferde bevor die Youngster drankommen. Immer wieder probiere ich zwischendrin auch neue Pferde aus. Außerdem habe ich einige Schüler und unterrichte sie oder reite ihre Pferde.

Ist es für Sie manchmal schwierig, Ihre Familie und den Sport mit all diesen Prüfungen rund um den Globus unter einen Hut zu bekommen?
Das Reisen macht natürlich alles etwas schwieriger. Ein normales Sozialleben ist da manchmal ganz schön schwer zu erreichen. Aber meine ganze Familie und unser Freundeskreis lebt in unserer Nähe, sodass ich sagen kann, dass für meine Frau und meine Kinder das Umfeld passt, auch wenn ich mal wieder unterwegs bin.

Sind Ihre Kinder auch schon pferdebegeistert?
Ich habe zwei Jungs und der ältere findet Tennis und Fußball besser. Aber mein jüngerer Sohn liebt jetzt schon Pferde und alles, was mit dem Stall zu tun hat. Aber natürlich ist er erst sechs Jahre alt und es ist zu früh, dazu jetzt schon eine Aussage zu machen. Aber er kennt alle Namen meiner Pferde und ist wirklich richtig interessiert.

Wenn Sie mal nicht auf dem Pferderücken sitzen, was machen Sie dann gerne?Tatsächlich schaue ich auch heute noch richtig gern Fußball. Aber auch andere Sportarten. Doch mehr als das möchte ich natürlich, wann immer es geht, Zeit mit meiner Familie verbringen.

Haben Sie einen Lebenstraum, den Sie sich nochmal erfüllen möchten?
Am wichtigsten ist immer Gesundheit und wenn die gegeben ist, dann erfreue ich mich daran, dass ich genau das tue, was ich liebe. Ich arbeite gern mit sehr speziellen Pferden und freue mich über ihre Fortschritte. Aber ich würde niemals den Fehler begehen, mich auf eine Goldmedaille zu versteifen. Solch ein Ziel ist einfach zu weit weg von den Fakten.

 

Text: Alexandra Koch