Aktuelles, Fachartikel

Ausreiten ist nicht nur eine nette Abwechslung für Pferd und Reiter

Über Stock und über Stein Ausreiten, im Galopp über Stock und Stein, durch Felder, Wiesen, den Wald oder am Strand… Artikel lesen

Felicitas Meyer
16.06.2021 6 min lesen
Ausreiten bedeutet für viele Reiter einfach mal die Seele baumeln lassen. Damit der entspannte Ausflug auch einer bleibt, gilt es bestimmte Dinge zu beachten

Über Stock und über Stein

Ausreiten, im Galopp über Stock und Stein, durch Felder, Wiesen, den Wald oder am Strand – davon Träumen selbst viele nicht Reiter. Damit der Traum vom Ausritt aber nicht zu einem Albtraum wird, sollten Reiter bestimmte Regeln befolgen und das Pferd in Hinblick auf gefährliche Situationen gut ausbilden. Denn, das Pferd ist und bleibt ein Fluchttier. Das wiederum sollten auch andere Verkehrsteilnehmer im Kopf behalten.

 

 

Der Grundsatz der Vereinigung der Freizeitreiter und Fahrer Deutschland (VFD) lautet: „Das Pferd gehört ins Gelände und nicht nur auf den Platz.“ So wundert es auch nicht, dass die Vereinigung gegründet wurde, als 1973 das Betretungsrecht des Reiters für den Wald gestrichen werden sollte. „Damals waren vor allem die ländlichen Reitvereine auf das Gelände angewiesen. Hallen und Reitplätze waren noch lang nicht so verbreitet“, berichtet Angelika Hoyer, die Pressesprecherin des VFD. Die zwei Rechtsanwälte, die die Vereinigung ins Leben riefen konnten bewirken, dass es den Reitern weiter erlaubt war die Wälder zu betreten. Das Ziel des VFD ist seit dem geblieben. „Auch heute setzten wir uns gegen Reiteinschränkungen und Reitverbote ein. Das freie Reiten in der Natur ist eines der Kernziele unseres Fachverbandes“, erklärt Hoyer. Mitglieder werden unterstützt wenn Reitverbote drohen, der Verband nimmt Einfluss auf die Gesetzgebungen und scheut auch weiterhin keine juristische Auseinandersetzungen.

Warnweste, Beleuchtung und Kappe

Die Ausbildung der Reiter für das Sichere Reiten im Gelände ist ein weiterer Bereich in dem der VFD aktiv ist. Dafür hat der Verband ein komplexes Ausbildungssystem entwickelt in dem schon achtjährige Kinder mit dem Juniorpass ihre Ausbildung unter Beweis stellen können. Zu den Lehrinhalten gehört neben dem richtigen Verhalten im Gelände auch die richtige Ausstattung.

Immer dabei sein sollte eine Warnweste. „Die ist besonders wichtig an unübersichtlichen Straßen“, erklärt Hoyer, die selber langjährig Pferde hielt. Weiter rät die Pressesprecherin des VFD: „Reitet man auf öffentlichen Straßen muss über eine Beleuchtung nachgedacht werden. Gerade in dieser Jahreszeit kommt man schneller in die Dunkelheit als man so denkt.“ Dabei sollte auf Qualität geachtet werden. „Manche der kleinen Leuchtstreifen reichen einfach nicht aus. Das Minimum ist eine Leuchtweste und eine Stiefellaterne für den ersten und letzten Reiter in einer Gruppe. Wenn man alleine unterwegs ist braucht man alles. Sehen und gesehen werden gilt gerade dann, wenn man mit einem Fluchttier unterwegs ist“ meint Hoyer.

