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Das Gesundheitstrio: Stallapotheke, Pferdegrundkenntnisse, Erste Hilfe am Pferd

Grundlegendes Wissen für Pferdehalter  Eigentlich weiß man ja als Pferdebesitzer, wie wichtig eine gut sortierte, übersichtlich geordnete und regelmäßig kontrollierte… Artikel lesen

Felicitas Meyer
06.05.2021 6 min lesen
Ein Medikamentenschrank erleichtert die geordnete Aufbewahrung von Medikamenten und Heilmitteln. Medikamente sollten trocken und kühl aber frostfrei gelagert werden, das Verfallsdatum regelmäßig geprüft werden.

Grundlegendes Wissen für Pferdehalter 

Eigentlich weiß man ja als Pferdebesitzer, wie wichtig eine gut sortierte, übersichtlich geordnete und regelmäßig kontrollierte Stallapotheke ist. Im Ernstfall kann dann nämlich dem Pferd bei Erkrankungen, Verletzungen rasch und zielgerichtet Erste Hilfe bis zum Eintreffen des Tierarztes geleistet werden. Die Praxis sieht auch mal anders aus: Abgelaufene und ausgetrocknete Tiegelchen und Tuben, fehlende Schere und Verbandsmaterial und die Nummer des Tierarztes ist auch nicht auffindbar. Wie pflegt man also seine Stallapotheke?

Eine gut bestückte Stallapotheke hat schon so manchem Pferd geholfen. Gerade jetzt, wenn zu Anfang der Weidezeit sich mancher „Springinsfeld“ bei einer Schreckreaktion an nicht sachgemäßen Zäunen verletzt hat, Rangkämpfe zu Bissen oder Trittverletzungen führten oder das Pferd Pflanzen gefressen hat, die nicht zu seinem Speiseplan gehören. Um für all diese Fälle gerüstet zu sein, sollte die Stallapotheke einen Grundstock an Medikamenten, Verbandsmaterial und Hilfsmitteln enthalten und der oder die Pferdebesitzer/in die Grundlagen der Ersten Hilfe am Pferd kennen. Doch wann ist überhaupt Erste Hilfe angezeigt? Verletzungen wie Trittwunden, Schnitte, Stiche fallen jedem Laien ins Auge, doch bei Vergiftungen, Kolik oder ersten Anzeichen von Hufrehe gehört schon etwas mehr Kenntnis der Pferdeanatomie, des Pferdestoffwechsels oder des Pferdeverhaltens zur Erkennung eines echten Notfalls. Wer also ein krankes Pferd erkennen, beurteilen und behandeln will, muss sich zunächst einmal klarmachen, wie (s)ein gesundes Pferd aussieht und sich verhält.

 

 

 

 

