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Erste Fohlentage – Präventive Maßnahmen vor und nach der Geburt mindern das Risiko von Fohlenkrankheiten

Präventive Maßnahmen vor und nach der Geburt mindern das Risiko von Fohlenkrankheiten Der perfekte Start in ein neues Leben  Langsam… Artikel lesen

Felicitas Meyer
22.06.2021 7 min lesen
Viel Bewegung ist das A und O für Fohlen. Nur so können sie gesund heranwachsen.

Präventive Maßnahmen vor und nach der Geburt mindern das Risiko von Fohlenkrankheiten

Der perfekte Start in ein neues Leben

 Langsam beginnt die Fohlenzeit und überall gibt es zufriedene Stuten, glückliche Züchter und verzückte Beobachter der jungen Pferdekinder. Damit alles glatt verläuft, das Fohlen gesund zur Welt kommt – und es auch bleibt – müssen einige Dinge beachtet werden.

 

Eine Faustregel besagt, dass elf Monate und elf Tage nach der Besamung der Stute, der Stichtag für die Geburt des Fohlens liegt. Ein neues Leben begrüßen zu dürfen ist eine große Sache. Die Weichen für das zukünftige Leben werden allerdings schon lange vorher gestellt. Besonders in den letzten acht Wochen vor der Geburt arbeitet der Organismus der Mutterstute auf Hochtouren. „Anfang des zehnten Trächtigkeitsmonats wiegt das ungeborene Fohlen noch 25 Kilogramm. Zum Zeitpunkt der Geburt bringt es bereits 50 bis 60 Kilogramm auf die Waage. Das bedeutet, in den letzten beiden Trächtigkeitsmonaten nimmt das Fohlen beinahe die Hälfte seines Körpergewichts zu“, erklärt Dr. Barbara Spandern, die eine tierärztliche Praxis in Bordesholm betreibt. Das hat etwas damit zu tun, dass das Pferd von Natur aus ein Fluchttier ist und sich die Stute monatelange „Behäbigkeit“ früher nicht leisten konnte.

 

Präventive Fütterung

 

In diesen Monaten der Hochträchtigkeit geht es vor allem um die Entwicklung und Mineralisation der Knochen des Fohlens. Zusätzlich legt die Stute noch Reserven für die Laktation an. Da also der Nährstoffbedarf der Stute steigt, ist es wichtig auch die Futtermenge zu steigern. Fütterungsfehler in dieser sensiblen Zeit können in der Regel später nicht mehr behoben werden. „Fehlstellungen des Skelettsystems kann durch eine ausgewogene Ernährung der Mutterstute vorgebeugt werden. Dabei steht die Qualität der Futtermittel im Vordergrund. Es darf nur bestes Heu verfüttert werden, das frei von Verschmutzungen und Schimmelpilzen ist. Zusätzlich sollte auf eine hochwertige Mineralstoffversorgung geachtet werden. Dazu gehören insbesondere Calcium, Phosphor und Magnesium, sowie die Spurenelemente Kupfer, Zink, Mangan, Selen und Vitamin A, D und E“, so die Tierärztin. Genauso wie es sich empfiehlt die Stuten früh genug auf das nährstoffreiche Futter umzustellen, sollten sie spätestens sechs Wochen vor der Geburt in die spätere Abfohlbox gestellt werden. Zudem sind Licht und ausreichend Bewegung weitere Faktoren, die berücksichtigt werden müssen.

 

Die werdende Mutter richtig füttern

 

Eine etwa 600 Kilogramm wiegende Warmblutstute im zehnten bis elften Monat der Trächtigkeit sollte ungefähr wie folgt gefüttert werden:

 

  • Stroh zur freien Verfügung
  • Heu 7 bis 8 Kilogramm
  • 1 bis 2 Kilogramm Hafer oder ein ausgewogenes Müsli-

 

 

Tagesbedarf Mengenelemente (Schätzung):

  • 45 Gramm Calcium
  • 30 Gramm Phosphor
  • 14 Gramm Natrium

 

Tagesbedarf Spurenelemente (Schätzung):

  • 960 Milligramm Eisen
  • 108 Milligramm Kupfer
  • 600 Milligramm Zink
  • 480 Milligramm Mangan
  • 0,9 Milligramm Cobalt
  • 2,1 Milligramm Selen
  • 1,8 Milligramm Jod

 

 

Risiken nach der Geburt

 

 

„Die Stute ist bei fachgerechter Haltung und Fütterung in der Regel sehr gut in der Lage, die gesamte Geburt und Fohlenversorgung selbständig durchzuführen. Viele Probleme entstehen erst durch die Nervosität der Halter sowie voreiliges und unsachgemäßes Einschreiten“, weiß Dr. Barbara Spandern aus Erfahrung und rät dem Fohlen und seiner Mutterstute nach überstandener Geburt erst einmal Zeit zu geben, in Ruhe Kontakt aufzunehmen.

