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Nach Angriff auf Zuchtpferd: Reiter wollen nachts Streife gehen Zeugensuche: Pferd mutwillig verletzt So oder so ähnlich lauten seit Jahren… Artikel lesen

Larissa Lienig
28.05.2019 4 min lesen
Symbolbild (Foto:pixabay)

Nach Angriff auf Zuchtpferd: Reiter wollen nachts Streife gehen

Zeugensuche: Pferd mutwillig verletzt

So oder so ähnlich lauten seit Jahren die Schlagzeilen, wenn wieder einmal Pferdeschänder oder„Pferderipper“ zugeschlagen haben. Die Übergriffe durch Menschen auf Pferde häufen sich, auchauf andere Weidetiere. Die fünf Schlagzeilen stammen aus den Jahren 2018 und 2019 und spiegeln nur unvollkommen wider, was die Besitzer der Tiere wahrnehmen mussten und welche Gefühle sich ihrer bemächtigten. Tiefste Erschütterung bis hin zum Hass auf die Täter kenn-zeichnen die Bandbreite der Wahrnehmung und Reaktionen. Das Thema wurde und wird von den Medien aufgegriffen und je nach Haltung deren Vertreter werden die Vorfälle berichtet, kom-mentiert und auch ausgeschlachtet. Der mediale Umgang mit den Vorgängen trägt freilich dazu bei, dass die Pferdebesitzer in den betroffenen Gegenden nicht nur aufgeschreckt werden sondern selbst aktiv werden, wenn sie das Gefühl haben, die offiziellen Nachforschungen haben keinen Erfolg. In der Tat: Die Polizei tut sich schwer, Täter zu fassen, was bei der schwierigen Spuren-lage meist im freien Weidegelände, weniger im Stallbereich, nachvollziehbar ist. Um die Jahr-tausendwende gab es im oberschwäbischen Ravensburg einen viel beachteten Prozess gegen einen inzwischen verstorbenen Täter, der mehrere Übergriffe an Pferden zugegeben hatte. Das war im Grund ein spektakulärer Einzelfall. Dass solche Vorfälle auch in den sog. Sozialen Medien Widerhall finden,muss nicht erklärt werden. Gleichwohl geht es in den Kommentaren oft „hard core“ zur Sache.Das ist dann auch nicht gerade hilfreich.

Eine Doktorarbeit bringt Aufschluss

Das Phänomen Pferdeschändung gibt es schon Jahrzehnte. Ein Höhepunkt geht bis auf die Jahre um 2000 zurück und war wohl auch der Anlass für die Kriminologin Dr. Alexandra Schedel- Stupperich 2002, ihre Doktorarbeit an der Universität Göttingen über das Thema zu schreiben:„Schwere Gewaltdelikte an Pferden – Phänomenologie, psychosoziales Konstrukt und dieAbleitung von präventiven Verhaltensmaßnahmen“. Über die Jahrzehnte hinweg beschäftigen dieÜbergriffe auf Tiere, insbesondere auf Pferde, die Öffentlichkeit, die Polizei und eben auch die Wissenschaft. Schon 1998 veranstaltete die Deutsche Vereinigung zum Schutz des Pferdes (DVSP) in Höxter ein Symposium über das Phänomen Übergriffe auf Pferde im Besonderen und den Missbrauch von Tieren im Allgemeinen. 2014 gab es eine Bachelor-Arbeit „Tier- und Pferderipper – Was treibt die Täter zu ihrem Handeln an? Ein Einblick in die Täterpsyche“,vorgelegt an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung -Fachbereich Polizei- in Rheinland- Pfalz von Julia Weishaupt.

2014 veröffentlichte Carola Schiller vom Aktionsbündnis Pro Pferd mit Sitz in Feldatal ihre Zusammenschau unter dem Thema „Hände weg von meinem Pferd –Schutz vor Tierquälern und Pferdeschändern“. In der Zeitschrift „Kriminalistik“ erschien im November 2018 ein Artikel unter dem Thema: „Tierquälereien an Pferden – eine kriminalistische Analyse“. Vorgelegt wurde dieArbeit von Alexandra Schedel-Stupperich, Helga Ihm, Micha Strack und Valerie Grzanna. Die Studie basiert auf 210 Fällen aus den Jahren 2014 bis August 2016 und trägt dazu bei, das aufzuarbeiten, was seit den 2000er Jahren an Erkenntnissen herauskam. 2019 erschien zudem ein Buch unter dem Titel: „Täter und Taten als Informationsquellen“, herausgegeben von der Kriminologin Rita Steffes-enn vom Zentrum für Kriminologie & Polizeiforschung in Kaisersesch. Man sieht: Das Thema „Übergriffe auf Pferde“ beschäftigt nachhaltig auch die Forschung.

Versuch eines Überblicks

Übergriffe auf Pferde stehen schon lange im Focus der Wissenschaft

In ihrer Doktorarbeit von 2002 beschreibt Alexandra Schedel-Stupperich die Lage von damals. Sie erklärt u.a. amerikanische Untersuchungen, wonach „schwere Tierquälereien eine Etappe des kriminellen Werdegangs bei Gewaltverbrechern darstellen können.“ Eine andere amerikanische Langzeitstudie an 153 Tierquälern stellt fest, „dass diese ein fünfmal höheres Risiko für Gewaltdelinquenz haben als Nicht-Tierquäler.“ Interessant ist die Feststellung Schedel-Stupperichs, dass man zunächst überzeugt war, Pferderipper würden sich auf das Opfer „Pferd“ spezialisieren. „Diese These musste nach der Ergreifung eines vierfachen Frauenmörders in Duisburg neu überdacht werden, denn der Mann gab an, neben seinen menschlichen Opfern auch Nutztiere wie Pferde, Schafe und Rinder gequält und getötet zu haben.“ Schedel-Stupperich schreibt dazu weiter:„Die Frage nach der Motivation der Täter muss sozialpsychologische Aspekte einbeziehen,… da in die Entscheidung, ein Pferd zu quälen, nicht nur der Aspekt der ‚Ausübung von Gewalt‘ ein Rolle zu spielen scheint, sondern auch die Zerstörung eines Symbols sowie der bewusste Verstoß gegen eine bestehende gesellschaftliche Norm.“

Image des Pferdes: wenig dominant aber stark emotional

Wichtig ist auch die Feststellung, dass Täter ihre Opfer nach individuellen Merkmalen der einzelnen Tiere auswählen, vor allem spiele das Image des Pferdes (besonders der Stute) als wenigdominant aber stark emotional eine bedeutende Rolle. Der Täter wähle ein „leichtes“ Opfer, und „vollzieht dabei einen ‚unübersehbaren‘, explizit vollzogenen Normbruch und trifft mit seiner Tateine Gruppe (die Pferdebesitzer), die sich in einem stark strukturierten Feld mit relativ homogenen Einstellungsstereotypen befindet. Damit wird das Pferd als Opfer aus kom-munikativer Sicht heraus salient (auffällig, Anm. d. Red.), vor allem, wenn der Prozess durch aktuelleBerichterstattung mittels Massenmedien noch verstärkt wird.“

Eigenschutz ist möglich

Im Zusammenhang mit der Frage nach „Eigenschutz“ sei gestattet, auf ein Buch von Alexandra Schedel-Stupperich und Hans Glindemann aufmerksam zu machen: „So schütze ich mein Pferd“ (Müller-Rüschlikon). Hier werden u.a. Tipps für Sicherungsanlagen gegeben, die man als Pferdebesitzer leicht selbst anfertigen kann.

Quelle: Pressedienst Pferdesportverband BW

Larissa Lienig

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