Im Interview: Lorenzo de Luca – Ein Italiener erobert die (Springsport)-Welt

Lorenzo de Luca mit Ensor de Litrange LXII in Omaha. (Foto: Stefan Lafrentz)

 

Lorenzo de Luca, der gerade seinen 30. Geburtstag feierte, erscheint als wirklich zufriedener Zeitgenosse. Stets zeigt er sich ebenso fröhlich wie zielgerichtet. Das mag an seiner italienischen Mentalität liegen und an der Tatsache, dass er mit den belgischen Stephex Stables den idealen Partner für große Erfolge gefunden hat. Seit er dort als Bereiter tätig ist – unter anderem als Kollege von Daniel Deusser – schnellten die Siege sprunghaft nach oben. Mittlerweile ist de Luca Nummer 17 der Welt, war beim Weltcup-Finale in den Top Ten und gewann jüngst die Global Champions Tour Etappe in Shanghai.

Lassen Sie uns zurückblicken zum Weltcup-Finale in Omaha. Wie haben Sie diese Großveranstaltung erlebt? Sind Sie zufrieden mit Ihrem zehnten Rang?

Mein Pferd Ensor De Litrange LXII sprang wirklich phänomenal. Ich war sehr zufrieden mit ihm. Er war einfach perfekt und das kann mich nur zu einem glücklichen Menschen machen. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass das Glück ein bisschen mehr auf unserer Seite gewesen wäre. Etwas weiter vorne im Klassement wäre schön gewesen. Aber das habe ich ja gerade in Shanghai geschafft.

Der Veranstaltungsort Omaha wurde mehrfach gelobt – wie haben Sie das erlebt?

Oh ja, mir hat die Veranstaltung in Omaha sehr gut gefallen. Das war eines der am besten organisierten Turniere, die ich je erleben durfte. Und der Sport, den man über die Woche hinweg erleben durfte, war doch durchwegs sehr gut.

Hatten Sie einen „speziellen Moment“ beim Weltcup-Finale, an den Sie sich noch lange erinnern werden?

Das war für mich der erste Tag. Das erste Einreiten in den Parcours. Alle waren an diesem Tag aufgeregt und keiner wusste, was die Woche bringen würde. Insofern habe ich die Stimmung an diesem Tag als sehr speziell erlebt.

Ihr Pferd Ensor De Litrange LXII sprang schon in Omaha großartig, nun gerade in Shanghai zeigte er sich erneut als sprunggewaltiger und schneller Zeitgenosse. Was ist für Sie so besonders an ihrem besten Pferd?

Er ist für mich einfach fantastisch und der Beste! Ich bin sehr glücklich, dass ich ihn reiten darf. Er hat den besten Charakter, den man sich vorstellen kann. Ensor ist einfach im Umgang, hat unglaubliches Vermögen und ist dabei noch sehr vorsichtig. Jos Lansink hat ihn ja in den Sport gebracht und bis 2015 geritten. Die beiden waren schon sehr erfolgreich, von daher kann ich mich nur glücklich schätzen hinsichtlich Jos toller Vorarbeit mit ihm. Wir haben nun seit Anfang 2016 eine wirklich fantastische Partnerschaft und das ist es auch, was die besten Paare der Welt immer ausmacht.

Sie sind seit 2015 in den Stephex Stables. Was macht diesen Stall zu solch einen perfekten Ort für Reiter?

Ich hatte ja schon vorher einige Erfolge und nahm an den Weltreiterspielen 2014 teil. Auch damals ritt ich bereits einige Stephex Pferde. Doch der Umzug zu Stephex bedeutete noch einmal einen Riesenschub nach vorne. Vielleicht größer als ich ihn je erwartet hatte. Es ist ein super Ort für Reiter und Pferde. Die Pferde werden bestens behandelt und genießen jeden Komfort. Auf uns Reiter wird immer eingegangen, wir werden gefördert und auf den richtigen Weg gebracht. Bei Stephex lieben sie einfach die guten Pferde und den großen Sport.

Wie kam es, dass es Sie nach Belgien zog?

Ich bin bereits vor fünf Jahren nach Belgien gegangen. Grund war einfach, dass ich dort bessere Chancen sah, mein Reiten zu verbessern und den Weg in den großen Sport zu gehen. Ich wollte mein eigenes System finden und damit wettkampffähiger werden. Nachdem ich ein Jahr in Belgien war, sprach mich Stephex an, ob ich einige Pferde des Stalles reiten wollte. Natürlich habe ich nicht „nein“ gesagt und so bekam ich ein paar Pferde. Ich zeigte sie recht erfolgreich und nach einem Jahr der Zusammenarbeit, fragte man mich, ob ich nicht in den Stall kommen möchte. Ich habe die Chance sofort ergriffen, da ich das Gefühl hatte, so deutlich voran zu kommen. Das hat sich mittlerweile mehr als bestätigt.

Wann haben Sie mit dem Reiten begonnen?

Da war ich neun Jahre alt. Keiner aus meiner Familie hatte besonderes Interesse an Pferden oder war regelmäßig geritten. Ich war der einzige, der schon immer von den Tieren fasziniert war. Es war Liebe auf den ersten Blick, ich weiß auch nicht, wie das kam. Deshalb bekamen mich meine Eltern auch nie mehr los von den Pferden. Ich fragte, ob ich Reitstunden nehmen dürfte und bekam diese dann geschenkt. Niemals hatte ich seitdem eine Phase, in der ich nicht geritten bin.

Ab wann konnte man Sie auf Turnieren reiten sehen?

