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Vom Feststellen der Trächtigkeit bis zur Geburt Elf Monate für ein zauberhaftes Fohlen

Auf noch wackligen Beinen und mit geweiteten Nüstern wagt das Fohlen seine ersten Schritte um die Mutter herum. Nur wenige… Artikel lesen

Felicitas Meyer
25.05.2021 6 min lesen
Im Frühling sieht man etliche Mutterstuten, die auf die Geburt ihrer Fohlen warten. Fotos: Daniela Jaeger

Auf noch wackligen Beinen und mit geweiteten Nüstern wagt das Fohlen seine ersten Schritte um die Mutter herum. Nur wenige Stunden sind seit der Geburt vergangen. Fohlen und Stute finden im frischen Stroh zueinander. Nach über 300 Tagen Trächtigkeit ist neues Leben in die Pferdebox eingezogen – ein besonderer Tag für jeden Züchter.

 

Die Trächtigkeit

 

Nach einer kurzen Zeit des bangen Wartens scheint es gewiss, die Stute ist tragend. Um ganz sicher zu gehen, sollten Züchter unbedingt ihren Haustierarzt zu einer Trächtigkeitsuntersuchung bitten. Um den 17. Tag nach der Besamung kann eine Trächtigkeit festgestellt werden. Nach weiteren drei Wochen sollte die Trächtigkeit mit einer Wiederholungsuntersuchung bestätigt werden. Eine dritte Untersuchung bis zur achten Woche ist empfehlenswert, da erst ab diesem Zeitpunkt der Embryo mit dem Uterus verbunden ist. Danach können begeisterte Züchter ein Trächtigkeitstagebuch führen.

 

Die Trächtigkeit bei einer Stute dauert zwischen 330 und 340 Tagen, rund elf Monate. Ein genauer Geburtstermin kann nur mit Hilfe von klinischen Befunden ermittelt werden. Das Deck- und Besamungsdatum gibt nicht zwangsläufig eine exakte Rückmeldung. Günstig ist eine Trächtigkeit, die in den Sommermonaten beginnt. So erblicken die Fohlen im folgenden Frühjahr und in den Sommermonaten das Licht der Welt und können zu einer wetterbeständigen Jahreszeit aufwachsen.

Ist die Trächtigkeit bei der Stute festgestellt, muss in den folgenden 200 Tagen an der Haltung erstmal nichts geändert werden. Die Energiezufuhr der Stute sollte in den ersten acht Wochen unverändert bleiben, um embryonale Verluste zu vermeiden. Nach der achten Woche nimmt die Empfindlichkeit gegenüber Umwelteinflüssen, auch gegenüber Schwankungen in der Nahrungszufuhr, ab. Die Stute darf wie gewohnt geritten oder gefahren werden. Gleichmäßige Bewegung im Schritt, Trab, Galopp und täglicher Auslauf sind wichtig. Erst in der Endphase der Trächtigkeit sollte der Fütterung jedoch ein wenig mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Ab dem achten Trächtigkeitsmonat steigt der Bedarf an Energie auf das eins Komma vierfache an Eiweiß, Calcium und Phosphor und auf das eins Komma achtfache des Erhaltungsbedarfs. Eine Fütterungsergänzung insbesondere mit Mineralstoffen ist darum ratsam.

Kurz vor der Geburt sollte die Futtermenge reduziert werden, um den Verdauungstrakt zum Geburtszeitpunkt zu entlasten. Ein zu empfehlendes Futter ist das Zuchtmüsli von Marstall.

Und wie entwickelt sich das Fohlen im Stutenleib? Nach drei Monaten Trächtigkeit ist der Fötus zwischen sieben und 14 Zentimetern groß und die Hufe sind bereits zu erkennen. Nach vier Monaten lässt sich das Geschlecht des Fohlens bestimmen. Nach acht Monaten beginnt die Mähne zu wachsen. Das Fohlen ist nun zirka 70 Zentimeter groß. Je nach Rasse wiegt das Fohlen bei seiner Geburt nach elf Monaten 30 bis 60 Kilogramm und misst zwischen 75 und 140 Zentimetern.

