26.09.2022

Auch alte Pferde müssen artgerecht gehalten und gepflegt werden – am besten in der Herde

Wenn der goldene Pferdeherbst beginnt

Genau wie ältere Menschen ihren Lebensabend immer aktiver gestalten, so können auch Pferde im Ruhestand heute länger gesund und fit bleiben. Pferdebesitzer haben insgesamt ein größeres Verantwortungsgefühl ihren Schützlingen gegenüber entwickelt und so werden Pferde heute oft auch noch viele Jahre nach ihrer aktiven Zeit gehalten. Es sind jedoch einige Dinge zu beachten, möchte man seinem Pferd den Lebensabend so attraktiv und glücklich wie möglich gestalten. Die Fütterung, die Bewegung, die Gesunderhaltung und vor allem die Frage: Wohin?

Es ist nicht selbstverständlich, dass die alten Pferde einen ruhigen Lebensabend auf der hauseigenen Weide, im vertrauten Rahmen mit den langjährigen Freunden an der Seite, verbringen dürfen. Das Geld spielt eine große Rolle. Kann das Pferd weiter finanziert werden, auch wenn es keinen Nutzen mehr bringt? Der finanzielle Aspekt muss realistisch und objektiv geklärt werden. Ein altes Pferd kostet genauso viel wie ein junges, wenn nicht durch Tierarztkosten und Medikamente sogar mehr. Diese Frage muss jeder Halter für sich klären. Genau wie die Frage, was, wann und wem nützlich ist. Wenn die eigene sportliche Karriere mit dem Pferd dem Ende zugeht, bietet es sich möglicherweise an den Kameraden an einen Bekannten zu geben, der einen Partner zum ausreiten oder spazieren gehen und zum umhegen und pflegen sucht. Vielleicht sucht auch jemand nach einer Gesellschaft für seine jüngeren Pferde? Oder einem Beistellpferd für seine Zuchtstute?

 

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Es gibt oft auch für Pferdehalter mit wenig Platz viele Möglichkeiten, seinen ehemaligen Sport- oder Freizeitpartner gut unterzubringen. Auch ein Gnadenhof für alte Pferde ist eine Alternative. Viele dieser Höfe versuchen den Pferden einen schönen Lebensabend zu geben. Aber auch hier gilt: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Es ist ganz wichtig die Verantwortung für das Lebewesen nicht einfach aus der Hand zu geben. Diese Verantwortung für sein Pferd ist auch als Punkt neun der Ethischen Grundsätze des Pferdefreundes, herausgegeben von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), klar definiert: „Die Verantwortung des Menschen für das ihm anvertraute Pferd erstreckt sich auch auf das Lebensende des Pferdes. Dieser Verantwortung muss der Mensch stets im Sinne des Pferdes gerecht werden.“

 

Beispiele für Alterserscheinungen

Oft treten unterschiedliche Alterserscheinungen auf. Manche Pferde werden mager und fallen zusammen. (Foto:Daniela Jaeger)

– Graue Haare, zunächst am Kopf

– Eingesunkene Augengruben

– Die Leistungsfähigkeit vom Herz-Kreislauf- und Atmungssystem nimmt ab

– Die Futterverwertung ist beeinträchtigt

– Die Fähigkeit zur Temperaturregelung verringert sich

– Das Immunsystem wird schwächer

– Es treten Probleme mit den Gelenken auf

– Spat und andere Arthroseformen kommen auf

– Senkrücken

– Die Zähne verlängern sich und fallen aus

– Es gibt Schwierigkeiten beim Haarwechsel

– Grauer Star

 

