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Wirtschaftsfaktorpferd: Viel Geld rund um die geliebten Vierbeiner

Nicht nur in der Diskussion um eine Pferdesteuer, sondern auch in der Wertschätzung der Pferdehaltung, -zucht und des Pferdesports in… Artikel lesen

Jaqueline Weidlich
13.06.2017 4 min lesen

Nicht nur in der Diskussion um eine Pferdesteuer, sondern auch in der Wertschätzung der Pferdehaltung, -zucht und des Pferdesports in Schleswig-Holstein, ist es wichtig sich mit dem Pferd als Wirtschaftsfaktor zu beschäftigen. Erstaunlich schnell wird klar, wie viele Menschen in Bereichen rund um das Pferd ihr Geld verdienen.

In Schleswig-Holstein gibt es etwa 100.000 Pferde. Das ist ein Zehntel der gesamten deutschen Population. Doch wie groß deren wirtschaftlicher Nutzen ist, bleibt oft unklar. Kaum jemand führt sich vor Augen, in welchen Bereichen rund um das Pferd gearbeitet und gewirtschaftet wird. „Dabei sichern drei bis vier Pferde einen Arbeitsplatz“, weiß Peter Levsen Johannsen. Der Geschäftsführer der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein erläutert: „Das bedeutet, dass in Schleswig-Holstein etwa 25.000 Menschen ihren Lebensunterhalt durch Pferde verdienen“. Es gibt 3.000 Ausbildungs-, Reit- und Pensionsställe. Allein 1.000 Firmen, Handwerksbetriebe und Dienstleister wirtschaften im Pferdebereich. „Da sind die offensichtlichen, wie Reitställe, Ausbilder und Reitsportläden. Doch es gibt noch viele andere Bereiche“, erklärt Johannsen. Da sind zum Beispiel die Produzenten von Zubehör und Ausstattung. Auch Rau-, Kraft- und Spezialfutter müssen angebaut und gegebenenfalls weiter behandelt werden. Dafür benötigt man neben Arbeitskräften auch Maschinen und Fläche. Letztere wird auch für Koppeln, Ställe, Reitplätze und Hallen benötigt. „In Schleswig-Holstein sind es aktuell etwa 30.000 ha allein für Futter und Grünland“, weiß Johannsen. Ställe und Hallen müssen instandgehalten oder gebaut werden, das machen Fachleute für den Innen- und Außenbereich mit speziellem Material. Außerdem gibt es den gesamten Gesundheitsbereich, also Tierärzte, Fachkliniken, Hufschmiede und die vielen alternativen Angebote. Es gibt Vereine, Verbände und Organisationen, Veranstaltungen in Zucht und Sport mit diversen Extrabereichen, wie Gastronomie und Service. „Sogar der Eisverkäufer auf dem Dorfturnier gehört in diesen Bereich“, gibt Peter Levsen Johannsen zu bedenken.

Mehr Branchen als gedacht


Alle Bereiche werden von Medien, Agenturen und Fachmagazinen schriftlich und bildlich begleitet oder beworben. Und nicht zuletzt gibt es den Handel und den Tourismus. Zwei Bereiche, die in Schleswig-Holstein besonders groß sind. „Das ist bestimmt noch nicht alles, aber es ist ein Überblick“, sagt Johannsen und macht ein einfaches Rechenmodell auf. „Wenn man davon ausgeht, dass im nachgelagerten Sektor, also für beispielsweise Zubehör, Kleidung und Pflege im Durchschnitt 300 € pro Jahr vom Pferdebesitzer ausgegeben werden, sind das bei 90.000 Pferdebesitzern in Schleswig-Holstein 27 Mio. €.“ Und noch eine Rechnung ist spannend. Bei etwa 1.200 € Direktkosten pro Pferd, also die Ausgaben für Futter, Tierarzt und Schmied, kommen weitere 120 Mio. € dazu. Steht das Pferd noch in einem Pensionsstall kommen noch einmal etwa 75. Mio. € dazu. „Dabei sind vor allem dem letzten Wert nach oben keine Grenzen gesetzt. Aber mir geht es darum, einen Durchschnitt abzubilden und nicht die Reitsportelite, die in teuren Ställen mit mehreren Plätzen und Hallen steht“, erklärt Johannsen, der außerdem schätzt, dass im Handel etwa 250 bis 300 Mio. € umgesetzt werden. Das wären alles zusammen knapp 500 Mio. € allein in Schleswig-Holstein. Das Eis auf dem Turnierplatz sowie der gesamte Tourismusbereich noch nicht mitgerechnet. Der Geschäftsführer der Landwirtschaftskammer stellt fest: „Das alles bringt Umsatz-, Gewerbe- und Einkommenssteuer“. So zahlt der Pferdehalter alleine bei einem Pensionspreis von 250 € im Monat 47 € Mehrwertsteuer. Weitere Abgaben wie 6 € für die Berufsgenossenschaft, 7 € für die Viehseuchenkasse sowie etwa 15 Euro für Lohnnebenkosten kommen noch dazu.

Hohe Steuereinnahmen


Neben Steuereinnahmen schafft das Pferd auch viele Arbeitsplätze. Johannsen erklärt: „Menschen sind ist als Fachkräfte in Produktion, Sport, Handel sowie in der Veranstaltungs- und Dienstleistungsbranche tätig. Es gibt zum Beispiel die Ausbildungsberufe Pferdewirt und Fachpraktiker Pferdwirtschaft“. Beide werden im Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein angeboten. Im Land zwischen den Meeren bieten hierfür 91 Betriebe eine Ausbildungsmöglichkeit. In den letzten zehn Jahren gab es 640 Absolventen. Aktuell gibt es 160 Auszubildende in drei Jahrgängen. Auch eine Fortbildung zum Pferdewirtschaftsmeister wird angeboten. Viele Existenzen hängen also am Wirtschaftsfaktor Pferd. „Wenn nun eine Gemeinde eine zusätzliche Pferdesteuer einführt, fördert das unter Umständen die Abwanderung von einzelnen Einstellern. Doch was ist dann mit der Rentabilität für die Betriebe vor Ort? Sollten sie insolvent werden, fallen nicht nur für die Gemeinden Einnahmen weg“, resümiert Peter Levsen Johannsen. „Das hat dann auch Auswirkungen auf die oben genannten vor- und nachgelagerte Branchen und bringt somit mehr wirtschaftliche Einbußen mit sich. Von den sportlichen, sozialen, pädagogischen und touristischen Begleiteffekten ganz zu schweigen“.

 

Der Agrarwissenschaftler appelliert, dass sich bei einer drohenden Pferdesteuer Allianzen bilden sollten: „Wenn Vereine unter Druck kommen, dann ist es sinnvoll deutlich zu machen, wer alles an dieser Branche dranhängt. Da müssen alle gemeinsam ihre Betroffenheit deutliche machen und für ihre Branche kämpfen. Schließlich geht es hier um einen großen Wirtschaftsfaktor, der außerdem noch eine sinnvolle Freizeitgestaltung für Jugendliche aller Schichten darstellt.“ Lena Höfer

 

Dieser Text wurde von der Agentur Hafensänger verfasst. Das Kopieren des Text- und Bildmaterials ist nicht gestattet.