 

Warten auf die Geburt

 

Meist setzt schon viele Tage vor dem Geburtstermin die Aufregung beim Züchter ein. Erste Vorbereitungen werden getroffen, die Kontrollgänge zur Stute werden häufiger. Wer aufmerksam beobachtet, kann die ersten Anzeichen für die bevorstehende Geburt schon einige Tage vor dem Ereignis erkennen. Die Beckenbänder fallen ein, die Stute eutert auf, Harztropfen (Vorkolostrum) sind an den Zitzen sichtbar, die Schamlippen falten sich, der Bauchumfang verändert sich von tonnenförmig zu birnenförmig. Nicht an jeder Stute lassen sich klassische Anzeichen entdecken. Läuft die Geburt ohne Komplikationen ab, ist das Fohlen in sehr kurzer Zeit auf der Welt. Die meisten Fohlen werden geboren, wenn absolute Ruhe im Stall herrscht – in nahezu allen Fällen in den Nacht- oder frühen Morgenstunden.

Naht der Geburtstermin und zeigt die Stute die typischen Anzeichen für die bevorstehende Geburt, prüfen sorgsame Züchter ob einer komplikationslosen Geburt nichts im Wege steht. Ein sauberer, sicherer und ruhiger Ort sind Voraussetzung. Eine geräumige Box von mindestens vier mal vier Metern mit einem Untergrund, der leicht zu desinfizieren ist, bietet sich als Abfohlbox an. Die meisten Züchter wollen ihre Stute während der Geburt beobachten. Aber auch Geburten auf der Weide mit einer offenen grünen Wiese eignen sich für eine sichere Geburt mit genügend Platz zum Fohlen.

 

Die drei Phasen der Geburt

 

Die Geburt beginnt mit dem so genannten Öffnungsstadium (Phase I). Sie dauert zirka ein bis zwei Stunden. Gebärmutterkontraktionen setzten ein. Diese Kontraktionen bringen das Fohlen in Richtung Gebärmutterhals und im Geburtskanal in eine obere Stellung. Möglicherweise zeigt die Stute ein unruhiges Verhalten. Die erste Phase bemerkt der Züchter nicht unbedingt. Unruhe im Stall kann die erste Phase beeinträchtigen. Das Öffnungsstadium endet mit dem Platzen der Fruchtblase.

Im Folgenden setzt die Austreibungsphase ein (Phase II). Jetzt geht es relativ schnell – schon nach 30 Minuten ist diese Phase beendet. Sollte es deutlich länger dauern, muss in jedem Fall schnellstens der Tierarzt angerufen werden. In der Schleimblase kommen die Vorderbeine voran mit den Hufen nach unten gerichtet gefolgt von Nüstern, Kopf, Schultern und Hinterteil. Sollten die Hufsohlen nach oben zeigen, kommt das Fohlen in Rückenlage oder mit dem Hinterteil zuerst. In diesem Fall muss unbedingt der Tierarzt verständigt werden. Die Schleimblase platzt gewöhnlich allein. Manchmal muss sie jedoch geöffnet werden, damit das Fohlen seinen ersten Atemzug machen kann und nicht erstickt.

In der dritten Phase wird die Nachgeburt innerhalb der nächsten ein bis drei Stunden ausgestoßen. Anzeichen von Nachgeburtsverhaltung sind ebenfalls Kriterien den Tierarzt zu rufen, um spätere Infektionen auszuschließen.

 

Das Fohlen ist da

 

Bei aller Freude über das neugeborene Fohlen und die komplikationslos überstandene Geburt gilt es Stute und Fohlen wachsam im Auge zu behalten. Insbesondere in den ersten 24 Lebensstunden werden Fohlenverluste international bei etwa fünf Prozent angegeben, so dass der genauen Beobachtung und Beurteilung des neugeborenen Fohlens eine besondere Bedeutung zukommt. Atmet das Fohlen? Ist die Nabelschnur in der Austreibungsphase gerissen? Nimmt die Stute Kontakt zum Fohlen auf? Versucht das Fohlen aufzustehen? Die Giessener Uniklinik hat hierzu ein Frühbeurteilungsschema entwickelt, das den Züchtern objektive Beurteilungskriterien an die Hand gibt. Nach einem Punkteprinzip sind Lage und Situation nach der Geburt, bis zu 30 Minuten nach der Geburt und bis zu 60 Minuten nach der Geburt einzuschätzen. Ein ähnliches Schema gibt noch einmal Aufschluss über die Zeit zwischen der zweiten und 24. Lebensstunde. Hier wird Augenmerk auf das Stehvermögen, die Körpertemperatur, den Mekoniumabgang (erster Kotabgang), den Harnabsatz, die Atmung und den Kontakt zum Muttertier gelegt. Die erreichte Punktezahl gibt Rückmeldung, ob es ratsam ist, sofort den Tierarzt zu konsultieren. Jedem Züchter ist zu empfehlen, sich mit dem Beurteilungsschema vor der Geburt zu beschäftigen und es nach der Geburt anzuwenden.