PAT: kein Geheimnis für Geübte 

Die wichtigste Maßnahme ist die Überprüfung der PAT (Puls, Atmung, Temperatur)-Werte. Dies sollte übrigens jeder Pferdebesitzer zunächst im Ruhezustand ein paar Mal üben, damit die Messung auch in Stresssituationen klappt. Wenn man beispielsweise bei einem Pferd nach einem längeren Gelände- oder Wanderritt eine Überanstrengung vermutet, muss man den Ruhepuls als Vergleichswert haben, da der Puls abhängig von der Rasse, dem Alter und dem Trainingszustand sehr stark schwanken kann. Eine Überanstrengung erkennt man unter anderem daran, dass der hohe Puls (und Atmung) auch nach zehn Minuten nicht merklich gesunken ist. Man misst den Puls am einfachsten an der Unterseite des Kieferastes, kann ihn aber auch an der Unterseite der Schweifrübe oder ober- und unterhalb des Fesselkopfes am Vorderbein ertastet werden. Der Normalwert liegt bei 30 bis 48 Schlägen pro Minute. Nach einer Anstrengung, einem Unfall oder auch bei manchen Vergiftungen oder einer Kolik steigt dieser auf bis zu 100-120 Schläge pro Minute. Nach Rennen, längeren Distanzritten oder Jagdspringen kann er bis auf einen Maximalwert von 200 Schlägen pro Minute steigen. Gefährlich wird es dann, wenn der Puls sich nicht spätestens nach zehn Minuten wieder normalisiert hat. Dann muss schnellstmöglich ein Tierarzt das Tier untersuchen und behandeln. Bei der Atmung beträgt der Ruhewert acht bis 16 Atemzüge (Ein- und Ausatmen) pro Minute, diese können auch unregelmäßig sein. Kleinpferde und Ponys können Werte bis 24 haben. Wenn das Atmen mit einem Rasseln, Blubbern oder Stöhnen hörbar ist, gepresst wirkt oder von Auswurf begleitet ist, sollte unverzüglich der Tierarzt gerufen werden. Puls und Atmung misst man zweckmäßigerweise über 15 Sekunden und rechnet dann auf die Minute hoch. Wichtig ist, dass man nicht die Nüsternbewegung, sondern die Flankenbewegung zählt. Die normale Körpertemperatur beim Pferd beträgt 37,5 – 38,2 Grad Celsius, bis 38,5 Grad Celsius spricht man von leicht erhöhter Temperatur, danach von Fieber. Gemessen wird im After des Pferdes, gegen unbeabsichtigtes „Hineinrutschen“ empfiehlt sich die Sicherung mit Schnur und Wäscheklammer am Schweif.

 

Verhaltensbeobachtung 

Wie auch schon bei den Messwerten: Abweichungen vom Normalverhalten bedingen eine gute Kenntnis desselben! Bei einem Pferd, das immer mäkelig frisst, ist es kein Notfall, wenn Kraftfutter in der Krippe zurückbleibt, wenn hingegen der „vierbeinige Fresssack“ Futter nicht anrührt, sollte man genauer hinschauen. Ein Pferd, das 24 Jahre alt ist, wird nicht mehr so grazil über die Weide schweben wie ein fünfjähriges Dressurpferd. Wenn bei Pferden, die in Gruppen gehalten werden, auf einmal eines abseits der Herde steht, teilnahmslos wirkt und kaum noch an seiner Umwelt interessiert ist, sollte der Betreuer ebenfalls aufmerksam werden. Wenn ein Pferd beim Reiten auf einmal nur noch schreckhaft, unkonzentriert, hektisch oder widersetzlich ist oder umgekehrt sich kaum noch vorwärtsbewegt, sollte sich der Reiter Gedanken machen, ob dies nicht auch auf eine akute Erkrankung zurückzuführen ist. Wenn ein Pferd sich unruhig im Stall verhält, ständig Harn lässt, eine sägebockartige Stellung einnimmt, sich ständig nach seinem Bauch umdreht oder denselben abschleckt, auffallend viel oder wenig trinkt oder ohne ersichtlichen Grund schwitzt, dann ist ebenfalls der Zeitpunkt gekommen, den Tierarzt zu rufen. Kurzum: Bei allen Veränderungen im Futter- und Wasseraufnahmeverhalten, Ruhe- und Arbeitsverhalten, Sozialverhalten und Verhalten gegenüber der Umwelt muss der Pferdebesitzer aufmerksam werden.

 

