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#MeToo in der Reiterszene

Auch die Internationale Reiterliche Vereinigung muss sich mit der „Me Too“-Debatte intensiver beschäftigen. Denn leider ist auch das Thema „Nötigung… Artikel lesen

Jaqueline Weidlich
24.04.2018 4 min lesen
Symbolbild (Foto:pixabay)

Auch die Internationale Reiterliche Vereinigung muss sich mit der „Me Too“-Debatte intensiver beschäftigen. Denn leider ist auch das Thema „Nötigung und Missbrauch“ im Reitsport anwesend, was Fälle aus der Vergangenheit zeigen.
Ein Fall aus dem Jahre 2017, wo sich eine Frau in einem Pferde-LKW versucht hat aufzuhängen und dann Tage später im Krankenhaus verstorben ist, gibt bis heute Rätsel auf. Hier steht die Frage im Raum, da es zu den Akten als Selbstmord gelegt wurde, ob die Pferdepflegerin Opfer sexueller Belästigung wurde.
John Roche, Springdirektor der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI), versucht nun herauszufinden, was die Frau zu ihrem Entschluss getrieben hat. Die Beweislage ist dünn, wie in allen anderen Bereichen sind Belästigungen und Nötigung auch im Pferdesport ein Thema, über das man nicht gerne spricht.
Dazu kommt der Fall von dem in dem legendären Springtrainer Jimmy Williams (USA), der nach seinem Tod als Sexualstraftäter entlarvt wurde. Mehrere seiner damals jugendlichen Schülerinnen sprachen jetzt über ihre Erlebnisse, einige sind noch immer in psychiatrischer Behandlung. Ein nach Williams benannter Nachwuchspreis wurde vom amerikanischen Verband stillschweigend ohne Begründung umbenannt.
Die Dunkelziffer ist wohl deutlich höher.
Die FEI weiss, dass sie nun über das Thema sprechen muss und sagte beim FEI-Sportforum Ende März, dass „der Schutz vor Missbrauch und Nötigung“ auf der Agenda. Den Anstoß dazu gab ein mehr als 100 Seiten langes Dossier des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Darin ist ersichtlich das die beschriebene „Belästigung und Nötigung“ eines der dringlichsten Probleme des heutigen Reitsports ist. In anderen Sportarten ist das ganz sicher so, immer dort, wo junge Leute, vor allem Frauen, von ihren Trainern nicht nur sportfachlich, sondern auch mental abhängig sind. Wo der Trainer Gunst und Ungunst verteilen und über sportliche Chancen entscheiden kann.
Bei Vereinen und in Reitställen überwiegt das Verhältnis Mädchen und Frau zu ihren männlichen Kollegen immer mehr, es sind schon 76 Prozent. Vor allem der Anteil der Pferdepflegerinnen ist deutlich höher in den Reitställen , denn sie machen den oft schlecht bezahlten Job aus liebe zum Pferd. Darüber hinaus sind Reisen zu den internationalen Turnieren, der Kontakt mit der großen Welt und ihren prominenten Akteuren für viele verlockend.
Gerade die heutigen Transportmöglichkeiten sind fahrende Hotels. Häufig übernachten das komplette Team, somit auch die Pflegerinnen in ein und dem selben Fahrzeug. „Durch diese räumliche Nähe über mehrere Tage entstehen natürlich Situationen, in denen es zu sexuellen Übergriffen kommen kann“, formuliert ein hoher FEI-Funktionär vorsichtig: „Da baut sich schnell ein gewisser Druck auf.“ Deutlicher wurde ein US-Delegierter beim Sportforum in Lausanne: „Gerade die „Grooms“, die Pferdepflegerinnen, seien eine Gruppe, die geschützt werden müsse.“

Von solchen Fällen gelangen wenige an die Öffentlichkeit, leider sind aber gerade Fälle in denen Reitlehrer ihre jugendlichen Schülerinnen bedrängen, ein typisches Szenario. Ein anderes sind Pferdebesitzer, die jungen Mädchen versprechen, ihnen ein tolles Pferd zum Reiten zu geben – oder umgekehrt drohen, es wegzunehmen, wenn sie dem Drängen nicht nachgeben. Natürlich sind auch die Menschen, die sich mit Pferden beschäftigen, nicht per se besser als alle anderen. Auch unter ihnen können Gesetzesverstöße vorkommen. Vor ein paar Monaten wurde ein Reitlehrer aus Schleswig-Holstein zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Er hatte eine 13 Jahre alte Reitschülerin in insgesamt 18 Fällen missbraucht. Der Kieler Oberstaatsanwalt fand für diese Taten klare Worte: „Solange das Mädchen 13 war, ist es auch ganz egal, was sie gemacht hat. Sie kann sich dem Mann nackt an den Hals geworfen haben, in diesem Moment ist sie das Kind und er der Erwachsene, der Nein sagen muss.“ So viel zu der Argumentation, die Minderjährige habe es „doch auch gewollt“.
Lange bevor das Thema bei IOC und FEIU aufkam, beschäftigte sich schon der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) damit. Die FN befasst sich seit mehr als zwei Jahren mit dem möglichen Missbrauch im Pferdesport. „Das ist für uns ein Thema, wenn auch keines, das Spaß macht“, sagt FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach: „Wir haben einige konkrete Maßnahmen ergriffen. So ist an die Trainerlizenz ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis geknüpft. Bei konkreten Missbrauchsfällen kann die Trainerlizenz, aber auch die Turnierlizenz entzogen werden.“

Schon seit längerem arbeitet die FN mit dem Verein Zartbitter e.V. zusammen, damit die in Bedrängnis geratenen Jugendlichen eine Anlaufstelle haben. Hier soll aber auch nochmal deutlich gemacht werden, dass nicht nur der körperliche Missbrauch gemeint ist, sondern auch Mobbing, durch Versprechen finanzieller Vorteile, bis hin zur Nötigung oder gegen Anti-Doping-Regeln zu verstoßen.

Des weiteren arbeitet die FN mit dem Verein Zartbitter e.V. zusammen, an den sich in Bedrängnis geratene Jugendliche wenden können. Lauterbach stellt aber auch klar, dass nicht nur der sexuelle Missbrauch gemeint ist, sondern auch viele andere Arten, Macht zu Missbrauchen und Menschen unter Druck zu setzen. So z.B. durch Mobbing, durch Versprechen finanzieller Vorteile, bis hin zur Nötigung oder Verstöße im Anti-Doping-Gesetz zu ignorieren.
So muss es hier klare Regeln geben, denn alleine die Feststellung das es so etwas gibt, reicht nicht.

Quelle: www.sueddeutsche.de