Schlafmangel bei Pferden: Müde bis zum Umfallen

Leichter Schlaf
Schläft das Pferd nur leicht, zieht es die Beine im Liegen so unter den Körper, dass es bei Gefahr jederzeit aufspringen kann. (Foto: privat)

Wer schlecht schläft, erreicht tagsüber nicht seine Höchstform. Das ist auch bei Pferden der Fall. Die Vierbeiner benötigen rund sechs bis neun Stunden pro Tag, auch wenn sich ihre Schlafgewohnheiten sehr von denen der Menschen unterscheiden. Die Tierheilpraktikerin Michaela Wegner aus Stolpe, Kreis Plön, ist mit ihrer mobilen Praxis in Schleswig-Holstein unterwegs und weiß, wie wichtig gesunder Schlaf für Pferde ist.

Im Gegensatz zum Menschen verbringen Pferde ihre Schlafzeit nicht am Stück, sondern auf viele kurze Intervalle verteilt. Nachts schlafen die Vierbeiner rund sechsmal, wobei der längste Schlafzyklus etwa 15 min beträgt. Zusätzlich unterbrechen sie gelegentlich ihre Tagesaktivität, um zu dösen. Insgesamt sollten sie täglich auf sechs bis neun Stunden Schlafzeit kommen, um gesund und leistungsfähig zu bleiben. „In einer sicheren, gefestigten Gruppe mit klarer Rangordnung und genügend Platz auf der Koppel, der Liegefläche oder dem Paddock ist auch tagsüber ein ungestörtes Schläfchen möglich“, weiß Tierheilpraktikerin Michaela Wegner. Fohlen brauchen deutlich mehr Ruhepausen als ältere Pferde: Sie verschlafen am Anfang ihres Lebens rund zwei Drittel des Tages. Je älter Pferde werden, desto weniger schlafen sie. Das hängt zum einen mit ihrem Körpergewicht zusammen, denn das Liegen belastet die inneren Organe. Zum anderen haben gerade älter Pferde oft Schwierigkeiten beim Aufstehen und verbringen deshalb mehr Zeit im Stehen.

Die Vierbeiner nutzen über den Tag und die Nacht verteilt drei verschiedene Möglichkeiten, sich auszuruhen: Sie dösen, fallen in leichten Schlaf oder regenerieren im erholsamen Tiefschlaf. Erwachsene Pferde verbringen 70 bis 80 % ihrer Ruhezeit mit dem Dösen. Erkennbar ist diese Art des Schlafens an einer entspannten Körperhaltung: Der Kopf hängt, die Augen sind halb geschlossen und das Pferdemaul ruht mit lockeren Lippen. Die Ohren sind seitlich abgeklappt. Während die Hinterbeine abwechselnd entlastet werden, stehen die Pferde mit den Vorderbeinen fest auf dem Boden. Dabei verhindert ein Mechanismus in den Gelenken, dass die Tiere umkippen: Die Kniescheibe wird am Oberschenkelbein aufgehängt und so festgesetzt, dass ein Stehen ohne Muskelspannung möglich ist. Als Fluchttiere sind Pferde beim Dösen jederzeit bereit, in Bruchteilen einer Sekunde wach zu werden und auf Gefahren zu reagieren. Dennoch kann auch im Stehen ein Tiefschlaf erfolgen, dieser Zustand hält dann jedoch nur für wenige Minuten an. Um die Fluchtbereitschaft aufrechtzuerhalten, wechseln sich in diesem Fall kurze Momente des Schlafs mit Wachzuständen ab.

Dösen Tagsüber dösen Pferde gelegentlich, wobei sie das Gewicht auf die Vorderbeine verlagern und die Hinterbeine abwechselnd entlasten. (Foto: pixabay)

Dösen, Schlafen, Träumen
Die Dauer der Schlafintervalle bei Pferden ist individuell und wird von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst. Nicht nur Alter und Haltungsbedingungen, sondern auch die Rangordnung, Fütterung und der Tagesrhythmus des Menschen spielen eine Rolle. Wo ein Pferd döst oder schläft, macht keinen Unterschied, solange sich die Tiere in ihrer Umgebung sicher fühlen, weiß Wegner: „Der Besitzer muss herausfinden, ob sich das Pferd entspannen und erholen kann. In der Boxenhaltung ist es meist einfacher für das Pferd, sich in Ruhe abzulegen, da kein ranghöheres Tier Anspruch auf den Liegeplatz erheben kann. Ist die Box jedoch zu klein, nicht ausreichend eingestreut oder bietet aufgrund mangelhafter Bauweise keinen Schutz vor den Nachbarpferden, empfinden die Pferde Stress und legen sich nicht ab.“ Das Hinlegen ist aber ein wichtiger Bestandteil des echten Schlafens, das über Dösen hinausgeht.

