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Pilotprojekt Corona-Turnier oder auch: “Hat nicht jeder verstanden…”

(Westergellersen) Teilnehmer mit Picknickkorb und Thermoskanne im LKW, Pferdepflegerinnen und Reiter mit Masken, Transporter im Zehn-Meter-Abstand geparkt, Meldestelle digitalisiert, große… Artikel lesen

Martina Brueske
02.05.2020 3 min lesen

(Westergellersen) Teilnehmer mit Picknickkorb und Thermoskanne im LKW, Pferdepflegerinnen und Reiter mit Masken, Transporter im Zehn-Meter-Abstand geparkt, Meldestelle digitalisiert, große Abreiteplätze mit Beschränkungen der Zahl der zeitgleich darauf reitenden Paare, keine Zuschauer, keine Treffpunkte, nix mit Schwätzchen. So vorbereitet ist der RV Der „Montagsclub“ e.V. in Westergellersen auf dem Luhmühlener Turniergelände ins erste Turnier unter Corona-Beschränkungen gegangen. Und schon erhebt sich Kritik: Wie kann das sein? Nur für Profis? Wenn deutschlandweit Reitschulen und Betriebe mit Schulpferden und Pensionspferdehaltung unter den strengen Auflagen ächzen und in ihrer Existenz bedroht sind?

Simple Antwort: Gut möglich, dass die Erfahrungen aus diesem Pilotprojekt genau jenen bedrohten Reitschulen einen Schritt weiterhelfen Richtung “Unterricht ermöglichen”. Genehmigt hat das “Geisterturnier” der Landkreis Lüneburg / das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Niedersachsen. Und das ist mal ein Fundstück für die Politikverdrossenen, Hobby-Virologen und Verschwörungstheoretiker: Warum wohl hat das Ministerium sich um diese Angelegenheit gekümmert? 

Wohl kaum, um “Freiheit” zu verhindern, sondern um Erfahrungswerte zu sammeln: Unter welchen Bedingungen kann Pferdesport trotz Corona-Restriktionen funktionieren? Und Pferdesport ist auch der Unterricht in Reit- und Ponyschulen. Auf anderem Niveau, mit anderen Ansätzen und Herausforderungen –  aber eben Sport.

Die Regeln in Luhmühlen: Pro zwei Pferde ein Pfleger/ Pflegerin erlaubt, Anwesenheitsnachweis mit Adresse und Telefonnummer ausgefüllt mitzubringen – ohne Nachweis kein Betreten des Geländes möglich und auch keine Ausgabe des Mund-Nase-Schutzes. Selbst den überließen die Veranstalter nicht den Aktiven und schon bei der Zufahrt wurden die neuen Regeln umgesetzt. Auch Pferdebesitzer durften nicht mit. Der Großvater, der Josch Löhden begleitete – sonst gern gesehener Gast –  wurde wieder nach Hause geschickt. Abstandsgebote wurden kontrolliert, ebenso wie das Tragen des Schutzes – nur in der Vorbereitung und Prüfung auf dem Pferd durften “die Masken fallen”. 

Informationen sammeln

Es sind Messwerte und Beobachtungen, die Behörden und Landkreise benötigen, um kleine Veranstaltungen, die auch sonst schwerlich auf 1000 Zuschauer kämen, künftig genehmigen zu können und realisierbare Auflagen zu entwickeln. Es sind Erfahrungen, die auf Reitschulen adaptiert werden könnten. Also z.B. effektive Begrenzung der Personenzahl, die gleichzeitig im Stall und auf dem Gelände ist. Praktikable Lösungen für die Betreuung von Reitschülern (ohne Helikoptermuttis) und gleichzeitig größtmöglicher Schutz für das Personal eines Reitbetriebes. Wenn das ausfällt ist wirklich Alarmstimmung angesagt. Niemand kann menschliches Verhalten sicher voraussagen, wirklich niemand, und mit dieser größten aller Variablen arbeiten Regierungen und Behörden seit Mitte März: Beschränkung verhängen und gucken was passiert. Vor anderen Verbänden hat die FN gut durchdachte Konzepte entwickelt und präsentiert, wie der Dachverband überhaupt in der Corona-Krise bemerkenswert gut agiert. Auf dieser Basis und unter Einbeziehung der Praxis in Luhmühlen könnte der nächste Schritt “Öffnung der Reitschulen” näher gerückt sein. Beides zusammen kann nämlich belastbare Argumente für Gesundheitsämter und Landesregierungen liefern.

Das was passiert, unterscheidet sich von Land zu Land und auch von Sportart zu Sportart. Das reicht von Fussball-Fanclubs, die am 12. März noch bei der Westfalenhallen GmbH Dortmund anriefen, um zu fragen, ob man für das später ganz abgesagte Geisterspiel BVB – Schalke 04 nicht Public Viewing in leerstehenden Messehallen anbieten wolle bis zu jenen Reitschülern und Eltern, die ihre Zehnerkarte bezahlen obwohl sie momentan nichts dafür bekommen. Letzteres ist Solidarität. Aber die wird sich nicht jeder lange leisten können und das ist auch nicht das Ziel eines Reitschulbetriebes.

Das Berufsreiter die ihnen anvertrauten Pferde wieder in Prüfungssituationen vorstellen konnten, ist weder “dekadent” noch ein bedenkliches Signal, es ist ihr Job unter erschwerten Rahmenbedingungen. Das vierjährige Pferde Anfang Mai ihre Turnierpremiere in einer Springpferdeprüfung erlebten, ist später als sonst im Jahr. Das einer direkt von der Pausenwiese auf den Turnierplatz gekarrt wurde ist denkbar, aber wer will im Livestream weltweit so gesehen werden? Was genau wäre erreicht worden, wenn Profis und Montagsclub verzichtet hätten? Nichts. Der Club hat einen Ansatz geplant, diskutiert und umgesetzt und dafür sei den Verantwortlichen “Danke” gesagt. Ein einträgliches Geschäft wird es nicht gewesen sein… Martina Brüske

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