Erkennen des Notfalls 

Der Hauptsatz bei einem Unfall lautet: Verhalten Sie sich so ruhig als möglich, handeln Sie überlegt und besonnen, beruhigen Sie Ihr Pferd und stillen Sie Blutungen! Einen Schock des Pferdes erkennt man an der flachen Atmung, schnellem und gleichzeitig schwachem Puls und blassen Schleimhäuten. Wenn sich das Pferd kalt anfühlt, muss es eingedeckt und warmgehalten werden. Zur Kreislaufkontrolle gehört auch das Prüfen der Schleimhautfarbe von Zahnfleisch und Augenbindehäuten: Diese müssen rosarot sein. Gelbliche Schleimhäute deuten eher auf chronische Stoffwechselkrankheiten hin, bei bläulichen Schleimhäuten liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Sauerstoffmangel vor, hier muss sofort der Tierarzt gerufen werden. Die Kapillarfüllungszeit prüft man durch Druck auf das Zahnfleisch. Der weiße Fleck muss nach zwei bis drei Sekunden wieder rosa sein. Eine mögliche Austrocknung kann man gut durch das Ziehen einer Hautfalte am Hals ermitteln. Die Falte muss sofort wieder verstreichen. Vergehen mehr als drei Sekunden kann eine Austrocknung vorliegen.

 

Die Drei-Säulen der Stallapotheke 

Eine gut ausgerüstete Stallapotheke besteht aus den drei Säulen Medikamente, Verbandsmaterial und Instrumente:

 

  1. Medikamente

 

  1. Instrumente und Hilfsmittel

 

  1. Verbandmaterial

 

Erste Hilfe: Was ist zu tun? 

Bei größeren Verletzungen wie tiefen Riss- und Schnittwunden muss immer der Tierarzt gerufen werden. Diese Wunden sollten, wenn sie sehr verdreckt sind, mit klarem Wasser ausgespült werden. Danach müssen sie durch einen Schutzverband vor weiterer Verschmutzung geschützt werden. Auf jeden Fall muss aber die Blutung mittels Druckverband gestillt werden. Kleinere Schürfwunden hingegen sollten immer offen gelassen werden, diese können auch vom Tierbesitzer mit Wundspray und Wundsalbe behandelt werden. Eine Vergiftung, beginnende Hufrehe oder Kolik erkennt man hingegen oft erst beim zweiten Hinschauen am veränderten Verhalten des Tieres. Da aber gerade bei diesen Erkrankungen die Zeit bis zur Behandlung entscheidend ist, gilt: Wenn Unklarheiten sind, lieber einmal den Tierarzt zuviel als zuwenig anrufen

 

Ende gut – alles gut 

Folgende Dinge gehören zur guten Vorbereitung auf den Ernstfall: Haltung optimieren, Verletzungsmöglichkeiten minimieren, das Verhalten und die wichtigsten messbaren gesundheitsrelevanten Daten seines Pferdes kennen, messen und beurteilen können, das Üben und die Gewöhnung beim Anlegen von Verbänden und zuletzt aber nicht am unwichtigsten: die regelmäßig kontrollierte Stallapotheke. Mit diesen Voraussetzungen kann der Pferdebesitzer hoffen, bei Unfällen oder schweren akuten Erkranken seinem Pferd bestmöglich bis zum Eintreffen des Tierarztes helfen zu können. Angelika Sontheimer, Agrarjournalistin, Winsen (Aller)

 

 

Der Anruf beim Tierarzt:

  • Wer ruft an?
  • Wo hat sich der Unfall zugetragen bzw. wo steht das kranke Pferd?
  • Welche Verletzungen/Veränderungen liegen nach dem Beurteilen des Pferdebesitzers vor?
  • Wurde Erste Hilfe geleistet und welche?
  • Warten auf Rückfragen und Anweisungen des Tierarztes. Was kann als Erste Hilfe noch gemacht werden?

 

Bitte nicht!

  • Keine Salben, Pulver, Sprays auf größere Wunden aufbringen! Diese verändern das Wundbild, erschweren dem Tierarzt die Diagnose und können die Wundheilung beeinträchtigen.
  • Keine Schmerzmittel verabreichen, bevor der Tierarzt die Verletzung gesehen hat! Die Lahmheitsuntersuchung bzw. Differentialdiagnose ist sonst nicht mehr möglich.
  • Keine Hautfetzen abschneiden und keine Gegenstände aus Pfählungswunden herausziehen. Bei ersterem wird das Nähen erschwert bei zweitem besteht die Gefahr von starken Blutungen.

 

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Text: Agentur Hafensänger