Aktuelles, Zucht

Von A wie Abstammungsüberprüfung bis Z wie Zehenstellung

Unter dem Dach der International Association of Future Horse Beeding, kurz IAFH, sind aktuell fünf Zuchtverbände zu Hause: der Verband… Artikel lesen

Martina Brueske
14.12.2021 4 min lesen
Logo IAFH

Unter dem Dach der International Association of Future Horse Beeding, kurz IAFH, sind aktuell fünf Zuchtverbände zu Hause: der Verband der Züchter des Oldenburger Pferdes, der Springpferdezuchtverband Oldenburg-International, der Trakehner und der Holsteiner Verband sowie das Westfälische Pferdestammbuch. Sie setzen auf eine gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsarbeit, über die sie für ihre Züchter wertvolle Erkenntnisse erarbeiten und Methoden erschließen. Ein Paradebeispiel hierfür ist die Umstellung auf ein im Pferdebereich neues Verfahren der Abstammungsüberprüfung, welches den Züchtern einen ganzen Strauß neuer Möglichkeiten eröffnet.

„Ich finde es sehr positiv, dass wir in der IAFH verbandsübergreifend zusammenarbeiten. Je größer unsere Basis an Daten ist, desto mehr Informationen können wir den Züchtern an die Hand geben. Die Vorhersage von Größe und Farbe sind ein zusätzlicher Nutzen. Aber noch wichtiger ist, dass wir Erkenntnisse gewinnen, was die Gesundheit und die Langlebigkeit unserer Pferde betreffen und auch Erbkrankheiten wesentlich besser begegnen können“, so Bernhard Thoben, der Zuchtleiter der Oldenburger Verbände.

Bislang hatte der einzelne Züchter wenig mit der Abstammungsüberprüfung zu tun: Sie wurde eben durchgeführt, bestätigte hoffentlich den im Deckschein vermerkten Hengst und erforderte vielleicht selten einmal eine Nachbeprobung, wenn bei der ersten Haarprobennahme etwas schiefgelaufen war. Aber diese Überprüfung war quasi nur Pflichtprogramm ohne Zusatznutzen – was daran liegt, dass im Labor genetische Marker zum Einsatz kamen, die ausschließlich Aussagen zur Abstammung zulassen. Ganz anders stellt sich die Situation für die Art von genetischen Markern dar, die seit Saisonbeginn 2021 innerhalb der IAFH routinemäßig im Labor untersucht werden: SNPs ist das Zauberwort. Diese Marker sind der Ausgangspunkt für eine Vielzahl von Anwendungen. Ihre einmalige Untersuchung, etwa zum Zweck der Abstammungsüberprüfung, ermöglicht – bei passender Wahl des Testsystems (SNP-Chip), wie sie innerhalb der IAFH gesichert ist – unter anderem die Ermittlung der Fellfarbe, die Prüfung auf das Vorliegen von Aufhellungsfaktoren und Varianten, die die Weiß-Verteilung am Körper steuern. Aber natürlich erschöpft sich das Spektrum an Möglichkeiten nicht mit diesen „Nebenschauplätzen“ der Reitpferdezucht, sondern schließt auch Erbkrankheiten, Krankheitsdispositionen und weitere, mit Nutzungseinschränkungen in Verbindung gebrachte Erbanlagen wie etwa PSSM2 mit ein. Und über die Zwischenschaltung moderner Rechenverfahren, die helfen, die individuellen SNP-Muster der Pferde zu interpretieren, werden künftig auch die genetische Körpergröße (Widerristhöhe) und die Vererbung in Bezug auf die Linearmerkmale als genomisch unterstützte Werte verfügbar – früher, individuell abgesichert und für mehr Pferde als bisher.

