Die Dülmener Wildpferdefänger

von Larissa Lienig
15. Juni 2018
15.06.2018
ca. 3 Minuten

An einer Scheune hinter der Arena im Merfelder Bruch warten Familienangehörige. In ein paar Stunden stehen ihre Söhne und Ehemänner dort den Dülmener Wildpferden gegenüber. Vor 15.000 Zuschauern fangen sie die einjährigen Hengste aus der Herde des Herzogs von Croy heraus. Mit bloßen Händen und purer Muskelkraft. Fünfundzwanzig Männer kommen jetzt durch die Scheunentür. Sie tragen blau-weiß gestreifte Hemden und rote Halstücher – die traditionelle Fangkleidung und Arbeitskleidung für heute.

Ruf der Tradition

Seit über hundert Jahren gibt es den Wildpferdefang in Dülmen. Die Fänger kommen alle aus der Region. Eine geschätzte Tradition unter den Männern dort, erklärt Ralf Frerick, einer der Wildpferdefänger. „Wir machen das so lange bis wir abgelöst werden.“ Die Alterspanne reicht von 18 bis  50 Jahren. Die Linie der Fänger zieht sich durch die Generationen einer Familie. Angst spielt dabei keine Rolle. „Respekt auf jeden Fall, aber keine Angst“, betont Ralf. Er ist seit achtzehn Jahren dabei. So lange, wie der Jüngste alt ist. Aus der Männertraube vor der Scheune wird Dustin Benson geschoben. „Sein erstes Jahr“, ruft einer und klopft ihm auf die Schulter. Seit er klein ist hat Dustin kein Jahr verpasst, als Zuschauer auf den Rängen in der Arena. In diesem Jahr läuft er mit den etwa dreihundert Wildpferden ein. „Ich wurde schon mein ganzes Leben darauf vorbereitet“, sagt er lächelnd. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, dass er überhaupt nicht aufgeregt ist. Warum auch?
Die Männer kennen sich gut. Passen aufeinander auf. „Das ist hier schon bald alles Verwandtschaft“, sagt Dustin. Er dreht sich halb um und zeigt auf einzelne Männer in der Runde aus Fängern: „Cousin, Cousin. Cousin. Papa.“ Der Mann im Türrahmen der Scheune nickt kurz. Dustin ist der nächste in seiner Familie, der lernt wie die Wildpferde zu fangen sind. Er lernt die Techniken eines Wildpferdefängers von seinem Vater. Dem Ruf der Tradition folgend.

Hier wird angepackt

„Schon am frühen Morgen werden die Pferde zusammengetrieben, damit es pünktlich um 15 Uhr losgehen kann“, erklärt Otto-Ludwig Dercken. Er ist von der Herzog von Croy’schen Verwaltung, die für die Tiere verantwortlich ist. Die Arbeit der Fänger beginnt also nicht erst mit dem Einlauf der Pferde in die Arena. Einige der Fänger trennen schon im Merfelder Bruch die Pferdefamilien vom Rest der Herde. In einer Koppel in der Nähe der Arena sammeln sich so etwa dreihundert Tiere. Darunter Stuten mit Fohlen aus diesem Frühjahr und die jungen Hengste. Die Fänger treiben die wilden Pferde zu Fuß von der Koppel in die Arena. Hier wird es nun auch für Dustin Benson ernst. Dreihundert Pferdestärken gegen 25 Dülmener Jungs. „Die Pferde kommen dabei nicht zu Schaden“, sagt Dercken. Die Fänger sind es, die ihm stets Sorge bereiten. Bisher ist aber alles gut gegangen. Hier und da leidet eine Hose. Der ein oder andere blaue Fleck erinnert noch länger an das Ereignis, aber was richtig Schlimmes sei noch nicht passiert.

 

Insgesamt schätzt die Verwaltung des Herzogs von Croy ihre Wildpferdepopulation auf vierhundert Tiere. „In diesem Jahr haben wir 36 Jährlingshengste“, sagt Dercken. Und die haben es in sich. Es braucht zwei bis drei Fänger, um einen Hengst in den Schwitzkasten zu nehmen. In einer der zwei Fangecken pressen sie die Hengste gegen die gepolsterte Wand und legen einen Halfter an. Von dort müssen sie hinter das Gatter neben dem Einlauf gegenüber. Dustin soll in diesem Jahr nur beim Isolieren kleinerer Gruppen der Wildpferde in den Fangecken helfen. Und lernen. Dann hat er aber plötzlich einen Führstrick mit Hengst am anderen Ende in der Hand. Der wehrhafte Jährlingshengst gibt nicht kampflos nach. Dustin scheint dessen Kraft unterschätzt zu haben und geht zu Boden. Zwei Fängerkollegen sind schnell zur Stelle und übernehmen, bevor der junge Mann unter die Hufe gerät. Nochmal gut gegangen.

Die Stuten mit Fohlen werden derweilen von anderen Fängern in die Koppel zwischen den Fangecken, Stutenstall genannt, geschleust. Es dauert keine dreißig Sekunden, bis sie die Köpfe senken und zu grasen beginnen. Die Strapazen sind sofort vergessen.

Text: Larissa Lienig, Fotos: Jaqueline Weidlich

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