Das wichtigste Ausreitutensil ist aber ganz klar die Kappe. In der VFD muss jeder Reiter unter 18 Jahren immer eine Kappe tragen. „Aber auch die Erwachsenen Reiter tun gut daran die Kappe aufzusetzen“, rät Hoyer. Für mehr Sicherheit ist auch die Mitnahme eines Handys ratsam. Ganz wichtig ist es, das Handy nicht in die Satteltasche zu stecken. „Sonst ist es, sollte das Pferd weglaufen auch gleich futsch“, erklärt die Pressesprecherin. Neben den Dingen, die die Sicherheit erhöhen, ist es auch sinnvoll praktische Sachen wie einen Hufauskratzer oder einen Führstrick dabeizuhaben. Reiter die sich auf unbekannte Wege wagen, sollten auch über eine topographische Karte nachdenken. „Es passiert ja immer mal wieder, dass man woanders rauskommt als man so dachte“, berichtet Hoyer.

Verhalten vor und während des Ausritts

Egal wie gut der Reiter ausgestattet ist. Gibt es einen Sturz und der Reiter liegt ohnmächtig auf dem Boden hilft alles nichts, wenn sonst niemand zur Stelle ist. „Wir raten nicht alleine Auszureiten. Es ist uns klar, dass man das nicht zur Regel machen kann, weil sich da nicht alle dran halten. Sicherer ist es aber auf jeden Fall“, meint Hoyer. Weiter erläutert sie die Meinung des VFD: „Gerade wenn ich erst anfange ins Gelände zu gehen, ist es gut erfahrene Pferde und Reiter an meiner Seite zu haben. Sollte man aber unbedingt alleine loswollen, dann ist es das Mindeste, dass andere Leute darüber informiert sind, welche Route man wählt und wie lange man wegbleiben will.“ Nicht jedes Pferd läuft automatisch nach Hause. „Wir hatten in unserem Reitverein auch schon den Fall, dass die Reiterin ohnmächtig im Wald lag und das Pferd seelenruhig neben ihr gegrast hat. Hätten wir nicht gewusst, wo sie lang wollte und wie lange sie plante unterwegs zu sein, dann hätten wir die Reiterin bestimmt nicht gefunden“, berichtet Hoyer aus ihrem Reiterleben. Besonders wichtig ist es aber auch keinen falschen Mut zu beweisen. Wenn die Situation ungünstig wird sollte man lieber Absteigen und Führen. Hat der Reiter Angst spürt das auch das Pferd und bekommt ebenfalls Angst. Gerade wenn ein Pferd durchgeht hatte es meist schon vorher Angst. Daher ist es wichtig seine Grenzen zu kennen und zu achten. „Pferde sind Herden- und Fluchttiere. Das darf man nie vergessen. Auf jeden Fall ist jede Situation im Gelände besser in der Gruppe zu bewältigen.“

Sicher im Verkehr

Ein weiterer Bereich bei dem es um Sicherheit geht, ist das Verhalten im Straßenverkehr. „Da hängt auch viel von den anderen Verkehrsteilnehmern ab“, sagt Hoyer. „Die wenigsten Autofahrer wissen heute noch wie sie sich bei Pferden im Straßenverkehr verhalten sollten, denn in den Fahrschulen wird das nicht mehr gelehrt.“ Der VFD hat gerade eine Kampagne gestartet und versucht über die Verkehrsverbände, die Auto- und Motorradfahrer über rücksichtsvolles Verhalten gegenüber Pferden, zu informieren. „Wir raten nicht mit aufgeblendeten Lichtern, lauter Musik oder heulendem Motor an Reiter oder Fahrer heranzufahren. Auch wehende Fahnen oder Schals können Pferde leicht erschrecken. Die Autofahrer sollten bedachtsam und vorausschauend an die Reitergruppe heranfahren, damit sie bremsen können wenn es nötig wird. Wichtig ist es außerdem nicht bis auf den letzten Zentimeter an das Pferd heran zu fahren und vor allem auf Unruhe in der Gruppe achten und gegebenenfalls abzuwarten oder sehr weiträumig zu überholen“, erläutert Angelika Hoyer.

