Fahren, Wissenswertes

Gewerblich fahren mit Pferden

Warendorf. Es ist nur logisch: Nach der Herausgabe des Büchleins „Der Kutschenführerschein – Sicheres Gespannfahren im Straßenverkehr“ (Kutschenführerschein A –… Artikel lesen

Jaqueline Weidlich
29.08.2019 4 min lesen
Symbolbild (pixabay)

Warendorf. Es ist nur logisch: Nach der Herausgabe des Büchleins „Der Kutschenführerschein – Sicheres Gespannfahren im Straßenverkehr“ (Kutschenführerschein A – Privatpersonen) folgt die Erweiterung des Themas unter dem Titel „Gewerblich fahren mit Pferden – der sichere Weg (Kutschenführerschein B – Gewerbe FN/Gewerblicher Gespannführerschein VFD).

Bemerkenswert dabei ist, dass sich die VFD, die Vereinigung der Freizeitreiter und –fahrer in Deutschland e.V., zu einer Zusammenarbeit mit der FN bereiterklärt hat. Sinnvoll ist das in jedem Fall, denn die Kutsche und das Fahren mit Pferden ändern sich ja nicht, nur weil sich unterschiedliche Verbände mit dem Thema befassen. Synergie nennt man das. Unter dem Strich geht es doch darum, die Sicherheit im Gespannfahren im Allgemeinen zu erhöhen und die Möglichkeit zu stärken, mit dem Gespannfahren auch Geld zu verdienen und zwar möglichst auf der „sicheren Seite“ dieser Unternehmung. Wer sich in den Fallstricken der Gesetzgebung, des Straßenverkehrs und der „Beförderung von Personen“ nicht auskennt, macht nicht selten gravierende Fehler und steht dann plötzlich vor dem Kadi – wenn es schiefgeht bei der Fahrt.
Und weil sich Kutschenunfälle nicht vermeiden lassen, ja sogar gefühlt häufen, machen die FN und die VFD eben ein Angebot, das verantwortungsbewusste Pferdefreunde nicht ausschlagen können. Immerhin ergreifen zwei Fachverbände die Initiative, bevor der Gesetzgeber eingreift. Und das ist gut so!

Das handliche Büchlein beginnt mit dem Thema „Zivil- und verwaltungsrechtliche Voraussetzungen“. Man sollte nicht glauben, dass Kutschenfahren gegen Geld so viele Vorschriften berührt! Es geht dabei nicht nur um den Tierschutz, der als Staatsziel im Grundgesetz steht. Es gibt europäische und deutsche Vorschriften, z B. über den Tiertransport oder den Einsatz von Medikamenten. Auch die Pferdehaltung, Beseitigung von „Nebenprodukten“ im Falle des Todes eines Pferdes und nicht zuletzt geht es um die Viehverkehrsordnung.
Schließlich unterscheidet sich die Kutschenfahrerei auch nach gewerblicher Beförderung von Personen oder Gütern oder Fahrten in die Natur, in der Stadt oder als Brauchtum. Am Ende steht auch die Möglichkeit der Behörden, die „amtliche Erlaubnisvoraussetzung“ zu entziehen.
Insgesamt kann sich der gewerblich interessierte Gespannfahrer bei diversen Städten informieren, wie dort das Gespannfahren geregelt ist: Berlin, Cuxhaven, Dresden oder gar Wien und Salzburg werden in dem Büchlein herausgehoben. Und so geht es in einem fort. Letztlich reden aber auch die Berufsgenossenschaften sowie die Industrie- und Handelskammern/Landwirtschaftskammern mit. Dazu kommen Versicherungen und die Haftpflicht mit ihren verschiedenen Ausprägungen sowie das Straßenverkehrsrecht. Da kann einem schon der Kopf schwirren.
Aber: Dankenswerter Weise haben es die FN und die VFD geschafft, Klarheit in den Dschungel der Unübersichtlichkeit zu bringen. Gelungen ist vor allem die sprachliche Darstellung, so dass jedermann verstehen kann, worum es geht.