Im leichten Schlaf liegen die Pferde mit untergezogenen Beinen auf dem Boden. So sind sie immer noch in der Lage, die Vorderbeine auszustrecken und im Falle einer Gefahr schnell aufzuspringen. Der Kopf wird frei getragen oder auf dem Boden abgestützt. Aus dem leichten Schlaf erwachen die Tiere bei den kleinsten Geräuschen. Eine geistige Erholung ist jedoch nur in der Tiefschlafphase des sogenannten Rapid-Eye-Movement (REM) möglich. Hierbei liegen die Pferde flach auf der Seite, die Beine sind lang ausgestreckt und die Muskulatur ist völlig entspannt. Die Augen sind geschlossen, können jedoch wie beim Menschen Zuckungen zeigen. Atmung und Herzfrequenz werden heruntergefahren, das Gehirn ist in dieser Phase jedoch sehr aktiv. „Aufgrund der Muskelentspannung ist dieser sehr tiefe Traumschlaf nur im Liegen möglich. Dabei zeigen Pferde häufig auch Beinbewegungen, Lid- und Ohrenspiel oder Grunzen, Wiehern und andere Laute. In diesem Zustand befinden sich die Vierbeiner nur bis zu eineinhalb Stunden pro Tag, er spielt aber eine wichtige Rolle für das Wohlbefinden der Tiere. Pferde, die sich nie zum Tiefschlaf hinlegen können, sind unausgeglichen, nervlich angespannt und erschöpft“, erläutert die Tierheilpraktikerin den Stellenwert des REM-Schlafs.

Kollaps aus Schlafmangel
Kann sich ein Pferd nicht hinlegen, weil es keinen geeigneten Platz hat oder zu viel Stress, zieht das gravierende Folgen nach sich. Ab einem gewissen Zeitpunkt sind die Tiere so übermüdet, dass sie im Stehen in den REM-Schlaf fallen. Infolge der Muskelentspannung beginnen sie dann zunächst zu schwanken und brechen schließlich zusammen. Aufgrund des hohen Körpergewichts hat so ein Zusammenbruch erhebliche Auswirkungen: Typisch sind Verletzungen an den Vorderbeinen und am Kopf, insbesondere, wenn das Pferd in der Box zusammenbricht. Abschürfungen und ausgeschlagene Zähne können häufig als Folge eines Kollaps festgestellt werden.

Der Tiefschlaf, bei dem das Pferd mit ausgestreckten Beinen auf der Seite liegt, ist für die Gesundheit besonders wichtig. (Foto: privat)

Ausreichender Schlaf ist für Pferde lebenswichtig und hat einen wesentlichen Einfluss sowohl auf die physische als auch auf die psychische Gesundheit. Vor allem in artgerechter Gruppenhaltung, wie zum Beispiel in einem Aktivstall, sollte darauf geachtet werden, dass auch rangniedrige Pferde die Ruhezonen aufsuchen und nutzen können. Die Liegeflächen sollten mit Stroh oder Sägespänen eingestreut sein, sodass der Boden trittsicher ist und das Aufstehen erleichtert wird. „Meist ist die Ursache für Schlafmangel, dass sich die Pferde nicht sicher fühlen. Falsche Ernährung und viel Unruhe im Stall können ebenso verantwortlich sein wie zu viel Arbeit am Tag. Reitschulpferde haben tagsüber beispielsweise wenig Zeit um zu dösen. Auch Turnierpferde, die an den Wochenenden in fremden Ställen untergebracht werden, bekommen oft zu wenig Schlaf“, erklärt Wegner. Dass Pferde sich zum Schlafen nur hinlegen, wenn sie sich in ihrer Umgebung sicher fühlen, ist auf ihre Urinstinkte zurückzuführen. Denn in freier Wildbahn liegen niemals alle Herdenmitglieder gleichzeitig, da stets einige ranghöhere Tiere die „Wache“ übernehmen. In Gruppenhaltung sorgen oft Rangordnungsprobleme, eine wechselnde Herdenzusammensetzung oder extreme Witterungsbedingungen für Stress.

