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Der Röntgenleitfaden der Gesellschaft für Pferdemedizin in der Anwendung: Neue Orientierungshilfe beim Pferdekauf

Die Gesellschaft für Pferdemedizin hat lange an ihrem neuen Röntgenleitfaden gearbeitet. Seit Januar ist er nun im Einsatz (wie Berichtet… Artikel lesen

Jaqueline Weidlich
15.03.2018 4 min lesen
Auch Dr. Volker Sill führt viele Röntgenbeurteilungen durch. (Foto: Pferdeklinik Bargteheide)

Die Gesellschaft für Pferdemedizin hat lange an ihrem neuen Röntgenleitfaden gearbeitet. Seit Januar ist er nun im Einsatz (wie Berichtet im Bauernblatt 43/2017). Die ersten Rückmeldungen sind positiv, aber es wird noch dauern, bis sich die Änderungen etabliert haben. Hinter der Neuauflage steht unter anderem die Hoffnung, dem Pferdehandel gerechter zu werden.

Es sind vor allem sechs Änderungen, die den neuen Röntgenleitfaden vom alten unterscheiden: Die Einteilung in Röntgenklassen entfällt vollständig, dafür werden Befunde, bei denen ein nachweisliches Lahmheitsrisiko besteht mit dem Zusatz „Risiko“ gekennzeichnet, es gibt mehr Röntgenaufnahmen, die Rückenaufnahmen und die Winkelmessungen entfallen und Einzelbefunde sollen im Gesamtzusammenhang gesehen werden.

„Dass jetzt standardmäßig 18 statt 14 Aufnahmen gemacht werden ist mehr als sinnvoll“, findet Dr. Volker Sill, Partner der Pferdeklinik Bargteheide. Bisher wurde das Knie nur seitlich geröntgt. Jetzt ist auch eine frontale Aufnahme dabei. „So kann man insbesondere Knochenzysten sehen, die durch die seitliche Aufnahme oft nicht sichtbar wurden“, erklärt Dr. Sill und fügt hinzu: „Gerade Knochenzysten haben im Nachhinein oft zu Reklamationen des Pferdes geführt“. Auch am Vorderbein werden jetzt zwei Aufnahmen mehr gemacht. Huf- und Fesselgelenk werden einzeln geröntgt. Die vier zusätzlichen Aufnahmen machen die Untersuchung natürlich etwas teurer. So sind die Zuchtverbände dann wohl auch noch am Überlegen, ob sie die Änderungen in ihr Prozedere mit aufnehmen. „Sie sind ja autonom was ihre Selektionsbedingungen für die Körung betrifft“, erklärt der Fachtierarzt für Pferde und fügt hinzu: „Allerdings gehen viele der Hengste ja nachher über eine Auktion und da gelten dann wieder die normalen Verkaufsbedingungen. Sie werden also wohl nachziehen müssen“. Die ersten Rückmeldungen der Verbände und auch der Deutschen Reiterlichen Vereinigung waren aber positiv.

Pferde fairer bewerten
Eine weitere gravierende Änderung ist die Aufgabe des Schulnotensystems. „Die Röntgenklassen sind einfach zu sehr in den Fokus gerutscht. Es hieß immer Klasse eins bis zwei kann man kaufen, gerade Wiederverkäufer haben ein Pferd mit der Klasse drei dann lieber nicht gekauft“, erzählt Dr. Sill. Dabei wurde dann zum Teil gar nicht geguckt, welcher Befund ausschlaggebend war. „So wurden manchmal gesunde Pferde durch nur einen Röntgenbefund abqualifiziert und deutlich schlechter verkauft“, weiß der gebürtige Kieler. In der Pferdeklinik Bargteheide machte die Tierärztin Dr. Susanne Markert eine Studie, in der sie die sportlichen Daten von 660 Pferden verglich, die in der Klinik untersucht worden waren. Es gab keine signifikanten Unterschiede zwischen den Klassen. Lediglich in der schlechtesten war im Vergleich zur sehr guten zu sehen, dass die Pferde früher aus dem Sport ausgeschieden sind. „Wenn es also gar keinen großen Unterschied macht, ob ein Pferd die Klasse eins oder drei hat, dann kann man sich das auch schenken. Es wurde ja suggeriert, dass man etwas prognostizieren kann. Letztlich war es aber nur geschätzt und nicht wissenschaftlich bewiesen. Ob man damit richtig lag, wusste niemand“, erklärt Dr. Sill das Problem.

