Aktuelles

Europa-Präsident Hanfried Haring: „Tops` Team-Liga gefährdet Olympia der Reiter“

Geschrieben von: Dieter Ludwig Sassenberg. Gespräch mit dem früheren Generalsekretär der deutschen Reiterlichen Vereinigung und jetzigen Präsidenten des Europäischen Verbandes… Artikel lesen

Jaqueline Weidlich
03.06.2016 5 min lesen
Geschrieben von: Dieter Ludwig
Sassenberg. Gespräch mit dem früheren Generalsekretär der deutschen Reiterlichen Vereinigung und jetzigen Präsidenten des Europäischen Verbandes Dr. Hanfried Haring.

Seit 2010 ist Dr. Hans-Joachim-Friedrich („Hanfried“) Haring Präsident der Europäischen Pferdesport-Föderation (EEF). In zwei Jahren legt er alle Ämter, auch als Mitglied im Bureau des Weltverbandes (FEI), „dann bin ich 77, dann muss Schluss sein.“ Mit Sorge betrachtet er die in die Global Champions Tour von Serien-Erfinder Jan Tops (Niederlande) eingebettete Team-Liga, die Uneinigkeit im Verband, und er sagt: „Wir müssen nicht Jugendliche für den Pferdesport begeistern – sondern schon die kleinen Kinder.“

Sie als Präsident haben sicher die beste Antwort darauf: Wie stark ist die Europäische Föderation, wird die Stimme des stärksten Verbandes gehört oder ist sie auch nur ein Anhängsel?

Hanfried Haring: „Wir werden im Weltverband schon gehört, aber wir haben oft keine gemeinsame Linie, zum Beispiel bei der Diskussion um Dreier- oder Vierer-Equipen bei Championaten und Olympischen Spielen.“

Wie jeder merken kann, der sich für Reitsport interessiert, sinkt das Interesse in den Medien immer stärker, kaum noch Übertragungen im TV, im Rundfunk fast gar nichts mehr und inzwischen auch verschwindend wenig in den Printmedien – was läuft falsch oder was in die verkehrte Richtung oder wird von Verbandsseite, egal welcher, zu wenig unternommen, um Reiten als wunderbaren Sport in den Blickpunkt zu rücken?

Hanfried Haring: „Ich weiß, dass ich mal gesagt habe: Es gibt immer mehr Turniere – und immer weniger, die auch zuschauen. Ich weiß nicht, was wir falsch machen. Reiten ist eine Traditionssportart, die jedoch keine jungen Leute vom Hocker reißt, die interessieren sich am meisten für Trendsportarten, auch wenn die wieder durch andere überholt werden. Eines ist jedoch gewiss: Wir müssen Kinder bereits zum Pferd bringen, wie es die Franzosen vormachen, nicht erst Jugendliche. Im Oktober bei unserer nächsten Sitzung in England werden Programme vorgelegt und diskutiert, und zwar als Schwerpunkt der Tagung, wie Kinder für das Pferd begeistert werden können. Ich bin auf jeden Fall sehr optimistisch, auch wenn wir nicht in der Lage sind, Pferde im Parcours auch noch Salti springen zu lassen…“

Welche Überlebenschance hat der Reitsport bei Olympia mit den augenblicklichen drei Disziplinen Dressur, Vielseitigkeit und Springen überhaupt, nachdem die einzelnen nationalen Verbänden vor allem darüber diskutieren, dass Viererequipen besser oder dem Sport zuträglicher wären als sich mal darüber Gedanken zu machen, warum überhaupt im IOC über Vierer bzw. Dreier-Mannschaften in Kürze abgestimmt wird, mit einem garantiert anderen Ergebnis als erhofft?

Hanfried Haring: „Da muss ich zunächst einmal etwas richtig stellen: Das Internationale Olympische Komitee hat keine Änderung verlangt. Das IOC verhält sich absolut ruhig, man ließ jedoch durchblicken, wir sollten mal über Änderungen nachdenken. Die Diskussion über Dreier- bzw. Vierer-Teams kam in unseren Reihen auf. Eines steht fest: Wenn in einer Mannschaft mit drei Reitern gleich am ersten Tag einer um eine Teammedaille ausfällt, egal in welcher Sparte, ist die Spannung weg, das Team geplatzt, denn nur komplette Mannschaften erhalten Medaillen. Wir müssen also dahin kommen, dass bei Olympia oder Championaten an jedem Tag ein Ergebnis abgeliefert wird, das die Spannung erhält. Die Vielseitigkeit hat doch vorgemacht, wie man sich positiv ändern kann, ohne dem Sport die Attraktivität zu nehmen.“

Wie könnte man der Global Champions Tour mit den unglaublichen Gewinngeldern entgegenwirken, zumal ja die Öffentlichkeit kaum oder selten weiß, dass dort nur die ersten 30 der Weltrangliste für lau alles erhalten, der Rest aber bezahlen muss?