Dauerhafte Übermüdung erkennen
Bekommen die Vierbeiner über längere Zeit zu wenig Schlaf, kann das laut Michaela Wegner schwerwiegende Folgen haben: „Eine Erhöhung des Cortisolspiegels, Schilddrüsenerkrankungen, Narkolepsie oder Stoffwechselentgleisungen können unter anderem von Schlafmangel verursacht werden. Auch Magengeschwüre und Koliken können auftreten.“ Zudem ist wie bei Menschen auch bei Pferden die Leistungsfähigkeit von gutem Schlaf abhängig. Nur mit ausreichenden Regenerationsphasen kann der Organismus bei der Arbeit volle Konzentration und Kraft erbringen.

Um Folgeerkrankungen zu vermeiden, ist es besonders wichtig, dass Pferdehalter Übermüdung bei ihren Tieren frühzeitig erkennen. Der Schlafmangel kann sich durch Symptome wie häufiges Gähnen, Abgeschlagenheit oder Leistungsschwäche äußern. Auch verminderte Aufmerksamkeit und daraus resultierendes Aufschrecken, Gleichgewichtsstörungen oder andere Verhaltensauffälligkeiten können ein Zeichen für starke Müdigkeit sein. „Außerdem sind unausgeruhte Pferde reizbar und triebig. Wenn sich das Tier jedoch sicher fühlt, wird es auch regelmäßig am Putzplatz dösen“, erklärt Wegner. Generell gilt allerdings, dass diejenigen Symptome, die auf Schlafmangel hinweisen, auch bei einigen Krankheiten auftreten können. Daher sollte die Diagnose immer vom Tierarzt gestellt werden.

Werden Pferde in der Herde gehalten, kann es vorkommen, dass ranghöhere Tiere den rangniedrigen die Schlafgelegenheiten streitig machen. (Foto: pixabay)

Die richtige Unterbringung finden
„Wenn man erkennt, dass das eigene Pferd an Schlafmangel leidet, ist schnelle Handlung gefragt“, betont die Tierheilpraktikerin. Hilfreich sei eine Analyse der Haltungsbedingungen. „Fühlen sich die Vierbeiner in der Gruppe nicht wohl? Ist die Box zu klein? Reicht die Liegefläche im Offenstall nicht aus? Manchmal ist eine Haltungsveränderung oder sogar ein Stallwechsel nötig. In einigen Fällen ist es sinnvoll, die Trainingszeiten oder auch die Fütterung zu verändern. Weniger Kohlenhydrate und ein paar zusätzliche Mineralstoffe können schon helfen“, erklärt sie. Vor einem Stallwechsel kann zunächst auch die Unterbringung vor Ort verändert werden. Eine andere Box oder eine andere Herde können schon einen Unterschied machen. Der Umzug kann die Schlafstörung aufgrund der Umstellung für kurze Zeit verschlimmern, danach aber auch verschwinden lassen. Ein endgültiger Ortswechsel stellt aber gerade für sensible Pferde eine zusätzliche Belastung dar. Deshalb sollte von vornherein eine für das eigene Pferd geeignete Haltung gewählt werden, die sich nach dessen Bedürfnissen richtet. Eine kleine Herde oder eine Paddockbox sind für manche Pferde besser geeignet als eine große Gruppe, in der es immer wieder Kämpfe um die Rangordnung gibt. Denn nur mit ausreichend Schlaf kann sich das Pferd regelmäßig regenerieren und gesund bleiben.

In aktuellen Studien wird das Schlafverhalten von Pferden mithilfe tragbarer Polysomnographen untersucht. Diese finden sonst in humanmedizinischen Schlaflaboren Anwendung und messen verschiedene physiologische Vorgänge während der Schlafphasen. Die Körperfunktionen werden kontinuierlich überwacht, sodass ein Schlafprofil erstellt und eventuelle Probleme erkannt werden können. In verschiedenen Untersuchungen hat sich gezeigt, dass von Schlafmangel und -störungen weitaus mehr Pferde betroffen sind als bisher angenommen.

 

Text: Stina Berghaus