Die Beobachtung von Mutter und Kind ist aber dennoch dringend notwendig. Bei der Stute sollte so schnell wie möglich die Nachgeburt abgehen. Ansonsten besteht, ausgelöst durch Giftstoffe von Teilen oder der ganzen Nachgeburt, die Gefahr einer Geburtsrehe. Das Fohlen sollte spätestens nach zwei Stunden aufstehen und saufen, damit es mit dem Kolostrum versorgt wird. Frau Dr. Spandern erklärt: „Die erste Milch die gebildet wird, ist die so genannte Kolostralmilch, auch Biestmilch genannt. Sie versorgt das Fohlen mit allen wichtigen Antikörpern. Die Abwehrkräfte werden dadurch erst in Gang gesetzt. Das Immunsystem wird gestärkt und der Stoffwechsel beginnt.“ Hat die Mutterstute nicht genügend oder keine Biestmilch zur Verfügung, muss dem Fohlen tief gefrorenes Kolostrum, dass von einer anderen Stute abgemolken wurde, verfüttert werden. Stößt die Stute das Fohlen ab oder stirbt sie, muss über eine Ammenstute nachgedacht werden. Ebenso wichtig wie die Kolostralmilch, ist die Desinfektion des Nabels und der Abgang des Darmpechs. Fehlt es dem Fohlen an der richtigen Versorgung, können Risiken auftreten, die in der Regel vermeidbar sind.

 

Die erste Zeit wird das Fohlen durch die Muttermilch versorgt, dann muss es lernen selbst Nahrung aufzunehmen.

 

 

Erkrankungen nach der Geburt

 

Fohlenlähme

Fohlenlähme wird durch Bakterien ausgelöst und betrifft hauptsächlich Fohlen ab dem vierten Lebenstag bis zur vierten Lebenswoche. Die Ansteckung erfolgt durch die Einstreu oder über den Nabel. In einigen Fällen steckt sich das Fohlen schon in der Stute an. Symptome sind unter anderem eine allgemeine fieberhafte Infektion. Erkrankte Fohlen stellen das Saugen ein und werden immer schwächer. Durch entzündete Gelenke kann es passieren, dass sich die Fohlen festlegen und davon bleibende Schäden davontragen. Die Behandlung ist schwierig und oft ist die Fohlenlähme tödlich. Auf jeden Fall werden die Fohlen in ihrem Wachstum eingeschränkt. „Entscheidend ist die richtige Vorbeugung: Erfolgt die korrekte Aufnahme der beschriebenen Kolostralmilch nicht, erhöht sich durch fehlende Immunglobuline (Antikörper) die Gefahr der Fohlenlähme. Zur Kontrolle kann der Tierarzt einen Schnelltest machen, bei dem die Anzahl der sich im Blut befindenden Antikörper gemessen wird“, so Dr. Barbara Spandern.

 

Darmpech

Das Darmpech (Mekonium) ist der Kot, der sich während der Trächtigkeit im Darm des Fohlens angesammelt hat. Normalerweise wird dieser innerhalb der ersten zwölf Stunden ausgeschieden. Passiert dies nicht, kann auch der Milchkot nicht abgegeben werden. Etwa ab dem zweiten Tag treten Koliksymptome auf. Die Fohlen stellen das Saugen ein und versuchen Kot abzulassen. Der Tierarzt muss umgehend mit einem Darmeinlauf eingreifen und bei Bedarf entkrampfende Medikamente verabreichen. Im schlimmsten Fall muss operiert werden.

 

Fehlanpassungs-Syndrom

Die Ursachen des Fehlanpassungs-Syndroms sind ungeklärt. Oft tritt dieser Zustand, unter dem verschiedene Verhaltensstörungen zusammengefasst werden, nach schweren Geburten mit Sauerstoffmangel innerhalb der ersten 24 Stunden des Fohlenlebens auf. Plötzliche Orientierungslosigkeit, Einstellen des Saugens, Festliegen und ein blinder und apathischer Eindruck des Fohlens sind die Symptome. Auch anfallsartige Krämpfe können auftreten. Neben krampflösenden Therapieansätzen brauchen Fohlen eine intensive Betreuung um die Ernährung sicher zu stellen. Die Heilungschancen sind gering, wenn sich die Symptome nicht nach ein paar Tagen verbessern.