Mein erstes Turnier habe ich mit zwölf Jahren geritten. Dann folgten einige kleine Veranstaltungen und so ging es immer weiter. Für mich ist Springreiten eine der besten Sportarten überhaupt. Es hat eigentlich alles, was einen guten Sport ausmacht: Spannung, Adrenalin und immer ein guter Wettkampf und Stimmung unter den Teilnehmern.

Wann haben Sie sich entschlossen, Profireiter zu werden?

Als ich meinen Abschluss in der Tasche hatte, habe ich gleich begonnen, als Profireiter zu arbeiten. Ich konnte mir nichts Anderes vorstellen, schon während der Schulzeit nicht. Ich hatte einige Kontakte, also zog ich nach Norditalien und arbeitete dort einige Jahre für unterschiedliche Pferdehändler.

Italien ist sicherlich nicht das Springsport-Mekka schlechthin. War es für Sie am Anfang schwierig, im Sport Fuß zu fassen?

In der Tat war es anfangs etwas schwierig. Eigentlich hat Italien ja eine lange und reiche Springsport-Geschichte, die mich auch immer fasziniert und motiviert hat. Man denke nur an die D´Inzeo Brüder, die über Jahrzehnte hinweg das Springreiten prägten. Doch danach hatten wir kein wirklich konkurrenzfähiges Team mehr und so konnte sich Italien nicht oben halten. Also habe ich es natürlich so erlebt, dass ich erst einmal misstrauisch auf den Turnierplätzen beäugt wurde. Wenn man in die Hochburgen wie Belgien oder Deutschaland kommt, ist es ganz normal, dass man ein wenig wie ein „Alien“ wahrgenommen wird. Aber ich habe meine Chance ergriffen. Durch harte Arbeit und Respekt, den ich allen Menschen entgegenbrachte, habe ich es geschafft, dass ich heute ganz viel von ihnen zurückbekomme.

Was fasziniert Sie an Pferden besonders?

Alles! Wirklich alles an ihnen ist speziell! Sie bedeuten mir alles! Es sind fantastische Tiere! Wir dürfen bei ihnen vor allem nicht vergessen, dass sie für uns wirklich alles tun. Es ist unglaublich. Daher müssen wir sie mit Respekt und so einfühlsam wie möglich behandeln.

Wie darf man sich einen normalen Tag in Ihrem Leben vorstellen?

Ich reite normalerweise täglich etwa acht Pferde. Neben dem Reiten übernehme ich gerne alle organisatorischen Aufgaben rund um mein Team. Ich kümmere mich gern um die Freizeit meiner Pferde, wann der Tierarzt oder der Schmied kommen muss. So habe ich an den Tagen ohne Turnier immer gut zu tun. Turnier bedeutet bei mir momentan vor allem viel reisen. Zum Glück habe ich ein super Team, dank dem dies erst möglich wird.

Und wenn Sie mal nicht im Sattel sitzen?

Ich bin ein Sportmensch! Bewegung macht mir unglaublich Freude. Ich spiele und schaue gerne Fußball. Ich spiele außerdem manchmal Tennis oder trainiere im Fitnessstudio.

Welche Pläne haben Sie für den Rest dieses Jahres?

Ich habe momentan wirklich grandiose Pferde. Neben Ensor De Litrange LXII reite ich Armitage´s Boy, Limestone Grey und Halifax auf Fünf-Sterne-Niveau. Das gibt mir viele Startmöglichkeiten, weil ich auf so viele erstklassige Pferde zurückgreifen kann. Außerdem habe ich noch einige sieben und achtjährige Pferde unter dem Sattel, die ich auf den großen Sport vorbereiten möchte. Nach den Reisen durch die ganze Welt bleibe ich nun erst einmal in Europa. Das Highlight sollen natürlich die Europameisterschaften in Göteborg werden, wo ich hoffe, sehr gut abzuschneiden. Das ist mein größtes Ziel. Außerdem möchte ich Italien helfen, in der Super League zu bleiben. Das ist sehr wichtig für unseren Reitsport. Auch die Global Champions Tour steht bei mir hoch im Kurs. Sie machen fantastische Turniere an tollen Orten mit Preisgeld, von dem man sonst nur träumen kann.

Wo, denken Sie, können Sie heute noch etwas an Ihrem Reiten verbessern?

Ich bin der Ansicht, dass man immer etwas verbessern kann und muss. Es darf keinen Stillstand geben, denn das wäre ein Rückschritt. Also versuche ich immer, meine Pferde noch professioneller zu managen. Ich probiere, noch besser auf ihnen zu sitzen und an meiner Dressurarbeit zu feilen. Und nicht zuletzt versuche ich, noch schneller zu werden, um im Stechen öfter eine Chance zu haben.

Letzte Frage: Gibt es einen Wunsch, den Sie sich erfüllen möchten?

Ich habe schon einmal in einem Interview gesagt, dass man als Profireiter sicherlich von den Olympischen Spielen träumt. Aber im Grunde habe ich hier alles, was ich mir nur wünschen kann. Ich arbeite mit einem super Team, tollen Pferden. Und nun habe ich obendrein die Möglichkeit, an viele wunderbare Orte auf der ganzen Welt zu reisen. Überall gibt es fantastische Turniere und uns bietet sich die Möglichkeit, andere Kulturen kennenzulernen und unseren Sport dort bekannter zu machen. Das ist alles ziemlich perfekt. Ich denke, ich bin ein sehr glücklicher Mensch!

Text: Alexandra Koch

 

Dieser Text wurde von der Agentur Hafensänger verfasst. Das Kopieren des Text- und Bildmaterials ist nicht gestattet.