Das Verhalten der Pferde, Reiter und Auto- beziehungsweise Motorradfahrer ist besonders brisant,  weil Fuß- und Radwege für Reiter tabu sind. Das bedeutet, dass im Zweifelsfall immer auf der Straße geritten werden muss. „Habe ich kein verkehrssicheres Pferd, dann sollte ich darauf achten erstmal in einer Gruppe mit ruhigen Pferden auszureiten“, rät Hoyer. Weiter meint das Mitglied des VFD: „Schon die Züchter legen einen Grundstein dafür, ob das Pferd verkehrssicher wird oder nicht. Werden schon die Fohlen mit beispielsweise landwirtschaftlichen Maschinen konfrontiert haben sie später weniger Angst. Den Rest muss dann aber der Reiter machen.“

Es gibt natürlich Situationen in denen Sicherheit und Gesetzt gegenläufig sind. „Wenn man Beispielsweise Kinder, oder junge Pferde dabei hat, oder eine besonders gefährliche Stelle nicht zu umgehen ist, dann kann man auch versuchen von der Gemeinde eine Duldung einzuholen“, erklärt Hoyer. „Ist das aber nicht möglich, sollte man lieber einen Umweg in kauf nehmen.“

Details sind Ländersache

Wo dieser eventuelle Umweg, oder auch der ganze Ausritt langgehen darf, dass regeln die jeweiligen Länder. „Jeder sollte die Reitregeln in seinem Bundesland kennen“, rät Hoyer. Dafür hat der VFD die jeweiligen Gesetzte auf seine Homepage gestellt. Dort steht, dass in Hamburg das Reiten, genau wie in Schleswig-Holstein, auf öffentlichen Wegen erlaubt ist. Bei Privatwegen klingen die Regelungen schon etwas unterschiedlicher: Hamburg erlaubt das Reiten in diesem Fall nur wenn es Reitwege sind. Schleswig-Holstein hingegen wenn sie trittfest oder als Reitwege gekennzeichnet sind. Das Reiten im Wald ist nach dem Bundeswaldgesetz beider Bundesländer nur auf öffentlichen Wegen erlaubt. In den Natur- und Landschaftsschutzgebieten darf in Hamburg nur auf ausgewiesenen Wegen geritten werden. Schleswig-Holstein macht dies wiederum abhängig von der Schutzgebietsverordnung. In Hamburg besteht auch eine Kennzeichnungspflicht, die in Schleswig-Holstein freiwillig ist, um einer gesetzlicher Pflicht vorzubeugen. Am Strand ist das Reiten ebenfalls erlaubt, außer auf Dünen, Deichen, Strandwällen oder bei Badebetrieb (dieser ist bei den Kommunen zu erfragen). Frau Hoyer macht darauf aufmerksam, dass diese unterschiedlichen Regelungen schwierig sind, wenn man bei einem Aus- oder Wanderritt eine Bundesgrenze überquert. „In diesem Fall sollte man sich vorher sorgfältig über die bestehenden Gesetzte informieren“, rät die Fachfrau.

Immer Fair und Freundlich

Neben den geschriebenen Gesetzten gibt es natürlich noch die ungeschriebenen. „Man reitet nicht auf bestellten Fluren und über die Wiesen der Landwirte“, erklärt Hoyer. Dieser Punkt ist auch in den zwölf Ausreitgeboten der Deutschen Reiterlichen Vereinigung enthalten. Der Knigge des Ausreitens umfasst sowohl Sicherheits- als auch Höflichkeitshinweise. Letzteres sollte im Interesse jeden Reiters und damit selbstverständlich sein. Ein nettes „Guten Tag“, wenn man einem Spaziergänger begegnet ist nicht nur höflich, sondern fördert das Verständnis für Pferd und Reiter im Gelände.

 

Für weitere Tips empfehlen wir das Buch:

 

 

 

Bei einem Ritt über das Stoppelfeld drücken die meisten Landwirte ein Auge zu – schön für die Reiter die so im Spätsommer eine besondere Freiheit genießen können.

 

Text und Bilder: Agentur Hafensänger

Der Artikel enthält themenbezogene Werbung und Produktempfehlungen.