Herdenhaltung

Oft wird unterschätzt, dass regelmäßige Bewegung auch für Senioren ein großes Plus zur Gesunderhaltung darstellt. Nicht umsonst gilt noch immer der volkstümliche Spruch: „Wer rastet der rostet.“ Ein großer Vorteil für die tägliche Bewegung ist die Herdenhaltung im Offenstall oder auf der Weide. Bei der Weidehaltung wandert die Herde auf der Suche nach den besten Grasstellen und im Offenstall pendelt sie zwischen Tränke, Fressplätzen oder Schlaf- beziehungsweise Ruhebereichen. Außerdem bilden sich bis ins sehr hohe Alter hinein richtige Freundschaften zwischen den Tieren, die für die Psyche des Seniors von Wichtigkeit sind. Trotzdem ist immer wieder zu beobachten, dass ältere Tiere aus der Herde ausgeschlossen, manchmal sogar angegriffen werden. Dies liegt in der Natur des Pferdes. Kranke, schwache und alte Tiere werden von der gesunden Herde ferngehalten, um die Gemeinschaft vor Krankheiten, abnormen Verhalten oder vor Feinden zu schützen. In anderen Fällen konnte beobachtet werden, dass ältere Tier einen guten Einfluss auf jüngere Pferde ausgeübt haben. Sie können mitunter „Ruhe“ in eine Herde bringen und jüngere Pferde können von der Erfahrung der älteren Genossen lernen. Wenn es sich anbietet, ist allerdings eine Gruppe aus gleichaltrigen Pferden, quasi eine Rentner-Herde, die optimale Haltungsform. In der Rentner-Herde bewegen sich die älteren Pferde unter ihres gleichen und haben die nötige Ruhe aber auch Gesellschaft. Kann das Pferd nicht in einem Herdenverbund untergebracht werden, sollte dennoch nicht auf tägliche Bewegung verzichtet werden. Wenn man das Pferd nicht mehr reiten kann, bieten sich neben dem Weidegang Spaziergänge an. Auf das Laufen lassen in der Halle sollte verzichtet werden, zu groß ist die Gefahr von Verletzungen durch unkontrollierbare Kaltstarts. Dabei drohen gerade bei den alten Pferden Zerrungen von Sehnen, Muskeln oder Bändern.

 

Fütterung

Das Hauptnahrungsmittel alter Pferde sollte Heu beziehungsweise Gras sein. Eine Faustregel besagt, dass pro 100 Kilogramm Lebendgewicht des Pferdes ein Kilogramm Rauhfutter gegeben werden sollte. Bei älteren Tieren darf dies gerne auf eineinhalb Kilo erhöht werden. Wie oben erwähnt, ist die Weide- beziehungsweise Offenstallhaltung gesund. Bei diesen Haltungsformen darf noch eine extra Portion eingerechnet werden, da der Energieverbrauch gesteigert ist. Das Gleiche gilt für niedrige Temperaturen, wie jetzt im Winter. Wie beim Menschen lässt auch im Alter bei Pferden alles ein wenig nach, sie nehmen weniger Energie auf, sind anfälliger für Krankheiten, kauen schlechter und der Darm ist auch nicht mehr so geschäftig wie früher. Darauf sollte bei der Fütterung geachtet werden.

Ein paar Tipps zur Fütterung:

 

  • Um die Darmtätigkeit auszugleichen, können Trockenschnitzel verabreicht werden, die vor der Fütterung im Wasser quellen müssen.
  • Bei Kaustörungen hilft Quetschhafer ohne Spelzen.
  • Zur Verdauungsförderung dient Mash.
  • Die Eiweißqualität kann mit Sojaschrot verbessert werden, da Proteine allgemein weniger gut verdaut werden, sollte verstärkt auf die Qualität geachtet werden.
  • Damit Knochenprobleme und Lahmheiten nicht gefördert werden, sollte genauestens auf das Verhältnis von Calcium und Phosphor geachtet werden.
  • Die Aufmerksamkeit muss zudem verstärkt auf die Zusammenstellung und Mengen von Spurenelementen gelenkt werden.
  • Im Alter besteht ein höherer Bedarf an Selen, Zink und Kupfer. Dies kann durch Salzlecksteine oder fertige Mineralmischungen gewährleistet werden.
  • Bei Vitaminen ist der Bedarf ebenfalls anders als bei jüngeren Pferden. Bei Vitamin A und E besteht doppelter Bedarf. Vitamin D kann sich bei einer Überfütterung negativ auf das wichtige Calcium und Phosphor auswirken und es entmineralisiert die Knochen.
  • Zur Steigerung der Abwehrkräfte wird wie auch für den Menschen Vitamin C gegeben. Bei einer drohenden Grippewelle wird am Besten ummanteltes Vitamin C verabreicht oder direkt vom Tierarzt gespritzt.

 

 

Krankheitsbilder bei alten Pferden

Häufige Krankheitserscheinungen sind Untergewicht, Zahnschäden, Arthrose, Herz-Kreislauf-Probleme, Sehschwächen und Augenerkrankungen, das Cushing-Syndrom, Immunschwäche, Hautparasiten und Tumore.

