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„Ich bin glücklich, dankbar und erschöpft.“

Wenige Wochen nach ihrem olympischem Doppelgold geht sie bei der Dressur-Europameisterschaft an den Start: #RoadtoHagen Teil 7 mit Jessica von… Artikel lesen

Martina Brueske
26.08.2021 4 min lesen
Jessica von Bredow-Werndl Foto © FEI : Shannon Brinkman

Wenige Wochen nach ihrem olympischem Doppelgold geht sie bei der Dressur-Europameisterschaft an den Start: #RoadtoHagen Teil 7 mit Jessica von Bredow-Werndl, die Goldstute TSF Dalera BB auch in Hagen satteln wird.

Wir alle haben Dein unfassbares Strahlen nach olympischem Doppelgold noch gut in Erinnerung. Wie geht es Dir wenige Wochen nach Deinem totalen Olympia-Erfolg in Tokio?

Jessica von Bredow-Werndl: Ich bin glücklich, dankbar und erschöpft. Diese drei Wörter beschreiben es, denke ich, ganz gut. Ich muss mich immer noch regelmäßig kneifen, um zu merken, dass es kein Traum war. Doppel-Olympiasiegerin! Ich bin wahnsinnig dankbar, dass ich das erleben darf.

Die Zeit nach Tokio war – mit einem Augenzwinkern – wahrscheinlich nicht viel weniger anstrengend als Tokio selbst?

J.: Mindestens so anstrengend wie Tokio (lacht). Im Ernst, nach Tokio war ich mental und körperlich total erschöpft. Ich bin dann mit meiner Familie erst mal ein paar Tage in Urlaub gefahren, um aufzutanken. Und dann habe ich versucht, so viele Presseanfragen wie möglich zu erfüllen, aber alles war einfach nicht möglich. Es waren sehr viele Anfragen von Magazinen, ich war zweimal beim Fernsehen zu Gast und ich hatte Pressegespräche per Zoom-Meeting mit der Ukraine und China beispielsweise. Mitte August habe ich aber den Stopp-Knopf gedrückt und danach keine Interviews mehr angenommen. Jetzt möchte ich mich ganz auf die Europameisterschaft konzentrieren.

Wie hat Goldstute TSF Dalera BB die Reise und die Zeit in Tokio weggesteckt?

J.: Dalera hat mich tatsächlich verblüfft. Normalerweise braucht sie nach einem Turnier drei bis fünf Tage bis sie wieder im Gelände bockt. Das ist unser Ritual, dass wir so lange im Schritt ausreiten gehen bis sie mir mit Freudensprüngen zeigt, dass es wieder losgehen kann. Nach Tokio habe ich mit zehn bis elf Tagen gerechnet. Aber schon als sie aus dem Flugzeug gestiegen ist, sah sie quietschvergnügt aus. Ich konnte sie leider nicht selbst dort in Empfang nehmen, aber ich habe ein Video bekommen. Und zu Hause hat sie tatsächlich an Tag drei schon wieder ihre kleinen Bocksprünge im Gelände gemacht. Ich würde sagen: Sie ist definitiv schon wieder fit für die Euro.

Doppelgold bei Olympia – mehr geht nicht. Aber jetzt erwarten viele, vielleicht Du eingeschlossen (?), dass das bei der Euro auch noch mal klappt? Bedeutet das zusätzlichen Nervenstress?

J.: Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich jetzt nicht vorhätte, auch die Europameisterschaft zu gewinnen. Die Konkurrenz wird ja sehr ähnlich sein, es werden nahezu dieselben starken Paare an den Start gehen. Natürlich möchte ich noch einmal eine solche Leistung abliefern. Doch mehr als ‚mein Bestes geben‘ kann ich nicht und ich weiß, dass Dalera ihr Bestes gibt. Nervlich anstrengender als die Olympischen Spiele kann es nicht werden und das haben wir geschafft, da bin ich stolz auf uns.

Was hat Dir in Tokio am meisten geholfen, Dich so zu fokussieren?

J.: Dadurch dass wir in unserer eigenen kleinen Bubble waren, gab es nicht viele Ablenkungsmöglichkeiten in Tokio. Rituale und ganz geregelte Abläufe geben mir und auch Dalera Sicherheit. Ich habe auch viele Übungen, die mir helfen, das optimale Aktivierungsniveau zu bekommen. Die Kunst für mich bestand auch darin, bei mir zu bleiben und mit Dalera das zu tun, was wir am liebsten tun: Gemeinsam tanzen zu gehen und eine Einheit zu bilden.

Das könnte bei der EM in Hagen vielleicht schwieriger werden, das Ablenkungspotenzial wird sicher größer sein. Deine gesamte Familie wird da sein, der Bewegungsraum wird viel größer sein, Du wirst als Olympiasiegerin überall im Mittelpunkt stehen…

J.: Dass meine Familie und Menschen, die mir wichtig sind, in Hagen dabei sein können, ist super! Obwohl ich ihren Rückhalt auch in Tokio gespürt habe, über all die Tausende Kilometer hinweg, wird es wahnsinnig schön, sie dort bei mir zu haben. Aber in der Vorbereitung auf die Prüfungen werde ich es genauso machen wie in Tokio. Ich werde einen festen Tagesrhythmus aufstellen, der genau auf die Startzeiten abgestimmt ist. In Tokio waren die Prüfungen immer am Abend. Also habe ich die Tage vorher auch schon immer gleich ablaufen lassen und immer mit dem Reiten am Abend.

Was gehört alles in diesen festen Tagesablauf?

J.: Das fängt beim Aufstehen zur immer selben Zeit an, geht mit dem Frühstück weiter und dann kommen Atemübungen, Yoga, Meditieren und ganz viel Zeit mit Dalera. Ich beschäftige mich mit ihr, ich massiere sie, mobilisiere sie – jeden Tag im gleichen Ablauf. Und zweieinhalb Stunden vor meinem Start beginnt die direkte Vorbereitung, dann flechte ich Dalera ein und los geht’s.

Es gibt einen immensen Unterschied: Im EM-Team dürfen vier Reiter starten, nicht nur drei wie in Tokio. Das entspannt?

J.: Das entspannt definitiv. In Tokio war es jedem von uns natürlich bewusst, dass wir nur zu dritt im Team sind, aber ich habe versucht, das zu verdrängen. Außerdem fand ich es wirklich blöd für den vierten Reiter, also bei uns für Helen (Langehanenberg), dass sie die ganze Zeit mit vor Ort war und gar nicht an den Start gehen konnte. Ich hoffe sehr, dass es bei Europameisterschaften so bleibt, dass Vier zum Team gehören. Dann dürfen ja trotzdem nur drei in die Kür, das finde ich okay.

Das kleine Örtchen Hagen a.T.W. hat schon viele reitsportliche Super-Ereignisse erlebt, nicht zuletzt die Dressur-Europameisterschaft 2005. Auch Du warst schon oft in Hagen am Start…

J.: Es gibt viele schöne Turnierplätze, aber ich liebe Hagen! Ich mag den Platz, die Atmosphäre und ich weiß, dass Familie Kasselmann alles sensationell organisiert, weil sie sehr viel Herzblut und Liebe zum Detail in ihre Veranstaltungen stecken.