Gespeichert werden sämtliche SNP-Daten in der gemeinsamen Pferde-Genomdatenbank, die beim IAFH-Gesellschafter vit in Verden angesiedelt ist und die Basis für die Vielzahl weiterer Anwendungsmöglichkeiten ist. Diese werden für die Züchter nun nach und nach verfügbar. Den Start machen die genetischen Eigenschaften, wie die schon angesprochene Fellfarbe und einzelne Erbkrankheiten. Was dann folgt, bedeutet für die deutsche Pferdezucht den Einstieg in die Angebotspalette zur genomischen Selektion: Ein Beispiel: Welcher Züchter wüsste nicht gerne, welche Größe er von einem Pferd aus einer bestimmten Anpaarung zu erwarten hat? Die Körpergröße (Widerristhöhe) eines Pferdes wird zweifellos zum einen von vielen Umweltfaktoren und dem Verlauf der Aufzuchtphase bestimmt – aber in relevantem Maße auch von genetischen Faktoren, die sich mittels SNPs auslesen, verrechnen und zu einem Schätzwert zusammenfassen lassen, der die genetische Größe widerspiegelt. Ein hoher Wert steht dafür, dass der Hengst oder die Stute im Schnitt eher große Nachkommen bringen wird, ein niedriger Wert lässt Nachkommen mit überwiegend eher geringem Stockmaß erwarten.

Nach demselben Prinzip werden auch für sämtliche Linearmerkmale, die sich derzeit in den Vererbungsprofilen der Hengste finden, genomisch unterstützte Schätzwerte ermittelt. Voraussetzung ist nun, nachdem die Entwicklungsarbeiten der IAFH erfolgreich abgeschlossen wurden und die Bereitstellung eines routinefähigen Systems durch vit ermöglichen, die SNP-Genotypisierung eines Pferdes. Das zeigt, wie wegweisend die Umstellung auf die neue, SNP-basierte Abstammungsüberprüfung war: Für die mittlerweile über 11.000 Fohlen aus diesem Jahr, die das neue System bereits durchlaufen haben, können, sobald dieser Bereich der genomischen Services scharf geschaltet wird, die genomisch unterstützten Vererbungsprofile freigeschaltet werden. Und welcher Züchter wäre nicht neugierig zu erfahren, wie einig sich Genomik und Züchterblick darin sind, welches genetische Potenzial in seinem Nachwuchs steckt, und welche Karrierewege in Zucht und Sport damit vorgezeichnet sein mögen?

„Selbstverständlich werden wir unsere Züchter nicht mit den Neuerungen alleine lassen, sondern diesen Mehrwert, den ihnen die IAFH nun verschafft, auch mit einem Mehr an Information und Beratung begleiten“, verspricht Bernard Thoben.

Statements der Zuchtleiter der Mitgliederverbände: 

Thomas Münch, Westfälische Pferdestammbuch:

„Züchterisches Know-how ist sicherlich auch in Zukunft nicht zu ersetzen. Doch mit den gewonnenen Daten sind wir in der Lage, den Züchtern zusätzliche Informationen zu bieten, auf deren Grundlage sie noch gesündere und noch leistungsfähigere Pferde züchten können. Und je mehr Daten wir sammeln, umso präziser lassen sich damit Vorhersagen treffen.“

Lars Gehrmann, Trakehner Verband:

„Es ist unbestritten, dass die Erfassung genetischer Informationen eine wichtige Voraussetzung dafür ist, nach bestimmten Merkmalen zu selektieren. Dazu gehören Exterieurmerkmale, wie wir sie mittels der linearen Beschreibung erfassen, aber auch Merkmale, welche die Gesundheit betreffen. Es ist sehr zu begrüßen, dass wir so wichtige Erkenntnisse etwa zu Erbkrankheiten gewinnen können, die in züchterische Entscheidungen einfließen können und so positiven Einfluss auf die Gesundheit unserer Pferde haben. Diese Entwicklung ist im Grunde genommen ein notwendiger Schritt in die richtige Richtung – nach vorne.“

Stephan Haarhoff, Holsteiner Verband:

„In der zukünftigen Nutzung von Leistungsmerkmalen sehe ich für die Züchter einen riesigen Vorteil. Gerade in der Holsteiner Zucht sind Merkmale wie Springveranlagung und Leistungsbereitschaft von großer Bedeutung. Auch das Thema Gesundheit und damit letztendlich auch die Langlebigkeit ist meiner Meinung nach sehr wichtig. Schließlich wollen wir, dass Reiter und Züchter möglichst lange Freude an gesunden, leistungsfähigen Pferden haben.“  

– Dr. Michaela Weber-Hermann –