Hanfried Haring: „Jan Tops hat ohne Frage etwas Phantastisches geschaffen,  doch, das soll er zusätzlich auch von sich gegeben haben, dass er einen eigenen Verband gründen möchte. Zur Global Champions Tour: Wer nicht zu den ersten 30 der Weltrangliste gehört, muss sich für die Turniere einkaufen. Ich habe einen argentinischen Freund, der hat 375.000 Euro bezahlt, um an den Turnieren teilnehmen zu können. Chancengleichheit gibt es bei der Global-Tour nicht. Und auch ein Jan Tops denkt zuerst mal an sich, an das Geschäft.“

Wenn wir schon bei der Global-Tour sind, und damit bei Jan Tops, was ist gegen das Mannschaftsspringen als Beipack auf der Serie einzuwenden, dass die FEI vor Gericht zieht, Rechtsanwälte bezahlen muss, und nun schon zum dritten Mal verloren hat, oder meint die FEI, das Bosman-Urteil aus dem Fußball lasse sich auf Reiten nicht anwenden?

Hanfried Haring: „Diese Serie an Mannschaftsspringen ist brandgefährlich für den Preis der Nationen bei den Offiziellen Internationalen Turnieren. Der Preis der Nationen bleibt bei jedem CSIO die wertvollste Prüfung, das höchste Gut überhaupt in dieser Disziplin. Wenn sich aber dafür die besten Springreiter nicht mehr begeistern können und lieber bei Tops in Mannschafts-Wettbewerben starten, weil es mehr Geld gibt, dann wird Springreiten bei Olympia irgendwann verlustig gehen, und dann beginnt die Misere wirklich. Denn Olympia ist und bleibt das Höchste. Wir werden, und da sind wir uns beim europäischen Verband und in der FEI einig, den Prozess gegen Jan Tops und gegen diese Teamliga durchziehen müssen. Am Ende wird der Sport siegen, da bin ich sicher.“

Zurück zum Turniersport in Deutschland. Der größte nationale Verband in der FN spielt in der Liga der Veranstalter nur eine Mittelklasserolle. Auf 5-Sterne-Niveau stehen nur die Veranstaltungen in Hamburg, und dort wahrscheinlich wiederum nur dank Jan Tops mit dem Großen Preis der Global Tour, Leipzig, Stuttgart und Aachen im Kalender, die kleine Schweiz jedoch mit St.Gallen, Basel, Zürich, Genf und nun auch mit großer Wahrscheinlichkeit mit St. Moritz auf der Tafel, ganz zu schwiegen von Frankreich – hat das Wirtschaftsland Deutschland kein Geld für Turniere oder werden die Unternehmen nicht richtig angesprochen?

Hanfried Haring: „ Frankreich ist die absolute Ausnahme. Mir sagte mal ein früherer Kollege im europäischen Verband, wir müssen gar nicht werben um Sponsoren, sie kommen von sich aus auf uns zu. Deutschland bietet nach wie vor die meisten Turniere an, nirgendwo werden mehr nationale Veranstaltungen organisiert als bei uns, das wiederum können oder wollen andere Länder nicht. Aber dadurch haben die Aktiven eben auch die Möglichkeiten, ihr Können zu zeigen, was auch der Zucht zugute kommt. Dass in Deutschland  jedoch die wirklich großen Konzerne sich nicht als Sponsoren oder Partner engagieren, vor allem nicht bei den ganz großen Turnieren, zumal wir doch jedem eine entsprechende Plattform zur Selbstdarstellung anbieten können – ich weiß es nicht, dass da nichts kommt. Ich bin der persönlichen Meinung, dass viele sich auch aus Angst vor Neid nicht trauen, bei sogenannten Events groß einzusteigen. Im Gegensatz zu anderen Nationen werden in Deutschland und im gesamten Sport kaum Zahlen bekannt, welche Geldsummen auf der Sponsorenseite im Spiel sind. Bei vielen anderen Nationen ist man stolz darauf, wenn man in der Öffentlichkeit mit dem gespendeten Preisgeld genannt wird, aber das liegt vielleicht auch an der deutschen Mentalität.

Quelle: www.ludwigs-pferdewelten.de