 

Kapitel zwei ist sehr, sehr umfangreich und befasst sich unter dem Titel „Betrieb eines gewerblichen Fahrunternehmens“ mit Einzelheiten, von denen der „Normalbürger“ bestenfalls weiß, wie man sie schreibt. Zunächst befassen sich die Fachautoren mit der Ausbildung eines gewerblich eingesetzten Fahrpferdes. Training, Saisonvorbereitung, Einsatz- und Pausenregelung, Wetter- und Insektenschutz, Zuggewicht und Leistungsfähigkeit sowie die Verfassungskontrolle sind Punkte, die gut dargestellt werden. Auch das Interesse der Berufsgenossenschaften über Arbeitsschutz und Umgang mit dem Pferd wird berücksichtigt.
Es geht aber auch um die Frage der Ausbildung des „gewerblichen Unternehmers“, des Fahrers und Beifahrers. Eingebaut in das Kapitel ist ein Muster für eine „dokumentierte Sicherheitsverpflichtung für den Gespannführer“. Schließlich gibt es auch genaue Vorschriften für die Ausstattung der Kutschen und Wagen, vor allem in technischer Hinsicht von der Deichsel über die Bremse bis hin zur Sitzgelegenheit für die Fahrgäste. Darüber entscheidet schließlich die „Unfallverhütungsvorlage – Abnahmeprotokoll für Kutschen“.

 

Freilich tauchen dann auch Fachbegriffe auf, die dem Laien nicht, dem Gespannfahrer aber vertraut sein müssen, quasi in Fleisch und Blut übergegangen sein sollten. Oder weiß der „Normalbürger“, was eine „liegende Deichsel“ ist oder was man unter „Fahrphysik“ versteht? Kennt der „Normalbürger“ den Unterschied zwischen Achenbach, ungarischer, russischer oder gar amerikanischer Fahrweise? Mitnichten! Für den gewerblichen Gespannfahrer aber gehören diese Dinge zum alltäglichen ABC.

Das Kapitel stellt jedoch nicht nur rechtliche Vorschriften und die besagten Fallstricke dar. Das Büchlein gibt auch Ratschläge für die „Vermarktung“, was man letztlich unter Außendarstellung und Kundenbindung versteht. Das Fahren auf der Kutsche soll ja schließlich für die Gäste zu einem Erlebnis werden. Und was ein „Gewerblicher“ unter Wirtschaftlichkeit und den „Umgang mit Fahrgästen“ zu verstehen hat, wird ebenso erläutert wie Hinweise auf Streckenplanung und „besondere Fahrsituationen“, die ein Kutscher z. B. bei schlechtem Wetter beherrschen muss.
Alles, was das Büchlein lehrt, fassen FN und VFD zusammen zu „10 Goldenen Regeln“ des gewerblichen Fahrens.

 

Zum Schluss gibt es noch den „Niedersächsischen Kutschenerlass“ von 2018 im Wortlaut. Ihm wird wegen seiner fachlichen Ausrichtung eine Art „verbindliche“ Beispielhaftigkeit zugeschrieben, die bundesweiter Orientierung dient.

 

Fazit: Wer sich als gewerblicher Kutscher betätigen möchte, muss sich um eine solide Ausbildung und gute Kenntnisse für Praxis und Theorie bemühen sowie die rechtlichen Vorgaben studieren. Das Büchlein der FN und VFD hilft dabei sehr.

 

„Gewerblich fahren mit Pferden – der sichere Weg (Kutschenführerschein B – Gewerbe FN/Gewerblicher Gespannführerschein VFD) ist im FN-Verlag erschienen unter ISBN 978-3-88542-812-1, ist broschürt, hat 120 Seiten, zahlreiche Fotos und Übersichten und kostet 24,90 €.)

Quelle: pferdesport-bw.de

Themen in diesem Artikel
Jaqueline Weidlich

Ein gutes Foto ist ein Foto, auf das man länger als eine Sekunde schaut. -Henri Cartier-Bresson