Nicht mehr so wilde Wildpferde

Die Wildpferdefreunde e.V. haben sich mit Leib und Seele den Dülmener Wildpferden verschrieben. Doch warum sind sie so besonders?
Genau dem, sind wir bei dem Dülmener Wildpferdefang auf den Grund gegangen.

Schon am frühen Samstagmorgen hatten sich die ersten Pferdefans in der wunderschönen Dülmener Landschaft im Merfelder Bruch zusammengefunden, um dem Fang an diesem sonnigen Tag beizuwohnen. Der Andrang wurde bis zur Eröffnung der Arena stetig mehr, man sah Besucher mit Hüten, sommerlicher Bekleidung und Eis in den Händen. Das Wetter war zwar traumhaft, vielen auch zu heiß, was aber niemanden abzuschrecken schien.

Diejenigen, die schon früh dort waren hatten jetzt noch genug Zeit sich umzuschauen, bis mit dem ersten Auftritt der Wildpferdefreunde e.V. um 13:45 Uhr das alljährliche Wildpferdefang eingeläutet wurde.

Starlight Dancer mit Julia Klabes (foto:JW)

Da bis zu der Eröffnung noch genug Zeit war, haben wir es den anderen gleichgetan und sind zur Geländeerforschung aufgebrochen. Die Arena, wo später am Tag die Pferde hineingetrieben wurden, steht das ganze Jahr leer und wird nur für dieses Ereignis benutzt. Bei der Umrundung der Arena sind wir schließlich auf das Camp des Wildpferdefreunde e.V. gestoßen. Man hatte noch nicht gefrühstückt, aber die Pferde waren bereits versorgt. Rührend kümmerten sich die Vereinsmitglieder um ihre, jetzt nicht mehr so wilden, Wildpferde.
Wir hatten die Chance auf ein exklusives Interview mit Ursula Meid, kurz Uschi genannt, von den Wildpferdefreunden e. V., was es mit diesen besonderen Pferden auf sich hat.

Doch wer sind die Wildpferdefreunde e.V. eigentlich?
Der Verein wurde 2010 gegründet. Die Dülmener Wildpferde-Freunde schätzen die Eigenschaften dieser Pferde und möchten deren Eignung als vielseitiger Sport- und Freizeitpartner für Kinder und Erwachsene auf Veranstaltungen präsentieren. Dadurch sind in dem Verein selbst Westernreiter, Springreiter, Dressurreiter, Kutschpferde und die Bodenarbeit vertreten. So haben die Wildpferdefreunde einen großen Schritt dazu beigetragen, dass diese Rasse bekannter wird.

Uschi, welche selbst Besitzerin von drei Dülmener Wildpferden ist, sagt, dass ihre Pferde echte Wildpferde sind, aber sich bereits an den Menschen gewöhnt haben. Nun sind sie alle hier um zu zeigen, was alles mit diesen Pferden möglich ist, was später in der Arena, in beindruckender Weise, verdeutlicht wurde.
Doch abgesehen von ihren in sich schlummernden Talenten, unterscheiden sich die Wildpferde schon im Aussehen von anderen Pferderassen. So hatten wir mit den drei Pferden von Uschi auch gleich drei ungleiche Erscheinungen, welche aber nicht untypisch für die Wildpferde sind. Ihre Pferde heißen Zazu, Simba und Ballou. Alle drei sind äußerlich ganz unterschiedlich gefärbt. Die ursprünglichste Färbung hat Zazu. Hier finden sich genau die Merkmale, die auch schon die ersten Wildpferde, welche erstmalig 1316 urkundlich erwähnt wurden, wieder. Er hat einen Aalstrich der von der Mähne bis zum Schweif reicht und Querstreifen über den Schultern sowie an den Beinen. Das Stockmaß beträgt bei allen dreien etwa 1,35 bis 1,42 cm und sie sind damit eine eher kleine Rasse.
Simba zeigt die Fellfarbe welche am häufigsten bei den Wildpferden vorkommt. Er ist ein mausgrauer Falbe, was wohl auf den ausgestorbenen Tarpan zurück geht. Bei Ballou, welcher sehr dunkel, fast schwarz ist, entspricht seine Färbung eher dem Exmoor-Typ.
Man kann sagen, dass die kleinen robuste Wildpferde eine große Vielfalt an Farbnuancen bieten, die aber alle ihre ursprüngliche Art bewahrt haben.

Obwohl, oder eher gerade, weil die Wildlinge vom Menschen weitgehend unbeeinflusst und frei in der Wildbahn aufwachsen, zeigen sie in der Obhut und unter Anleitung von sachkundigen Pferdemenschen was in ihnen steckt. So sind sie je nach Talent und Fähigkeiten gute Reitpferde, Kutschpferde und machen auch in anderen Bereichen des Pferdesports eine gute Figur. Sie sind lernfreudig, leistungsbereit, zuverlässig und charakterfest und dadurch zuverlässige Partner in jedem Bereich des Sports, den man mit ihnen erlernen möchte. Auch bei therapeutischen Reiten finden die ausgeglichenen und gutmütigen Pferde Anklang.

Bevor man sich jedoch Gedanken über die Ausbildung macht, hat man erst einmal das frisch gefangene Wildpferd vor sich, dass es an den Menschen zu gewöhnen gilt.
Hierzu konnte uns Uschi, am Beispiel ihrer drei Pferde, genau erklären, welche Erfahrungen sie mit den Jünglingen und ihren unterschiedlichen Charakteren gemacht hat.

