Über den Tellerrand zu schauen, kann ja immer nützlich sein. Wir machen das hier schon allein “von Beruf`s wegen” und aufgrund der Nähe zum Deutschen Derby in Hamburg. Dabei hilft das Magazin „Vollblut“, das sich über den Sport hinaus diferenzierter und zahlenbasiert mit der Zucht englischen Vollbluts befasst. Der Blick in die Herausforderungen, die die Vollblutzucht in Deutschland zu bewältigen hat, ist in der aktuellen Ausgabe gut geraten. Die Stutengrundlage ist deutlich “dünner” als in der Warmblutzucht und in der aktuellen Ausgabe des Magazins geht es um die Deckhengste in Kontinental-Europa.

Der Chefredakteur des französischen Leitmediums Jour de Galop, Adrien Cugnasse, beschäftigt sich eingehend mit der Frage, warum seiner Einschätzung nach Europa kaum mehr neue Deckhengste anziehen kann. Das hat viele Ursachen: die Zahl der Fohlen in Europa (durchaus unterschiedlich) ist nur ein Parameter und es hat mittelfristig auch Folgen. Interessant zu lesen und eine aufschlussreich gestaltete Analyse. Spannend auch die Übersicht der europäischen Decktaxen für Vollblüter und der Vergleich zu 2025. Der Teuerste in Deutschland ist z.B. mit 20.000 Euro Decktaxe “Tassolino”, also Torquator Tasso, L`Arc de Triomphe-Sieger, Hansa-Preis-Sieger in Hamburg, ein Star vom Scheitel bis zur „Hufsohle“ und im Gestüt Auenquelle zuhause. Die Bandbreite reicht von 2.500 bis eben bis zu 20.000 Euro, es geht international aber noch weitaus kostspieliger. Gedeckt wird ausschließlich im Natursprung. Dazu gibt es die Decktaxen in Frankreich, Irland und Großbritannien. Stichwort Irland: das Coolmore Stud, eines der angesehensten Gestüte weltweit, hat einige herbe Verluste in der Deckhengst-Riege hinnehmen müssen: Etwa Wooton Basset, einer der teuersten und begehrtesten Deckhengste weltweit, der in Irland für 300.000 Euro Decktaxe zu haben war, dann nach Australien überführt wurde und für 385.000 australische Dollar gebucht werden konnte. Wooton hat reihenweise Gruppesieger hervorgebracht. Gruppe-Parkett, das entspricht dem Status 5*-Pferd. Coolmore-Besitzer John Magnier ist übrigens der Großvater von Springreiter Tom Wachman, der im Dezember den Großen Preis von London gewann.

Absolut lohnenswert sind die Pedigree-Analysen in Vollblut, auch Nicht-Rennsportinsidern erschließen sich Qualitäten und auch die Informationen zu den “Neuen” in Deutschland. Derbysieger Weltstar v. Soldier Hollow ist zurück in Deutschland. Es lohnt sich übrigens Soldier Hollow-Nachkommen näher zu betrachten, auch für Warmblutfans. Soldier Hollow selbst iast ein Reitpferdetyp und hat bislang vor allem eines hinterlassen: sehr leistungsbereite Pferde. Der zehn Jahre alte Weltstar, der 2018 das 149. Deutsche Derby in Hamburg gewann, stammt aus der Zucht des Gestüts Röttgen und hat eine Beschälerbox in Neustadt/ Orla bei El Sur Racing bezogen. Und der sieben Jahre alte Tünnes von Guliani aus der Tijuana, die auch Mutter von Torquator Tasso ist, wird ab 2026 Deckhengst auf dem Gestüt Etzean in Oberzent zwischen Darmstadt und Heidelberg.
Das Magazin Vollblut erscheint viermal jährlich im Deutschen Sportverlag und ist im Jahreabo, aber auch als Einzelausgabe erhältlich. Dazu gibt es auch online Statistiken zum kostenlosen Download.
