Dressur

La Boum: Party-Girl mit einem Herz aus Gold – Züchterfamilie Radeke hat gleich zwei Pferde bei den Paralympics am Start

Verden (fn-press). „Ich bin nicht so der Kitsch-Typ, aber das hätte für jeden Hanni & Nanni-Film gepasst. Ich hatte Tränen… Artikel lesen

Martina Brueske
01.01.2022 5 min lesen
FN Logo

Verden (fn-press). „Ich bin nicht so der Kitsch-Typ, aber das hätte für jeden Hanni & Nanni-Film gepasst. Ich hatte Tränen in den Augen.“ Der Hannoveraner-Züchter Dirk Radeke ist immer noch ganz gerührt, wenn er sich an das erste Zusammentreffen von seiner Stute La Boum mit der Para-Reiterin Heidemarie Dresing erinnert. Drei Jahre danach startet das Paar bei den Paralympics in Tokio – das jüngste Pferd (8) und die älteste Teilnehmerin (66) der Olympischen Spiele für Reiter mit Handicap.

La Boum von Londontime aus der Cecilia von Crazy Classic-Dobrock: Präsenz hat die bunte Fuchsstute von Anfang an. „Schon im Alter von zwei Tagen marschierte sie ganz groß“, erinnert sich Dirk Radeke an sein erstes eigenes Fohlen aus der Cecilia, die schon für die Vorbesitzer seit Jahren bei ihm gestanden hatte. Bei der Fohlenschau auf dem Hof der Radekes in Verden-Walle bekommt sie Szenenapplaus für ihren Trab. Aber die auffällige Dame, dreimal hoch weiß gestiefelt und mit breiter Blesse, weiß auch immer was sie will – und was nicht. Bei der Namensgebung hat Radeke den richtigen Riecher: „La Boum – den Film kennt jeder. Der Name klingt nach Party.“ Die Stute ist ständig „an“, wie das heute so schön ausgedrückt wird, ein Powerpaket. Sie wird bei Radekes angeritten, aber dann ist schnell klar, dass dieses Pferd mehr braucht und wegen ihres Potentials auch verdient. Friederike Brünger, langjährige Auktionsreiterin in Verden und bekannt für ihr „Händchen“ für junge Pferde, übernimmt die weitere Ausbildung. „Ich hätte mich da nicht drauf setzen mögen“, bekennt Dr. Anette Radeke, Dirks Frau. La Boum zeigt gewaltige Bewegungen, aber ihr entgeht auch nichts. Wenn auf dem Turnierplatz Regenschirme gezückt werden oder Fahnen wehen, dann ist es immer eine gute Idee, sie auch noch zehn Minuten länger abzulongieren.

Dann kommt der Anruf von Heidemarie Dresing, der keineswegs spontane Begeisterung auslöst. Dresing hatte La Boum fünfjährig auf einem Video-Clip von einem Turnier entdeckt und will sie für sich ausprobieren. Die erfahrene Reiterin hat seit Kindesbeinen an die 100 Pferde angeritten und ausgebildet, Springen und Dressur bis zur schweren Klasse geritten – bis sie mit 52 die Diagnose auf schleichende Multiple Sklerose erhält und seither unter Muskelschwäche und Lähmungen leidet. Das könne sie nicht verantworten, sorgt sich Friederike Brünger bis hin zu schlaflosen Nächten, und auch Dirk Radeke ist sicher: „Wir wollen doch nicht, dass jemand mit unserem Pferd zu Schaden kommt.“ Aber Heidemarie Dresing lässt nicht locker und kommt schließlich zum Ausprobieren. Die Stute ist sichtlich irritiert, von den Gehstöcken, dem anderen Sattel, dem so ganz anderen Aufsteigen der ihr unbekannten Person. „Dann hat sie sich umgeguckt – und als ob ein Schalter umgelegt worden wäre, bewegte sie sich so vorsichtig wie nie zuvor, damit der Reiterin da oben bloß nichts passiert“, weiß der Züchter noch wie heute. Gänsehaut – immer noch, und bei allen, die diesen Moment miterlebt haben.

Dieses ganz besondere Einvernehmen hat angehalten. Schon ein Jahr später startet Heidemarie Dresing mit der damals erst sechsjährigen La Boum bei den Europameisterschaften in Herning in der Klasse Grade II, in der nur Schritt und Trab gezeigt wird. Die beiden werden zwei Mal Vierte. 2021 gehören sie zur Deutschen Mannschaft für die Paralympics in Tokio, wo sie die Bronzemedaille knapp verfehlen und ebenfalls zwei vierte Plätze herausspringen. La Boum unterscheidet weiter sehr genau, wer oben sitzt. „Die Bereiterin hat immer noch ihr Tun“, wird Radeke immer noch von Heidemarie Dresing auf dem Laufenden gehalten.