Viele Krankheiten werden durch den hohen und nicht immer gedeckten Nährstoffbedarf des Pferdes ausgelöst. Außerdem ist der Stoffwechsel des Pferdes nicht mehr so leistungsfähig. Das heißt, die Umwandlung der Nahrung in die wichtigen Stoffe gelingt nicht mehr so gut. Hier kann ein wenig Apfelessig über dem Futter verteilt helfen. Er regt den Stoffwechsel an. Gute Erfolge in der Behandlung altersbedingter Beschwerden wurden auch immer wieder mit homöopathischen Mitteln erzielt. Informationen hierüber können beim Tierarzt oder Homöopathen erfragt werden. Das Cushing-Syndrom ist hauptsächlich ein Problem alter Tiere. Die Symptome zeigen sich beim nicht mehr funktionierenden Fellwechsel. Es bilden sich lange, feine, wellige Haare und das Fell wird lockig. Weiter kann beobachtet werden, dass sich ein Weidebauch bildet. Es tritt Muskelschwund auf, Fettbildung und Apathie. An dieser Krankheit erkrankte Tiere haben verstärkt Durst und urinieren dementsprechend häufig. Weitere Anzeichen können Hufrehe und Infektionen sein. Man geht davon aus, dass eine Fehlsteuerung in der Hirnanhangdrüse für das Cushing-Syndrom verantwortlich ist. Sie führt zu einer Überproduktion des Hormons Adrenocorticotropin (ACTH), dadurch wird wiederum zuviel Kortisol produziert. Der erhöhte Kortisolspiegel schwächt das Immunsystem und den Protein-Stoffwechsel. Außerdem steigt der Blutzuckerspiegel, was den erhöhten Durst der Pferde erklärt. Eine Möglichkeit der Heilung gibt es bis jetzt noch nicht, es können nur nach Rücksprache mit dem Tierarzt Medikamente zur Symptomlinderung gegeben werden. Eine zusätzliche Erleichterung erfahren die Pferde, wenn ihr langes Fell geschoren wird.

 

Wenn das Ende naht

 

Trotz der ganzen Liebesmühe, die in den Partner Pferd auch nach der aktiven Zeit investiert wird, kommt irgendwann der Moment, an dem Abschied genommen werden muss. Wie und wann liegt oft im Ermessen des Halters.

Dass das Pferd eines natürlichen und schmerzfreien Todes stirbt ist wahrscheinlich der Wunsch eines jeden Besitzers. Doch leider ist das nur selten der Fall. Irgendwann muss der Halter eine Entscheidung treffen, die sicher zu einer der schwersten gehört. Das Tier hat das Privileg, dass ihm unnötige Schmerzen erspart bleiben können. Doch darf man nicht leichtsinnig mit der Gewalt über Leben und Tod umgehen. Richtiges Abwegen und die Besprechung mit dem Tierarzt ist unerlässlich. Wenn kein Ausweg mehr in Sicht ist und sich das Pferd nur noch mit dem Leben quält, stehen in der Regel zwei Möglichkeiten zur Wahl: Die Euthanasie durch eine Spritze oder der Bolzenschuss. Beim Bolzenschuss wird das Gehirn innerhalb einer Sekunde getötet. Durch die Euthanasiespritze wird das Pferd erst betäubt und dann durch eine Überdosierung getötet. Aus Tierschutzsicht sind beide Arten der Tötung zu vertreten, wenn sie korrekt ausgeführt werden. Der Halter muss auch entscheiden, wo es passieren soll. Ist das Pferd noch transportfähig und kann zu einem Schlachthof gebracht werden? In der gewohnten Umgebung bleibt noch länger Zeit zum Abschied nehmen. Aber ist der Abdecker organisiert? Hat das Pferd Angst vor Spritzen? Alle diese Fragen und Risiken müssen vorab gründlich erwogen und geklärt werden – eine Entscheidung in Eile kann in dieser Situation zu späteren Selbstvorwürfen führen, denn sie ist nicht mehr rückgängig zu machen. Ist es dann geschehen, ist es sehr hilfreich und tröstend sich Zeit zu nehmen noch einmal die schönen Momente mit dem Partner und Freund durchzuspielen, sich alle Einzelheiten in der Bewegung oder im Gesichtsausdruck vor das geistige Auge zu rufen. Die Verabschiedung in Ruhe und das Behalten der Erinnerungen ist wichtig, denn wirklich tot ist nur, wer vergessen wurde.

-Daniela Jaeger-

 

Bild mit freundlicher Genehmigung von andreas.kerstan | Horseweb
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