Ihr Ballou ist 1992 geboren und somit ihr Senior in ihrer kleinen Herde. „Er ist topfit für sein Alter und ein echter Allrounder.“, so Uschi. Sie reitet mit ihm durch das Gelände, was

Ballou(Foto:JW)

er souverän und verlässlich meistert, aber genauso zeigt er, dass er ein gutes Kutschpferd ist. Doch nicht immer war es so harmonisch und einfach mit ihm. Der schwarz-braune Falbe kam erst als Neunjähriger zu ihr. „Es gab viele Diskussionen, denn er ist eigenwillig und dominant.“ Doch heute sind die beiden ein eingespieltes Team und manchmal könnte man denken, dass die Kommunikation alleine durch Gedankenübertragung stattfindet. Das Training mit dem jetzt 26-jährigen Wallach hat sich gelohnt. „Einmal im Jahr fahren wir zu einem Geschicklichkeitsturnier, wo wir sowohl in der Dressur, im Trail, im Springersport und auch an anderen Spaßdisziplinen, wie z.B.Tonnenrennen und Tischdecken, teilnehmen. Durch seine Wendigkeit und seinen schnellen Sprints sind wir hier fast immer Top-Platziert.“ In ihrer Heimat stehen ihre Pferde bei ihr zu Hause auf ihrem Anwesen. Hier leistet Ballou, als ältester, viel Erziehungsarbeit bei den beiden dreijährigen Hengsten Simba undZazu.

Der dreijährige Zazu wurde 2015 in der Wildbahn geboren und weist die ursprünglichste

Zazu (Foto:JW)

Farbe auf. Er war nach dem Fang zunächst vergleichsweise scheu, wie uns Uschi berichtete. Doch beim Fang selbst trieb er den Fängern allerhand Schweißperlen auf die Stirn. Am Abholtag brauchte es über eine Stunde, bis er in seine Box ging. Genauso lange, wenn nicht sogar länger, dauerte es auch bis sich Uschi in die Box begeben durfte. Sie setzte sich neben seinemHeuundwarteteaufdenerstenKontakt.„NacheinergefühltenEwigkeitkameszu der allerersten Berührung. Nach dem der Junghengst gemerkt hat, dass diese Streicheleinheiten wohltuend sind, genoss er es sichtlich.“ Allerdings zunächst nur an bestimmten Körperregionen. Die Nähe zu dem Menschen musste richtig erlerntwerden.

„Jedes Mal,wenn ihn eine Berührung nicht passte machte er es sehr deutlich und zwickte, die Reaktion war nicht bösartig, sondern nur um zu zeigen, dass es an dieser Stelle nicht gut ist.“, so Uschi heute, über die ersten Augenblicke mit Zazu. „Bis heute ist er sehr skeptisch gegenüber Neuem, da ist viel Einfühlungsvermögen gefragt. Doch wenn man ihn erst ma lan etwas gewöhnt hat, macht er es mit Stolz und einer Selbstverständlichkeit, die verblüffend ist.“ Wie uns die stolze Besitzerin berichtete, geht er heute mit ihr durch Dick und Dünn, springt über Äste und Baumstämme und geht mit ihr sicher ins Gelände. Doch bis heute hat sich der kleine Hengst etwas von seinem wilden Charakter behalten, denn wie Uschi erzählt, ist er manchmal sehr stur und bleibt einfach stehen, was auch mal im Galopp der Fall ist. „Er ist sehr taff, absolut kein Kinderpony, aber trotzdem richtig toll, ein Gegensatz zu Simba.“

Simba ist Uschis drittes Pferd in ihrer Herde. Er ist, genau wie Zazu, ein Dreijähriger. Über ihn sagt Uschi, dass er ein „echtes Phänomen“ ist. Sie war einen Monat vor dem Wildfang bei der Wildbahn-Begehung der Wildpferdefreunde um sich schon einmal die Jährlinge anzuschauen. „Bereits da kam er schon sehr nah an mich ran. Ich hätte ihn auch auf die Nase küssen können.“

Simba (Foto:JW)


Bei dem Fang vor zwei Jahren war Simba sehr eselig und ging einfach rückwärts durch die Herde. Zu ihrem Glück, denn die Gebote für den kleinen temperamentvollen Hengst blieben aus. Um so erstaunlicher war das Verhalten als der Kleine bei ihr im Hänger war, er fraß schon im Anhänger aus ihrer Hand und knabberte an ihrem Hut. Diese Gelassenheit, im Gegensatz zu Zazu, zog sich auch bei ihr im Stall fort, so ging er direkt in seine Box, als ob es selbstverständlich wäre. „Bereits am zweiten Abend nach seinem Fang konnte ich mich zu ihm in die Box legen. Er ist sehr selbstbewusst und macht Ballou das Leben manchmal echt schwer, weil er den Rang in Frage stellt. Im Handling ist er gerne mal frech. Aber auch wiederum sehr zart, sodass ich mich sogar mit meinem kleinen Sohn neben ihn legen kann, wenn er selbst auf der Seite liegt.“

 Auf die Frage, ob sie dieses Jahr noch einen Jüngling mitnimmt, schmunzelte die Pferdefreundin nur und meinte, dass es leider nicht geht, da der Alltag auch noch andere Aufgaben beansprucht. Sie hatte sich eine 20 -Jahre Frist gesetzt, um sich ein neues Wildpferd zu holen. Diese aber bereits nach kurzer Zeit auf 15 Jahre heruntergeschraubt, die Wildpferde sind einfach „zu toll“.

Wer weiß, vielleicht steht ja bald doch eher als gedacht, der neue Jährling bei ihrer Herde.

Text: Jaqueline Weidlich

 

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