 

Nabelentzündung

Trotz Desinfektion kann sich innerhalb der ersten vier Wochen der Nabel entzünden. Vorzeitiges Abbinden der Nabelschnur oder dreckige Einstreu sind hierbei oft die Ursache. Nachblutungen aus dem Nabelstumpf erhöhen das Risiko einer Entzündung, da Blut eine gute Nahrungsquelle für Bakterien ist. Symptome des Fohlens sind Fieberschübe und Schwäche. Der verdickte Nabelstumpf ist schmerzempfindlich. Die Behandlung erfolgt medikamentös. Die Kontrolle des Nabels ist wichtig. Sie sollte aber nur durch Betrachtung erfolgen, denn häufige Berührungen können auch zu Entzündungen führen.

 

Blasenriss

Besonders männliche Fohlen sind anfällig für einen Blasenriss, der unter anderem durch eine schwere Geburt ausgelöst werden kann. Dr. Spandern erklärt: „Dabei wird der Harn nicht vollkommen ausgeschieden, sondern gelangt teilweise in die Bauchhöhle. Durch die zunehmende Vergiftung wegen der Stoffwechselprodukte kann das Fohlen in einen komatösen Zustand fallen. Die ersten Symptome sind Abgeschlagenheit, mangelnde Saugkraft und häufiges Liegen. Manchmal treten auch kolikartige Symptome auf. Der Tierarzt kann die Blase wieder nähen, aber dies muss rechtzeitig geschehen.“

 

Weichteilbruch

Den Vorfall von inneren Organen der Bauch- und Beckenhöhle bezeichnet man als Weichteilbruch. Dieser entsteht wenn die Bauchdecke zu schwach ist. Teile der Eingeweide verschieben sich und treten als weich gefüllte Vorwölbung in Erscheinung. Der Inhalt lässt sich zurück schieben, es besteht aber die Gefahr, dass sich einige Darmteile abschnüren und es zu schweren Folgeerscheinungen kommt.

 

 

Läuft alles richtig? Der Fohlencheck

 

  • Circa 20 Minuten dauert es bis zum Einsetzten des Saugreflexes.
  • Circa ein bis maximal zweieinhalb Stunden dauert es bis zum Aufstehen.
  • Innerhalb von zwei Stunden trinkt das Fohlen.
  • 37,2°C bis 38,9°C ist die Körpertemperatur innerhalb der ersten vier Tage.
  • Die Atmungsfrequenz liegt bei 20 bis 40 Zügen pro Minute.
  • Circa 70 Schläge pro Minute sollte die Herzfrequenz nach der Geburt haben. 130 Schläge pro Minute eine Stunde später und danach ungefähr 90 bis 100 Schläge pro Minute.
  • Sechs bis zehn Stunden nach der Geburt erfolgt der erste Harnabsatz.

 

Optimale Haltungsbedingungen

 

Bei und nach der Geburt ist alles glatt gelaufen, Mutter und Kind sind wohlauf – das ist der Idealfall. Ab jetzt geht es darum, gesund zu bleiben.

Hierfür sind Impfungen wichtig, die je nach Vorbehandlung der Mutterstute vorgenommen werden müssen. Einige Erkrankungen die durch richtiges Impfen verhindert werden sind: Influenza, Equines Herpesvirus (EHV) und Tetanus. Zudem sollte die Stute ungefähr drei Tage nach dem Abfohlen entwurmt werden. Das Fohlen bekommt seine erste Entwurmung in der siebten bis achten Lebenswoche. Ab da in einem Turnus von sechs bis acht Wochen.

Zur Gesunderhaltung steht natürlich auch die tägliche Bewegung auf dem Programm. Das Fohlen muss ins Licht und an die frische Luft. Nicht nur für das Wohlbefinden des Kleinen ist dies wichtig, sondern auch für das Knochenwachstum. Nass werden oder in Zugluft stehen sollte allerdings vermieden werden. Dies wäre eine zu große Herausforderung für das junge Immunsystem.

 

Fütterung von Stute und Fohlen

 

Das Grundnahrungsmittel des Fohlens, die Stutenmilch, reicht schon bald nicht mehr aus. Fohlen erreichen im ersten halben Jahr den größten Teil ihrer späteren Lebendgröße. Zu keinem anderen Zeitpunkt gibt es so große Wachstumsschübe und deshalb muss der ganze Körper optimal versorgt werden. Die Milchproduktion der Stute nimmt im Laufe der Säugephase ab und garantiert dann keine vollkommen ausgewogene Ernährung mehr. Das Fohlen muss daher lernen Beifutter aufzunehmen. Ein optimaler Speiseplan für ein Fohlen besteht aus Heu oder Weidegras und etwas Mineralfutter, welches mit Hafer oder Fohlenstarter vermischt wird. Größere Mengen an Fohlenstarter sollte aber nur gegeben werden, wenn die Stute schlecht säugt oder nicht ausreichend Weidefläche zur Verfügung steht. Das individuelle Mittelmaß muss dafür sorgen, dass das Fohlen nicht zu dünn, aber auf keinen Fall zu dick ist.

 

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Text und Bilder: Agentur Hafensänger

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