Unmittelbar nach der Geburt ist die Nabeldesinfektion beim Fohlen unerlässlich, um bakteriellen Infektionen vorzubeugen, z.B. mit einer Jodtinktur.

Das Fohlen hat soeben das Licht der Welt erbilckt. Fotos: Agentur Hafensänger
Behutsam leckt die Mutterstute das Neugeborene ab…
…und hilft ihm dann beim Aufstehen.
Es ist geschafft: Stute und Fohlen sind wohlauf.
Jetzt heißt es Euter finden und säugen.

Die Lösung hat eine desinfizierende und austrocknende Wirkung und erreicht gleichzeitig einen keimfreien Verschluss des Nabelstumpfes. Spätestens drei Stunden nach der Geburt sollte das Fohlen das Euter der Stute gefunden und getrunken haben. Die Kolostrumaufnahme in den ersten acht bis zwölf Stunden ist für das Fohlen überlebenswichtig. Diese erste Milch der Stute ist reich an Antikörpern und sorgt für eine passive Immunität gegen Krankheiten, so lange das Fohlen das eigene Immunsystem noch nicht ausgebildet hat. Die frühzeitige und ausreichende Aufnahme des Kolostrums ist für das Fohlen von großer Bedeutung, da nur in den ersten 16 Lebensstunden der Darm des Fohlens in der Lage ist, die entsprechenden Immunglobuline und Antikörper über die Darmwand aufzunehmen.

Die auch als Biestmilch bezeichnete Milch sollte eine cremig-gelbliche Farbe und eine klebrig dickflüssige Konsistenz haben. Im Zweifelsfall kann man die Kolstrumqualität mit Hilfe des Cite-Test messen. Ist die Qualität nicht ausreichend, empfiehlt er eine Zufütterung von Fremdkolostrum mit der Flasche. Die Aufnahme über die Flasche gewährleistet eine höhere Immunglobuliaufnahme als bei der Verabreichung über eine Magensonde. Der Tierarzt sollte unbedingt in den Stall kommen, wenn das Fohlen nicht trinkt. Ebenso wichtig wie das frühzeitige Trinken ist das Absetzen des Darmpechs innerhalb von sechs Stunden. Ein möglichst früher Abgang des sogenannten Mekoniums fördert die Sauglust beim Fohlen.

Ist die Stute aufmerksam und sucht bereits Futter und Wasser, hat sie die Geburt ohne Probleme überstanden. Jetzt ist es Zeit, Stute und Fohlen in Ruhe zu lassen, damit sie ungehindert Kontakt aufnehmen können. Einige Stunden nach der Geburt kommt der Tierarzt zu einer abschließenden Untersuchung beim Fohlen und bei der Stute, um Geburtsverletzungen, Koliken oder Nachgeburtsverhaltung auszuschließen. Zu dieser Zeit könnte die Fohlenlähmeschutzimpfung verabreicht werden, die jedoch in Tierarztkreisen unterschiedlich bewertet wird. Eine direkte Stimulation des Antikörperspiegels beim Fohlen ist sehr umstritten. Den Einsatz von Paramunitätsinducer (Wirkstoffe, die eine kurzzeitig andauernde Immunität oder erhöhte Abwehrbereitschaft induzieren) ist dagegen empfehlenswert, da sie das Abwehrsystem des Neugeborenen stimulieren. So gerüstet, steht dem ersten Ausflug auf die Koppel und einer späteren Karriere als Zuchtstute, Reitpferd oder Deckhengst nichts mehr im Weg.

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Text: Agentur Hafensänger