Das Herz aus Gold, das niemand vorher in ihr vermutet hätte, hat La Boum von ihrer Mutter Cecilia geerbt, geboren 1998. Diese Tochter von Crazy Classic – Dobrock ist ebenfalls leistungsbereit und stark, hat eine sehr gute Zuchtstutenprüfung in Dannenberg abgelegt. „Wenn es zur Weide raus geht, hängt man oft dran wie ein Staubtuch, aber sie ist immer super lieb dabei“, beschreibt Radeke die Fuchsstute. „Ich wollte eigentlich keine weitere Zuchtstute, aber wenn schon, dann so eine“. Elf Fohlen hat sie insgesamt gebracht, sechs davon bei Radekes, drei stehen noch in Walle. In diesem Jahr, mit 23, ist sie zum ersten Mal nicht mehr besamt worden, aber immer noch gut in Form. Fünf ihrer Nachkommen haben bisher Erfolge im Sport, einer davon (Alabama v. Alabaster) sogar bis Grand Prix. Den gekörten Hengst hat Blue Hors 2005 auf der Elite-Auktion in Verden ersteigert.

Für den Hengst Londontime als Vater hat sich Radeke entschieden, weil Wolfhard Witte, damals Chefbereiter am Niedersächsischen Landgestüt in Celle, ihm energisch dazu geraten hatte. „So einen Wahnsinnsmotor, den braucht man heute für die Zucht“, habe der Obersattelmeister den von ihm bis zur Klasse S ausgebildeten Dressur-Hengst empfohlen. Einen erfolgreichen Versuch hat Radeke auch vorher schon selbst gemacht. Das erste Londontime-Fohlen in Walle stammt aus der Melodie von Maurice-Wenzel-Absatz. Die hat später auch die Stute Best of geliefert, die ebenfalls bei den Paralympics in Tokio am Start ist und mit Michèle George Gold für Belgien gewinnt. Zwei Pferde bei den Paralympics am Start – welcher andere Züchter kann das von sich sagen?

Die Radekes sind Pferdezüchter seit Generationen. Der Großvater war ein bekannter Reiter, Fahrer und Richter im Raumen Verden. Dirk (47) hat die Passion von seinem Vater Carl-Dieter übernommen. Eine Leidenschaft fürs Reiten hat er allerdings nie entwickelt, und die ist spätestens weg, als er als Kind zweimal von seinem Pony gefallen ist. Heute, als Züchter, stellt er sein Licht bescheiden unter den Scheffel. „Es gehört da auch viel Glück dazu“. Bei den Radekes ist es das Glück der Tüchtigen, zumal Dirk mit Anette verheiratet ist, einer promovierten Tierärztin, die unter anderem die Deckstation Verden betreut. Drei Kinder haben die beiden, die zwei Mädchen reiten, der Junge spielt Fußball und Golf. „Aber alle passen auf wenn eine Stute fohlt und packen mit an.“ 25 Pferde stehen auf dem Hof, davon sind ein Drittel Fremdstuten und deren Nachzucht, keine Einstaller mit Reitpferden. Die Fohlen werden nicht zum Verkauf angeboten. „Wir ziehen alle auf und sie bekommen ihre Chance“, so Radeke. In der eigenen Halle am Hof werden alle Pferde angeritten, meistens von Mitgliedern der (Groß)-Familie Radeke. Die Stuten und Reitpferde stehen in Boxen, für die Absetzer gibt es einen großen Laufstall in der Scheune, die jungen Hengste stehen separat, ebenfalls in einem Laufstall. Die Jungpferde leben ganzjährig auf einer Weide am Hof mit Offenstall. „Da sind sie alle ziemlich gesund und zufrieden. Das ist einfach artgerecht“, findet der Züchter. FN/Petra Schlemm

Tipp der Familie Radeke für Jung- und Neuzüchter:
Jeder will den Sternetreter züchten, der mal Olympiasieger wird. Aber oft wird doch nur ein normales Freizeitpferd daraus. Wenn das dann nur von einem Profi zu bedienen ist, wird es kompliziert. Unsere Kundschaft gibt das oft nicht mehr her. Natürlich müssen die Pferde zur Zucht bewegungsstark und modern sein. Aber entscheidend ist der feste Charakter. Das gerät immer mehr in Vergessenheit. Wir wollen nur noch Pferde, die auch zu händeln sind. Wir sehen das oft bei manchen wilden Stuten, die bei uns abfohlen. Die haben dann auch meistens wilde Fohlen, die sich nicht anfassen lassen, beim Hufschmied, beim Longieren und dann beim Reiten Ärger machen. Alles ist ein Drama mit denen. So etwas macht keinen Spaß, und Freude wollen wir doch alle an unseren Pferden haben. Und wichtig ist auch der tägliche Umgang schon mit den Fohlen. Die lernen von den Müttern und von uns, dass wir Menschen ihnen nichts Böses wollen.“