Deshalb ist man nun zurückgegangen und will den klinischen Befund mehr in den Fokus stellen und kleinere Befunde nicht mehr so einstufen, dass ein Verkauf daran scheitert. Das soll sich positiv für Züchter und Verkäufer auswirken, auch bei Klagen. Denn: „Die häufigsten Klagefälle bei Haftpflichtversicherungen bezogen sich auf den Röntgenleitfaden. Er wurde praktisch als Werkzeug genutzt, um Tierärzten Beratungs- oder Beurteilungsfehler nachzuweisen. Manche Juristen suchten so lange, bis sie einen Veterinär fanden, der die Klasse anders einschätzte. Zum Teil sind Prozesse wegen einer halben Röntgenklasse entschieden worden.“ Da der Röntgenleitfaden ein Werk der Tierärzte ist, war klar, dass sie sich nicht mehr so angreifbar machen wollen. So warnen Juristen und Versicherungen die Veterinäre davor eine Prognose zu treffen. „Man kommt aber nicht ganz darum herum eine persönliche Einschätzung zu liefern“, weiß Dr. Sill und fügt hinzu: „Das war das gute am alten Röntgenleitfaden. Da konnte man Amateuren sagen, wo das Pferd lag. Jetzt schwimmt der Käufer ein bisschen mehr, wenn er so wenig Orientierungshilfe vom Tierarzt erfährt“.

Langsamer Wandel
Eingeteilt wird jetzt in drei Gruppen: Keine erwähnungspflichtigen Befunde, Befunde deren Risiko nicht verlässlich abschätzbar ist und Risikobefunde. Letztere führen zu hoher Lahmheitswahrscheinlichkeit, wie zum Beispiel die Knochenzysten. „Man kann nicht sagen, ob beispielsweise ein kleiner Chip sich irgendwann auswirkt. Es ist also ein Schritt zurück von dem, was man meinte sagen zu können“, erklärt Dr. Sill.

Ebenfalls neu ist die komplette Ausklammerung des Rückens. „Es hat sich herausgestellt, dass die Korrelation zwischen Röntgenbefund und klinischer Auswirkung nicht eng genug ist“, erklärt der Fachtierarzt. Man kann also vom Röntgenbefund keine Leistungsbeeinträchtigung ableiten. „Da lehnt man sich gar nicht mehr aus dem Fenster“, schmunzelt Sill. Manche Pferde hatten tolle Beinbilder und ein nicht so optimales Rückenbild. Die sind dann früher in eine schlechte Röntgenklasse gerutscht. „Dem ist jetzt nicht mehr so, weil nach dem neuen Röntgenleitfaden Beine und Rückenbefund separat beschrieben werden.“

Noch aber fragen in der Pferdeklinik viele, was das Ergebnis einer Ankaufsuntersuchung denn im vergangenen Jahr noch bedeutet hätte. „Es ist jetzt unsere Aufgabe dem entgegen zu wirken und den neuen Leitfaden zu verankern“, findet Dr. Volker Sill. Dass das nicht von heute auf morgen passiert ist dem erfahrenen Tierarzt klar. „Aber in den nächsten Jahren sollte der alte abgelöst werden“. Ob es sich dann für die Veterinäre als hilfreich gegenüber den Juristen erweist, muss man sehen. Es ist auf jeden Fall auch ein Versuch, Käufern und Verkäufern gerechter zu werden, auch wenn die Änderungen die Einschätzung für Käufer erst einmal schwieriger machen.

 

Text: Lena Höfer

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