Monty Roberts – Der wahre Pferdeflüsterer
Freitag, 21. August 2009 | By ts | Category: Monty Roberts: der wahre PferdeflüstererÜber Monty Roberts | “Join-Up” und “Follow-Up” | Interview mit Monty Roberts | Karriere | Zitate | Pat Roberts
Dr. Bernd A. Weil
Monty Roberts – Der wahre Pferdeflüsterer
Am 17. Juli 1999 fuhren meine Frau Jutta und ich von Los Angeles mit einem Mietwagen zweieinhalb Stunden auf dem Pacific Coast Highway 1 und 101 in Richtung Norden in die 1911 von dänischen Pädagogen gegründete gemütliche Kleinstadt Solvang (Kalifornien), um einen Interviewtermin bei Monty Roberts wahrzunehmen, mit dem wir bereits seit über einem Jahr per Fax und E-Mail korrespondieren. Wir sind – abgesehen von unserer Liebe zu Hunden (besonders Siberian Huskies) – seit mehr als 22 Jahren begeisterte Reiter und wollten nun die einmalige Gelegenheit nutzen, von Montys reichem Erfahrungsschatz zu profitieren, dessen Farm wir bereits im Sommer 1998 besuchten, als der wegen seines vollen Terminkalenders sehr schwer erreichbare Monty Roberts allerdings gerade in Kanada war.

Monty Roberts (links) und Dr. Bernd Weil mit “Shy Boy”
Als wir endlich dem 64jährigen Monty auf seiner prachtvollen Farm einige Kilometer außerhalb von Solvang beim Interview gegenübersaßen, spürten wir sofort, daß wir es mit einem großen Pferdemann zu tun haben, der trotz seiner zahlreichen Erfolge und seines Vermögens bescheiden geblieben ist. Die seit 1965 von Monty und Pat Roberts geführten “Flag Is Up Farms” im schönen Santa Ynez Valley – einem berühmten kalifornischen Weinanbaugebiet – haben für europäische Verhältnisse unvorstellbare Ausmaße (110 acres, ca. 45 Hektar), und das elektrisch gesteuerte Einfahrtstor öffnete meiner Ehefrau Jutta und mir eher einen riesigen Park mit Rosenspalier als eine Ranch für rund 350 Pferde, auf der zur Zeit “nur” 100 Pferde untergebracht sind, die auf den riesigen, sehr gut gepflegten Weiden mit Bewässerungsanlagen und Schatten spendenden Unterständen viel Auslauf haben. Auch eine gut einen Kilometer lange Pferderennbahn befindet sich auf der Farm.
Der 1935 in Salinas (Kalifornien) geborene Monty Roberts hat in seinem abenteuerlichen Leben Höhen und Tiefen erlebt und durchlitten. Bereits mit vier Jahren nahm Monty an Turnieren teil und gewann sie meistens. Der brutale Vater Marvin, von Beruf Polizist, schlug ihn mit einer Stallkette krankenhausreif, weil Monty sich weigerte, die von ihm so geliebten Pferde auf die herkömmliche, aggressive Art zuzureiten, indem man sie in einer tagelangen Tortur der rohen Gewalt gefügig machte (“to break the horse”). Durch die Schläge des Vaters erlitt Monty derart schwere Wirbelsäulenverletzungen, daß er sogar mit Morphium behandelt werden mußte und bis heute in einem Unterschenkel kein Gefühl hat.
Aber der autoritäre Vater konnte den pferdebesessenen Jungen nicht daran hindern, die “Sprache” der Pferde in freier Wildbahn, auf der Koppel und beim täglichen Umgang mit ihnen zu studieren. Monty übersetzte die non-verbale Ausdrucksweise der Pferde, die er später “EQUUS” (lat.: Pferd) nannte, in eine Körpersprache des Menschen. Sein Ziel war und ist: “Wenn wir mit dem Pferd in seiner Sprache vernünftig reden, wird es tun, was wir möchten. Aber nur, weil es das auch selber will – und nicht, weil es dazu gezwungen wurde.”
In einer völlig gewaltfreien Atmosphäre schafft es Monty mit seiner einfühlsamen Art in weniger als einer halben Stunde, daß ein rohes Pferd einen Sattel, ein Zaumzeug und schließlich sogar einen Reiter erstmals auf sich duldet. Diese Methode, die er “Join-Up” nennt, stellt aber erst den Anfang der Zusammenarbeit von Tier und Mensch dar.

“Shy Boy” im Round Pen
Selbst wenn man Montys Fernsehdokumentationen (“Der mit den Pferden spricht”; “Shy Boy”) und Videofilme (“Join-Up”; “Follow-Up”) bereits mehrfach studiert hat, so läuft einem immer noch eine Gänsehaut den Rücken herunter, wenn man ihn live auf seiner Farm im “Round Pen” (Longierhalle) mit einem Pferd interagieren sieht. Wir hatten bei unserem Besuch in Juli 1999, als auch die junge Enkelin des Verlegers Gustav Lübbe (Lübbe-Verlag) als Seminargast zugegen war, das außergewöhnliche Glück, daß Monty den berühmten “Shy Boy” vorführte, einen ehemals wilden Mustang, der die letzten Zweifler an seiner schmerzfreien Methode zum Verstummen brachte. Im März/April 1997 gelang es Monty nämlich, in einem dreitägigen Ritt und anschließender einwöchiger Arbeit aus einem wilden, aggressiven, jungen Mustanghengst (der heute gelegt ist) ohne Gewaltanwendung ein reitbares und völlig friedliches Pferd zu machen, das sogar nach seiner späteren Freilassung die Herde wieder verließ, um bei Monty zu bleiben (nachzulesen und von Christopher Dydyk fotografisch festgehalten in Montys neuestem Buch “Shy Boy”, auf das er zurecht stolz sein kann).
Monty “spricht” nicht mit den Pferden, wie es in Büchern, Zeitschriften und Dokumentationen immer wieder heißt, sondern allenfalls mit den Reitern. In früheren Jahren – so verriet er uns – hielt er während der Arbeit mit einem Pferd sogar einen Gegenstand zwischen seinen Zähnen, der ihn daran hinderte, auch nur einen Laut von sich zu geben. Mit einem Schmunzeln fügte er hinzu, daß Pferde schließlich weder Englisch noch Deutsch verstünden.
Montys wortloser Umgang mit Pferden sollte uns Reiter zum Umdenken bringen, wenn wir nach wie vor Peitschen, Gerten, Sporen und andere Strafmaßnahmen gegen unsere vierbeinigen Sportkameraden einsetzen. Leider ist seine “Join-Up-Methode” noch zu wenig verbreitet und wurde obendrein durch Robert Redfords (alias “Tom Booker”) unsäglichen Walt-Disney-Kinofilm “Der Pferdeflüsterer” (“The Horse Whisperer”) nach der Buchvorlage von Nicholas Evans stark beschädigt, der nämlich ein völlig falsches oder konträres Bild vom “wahren Pferdeflüsterer” Monty Roberts lieferte, weil der Film wie der Roman vor Gewaltszenen nicht zurückschreckt, gleichzeitig aber als Illustration der Lehre Montys gilt. Darüber ist Monty Roberts maßlos enttäuscht.
Inzwischen hat Monty zahlreiche Schüler in der ganzen Welt, und täglich werden es mehr. Zu seinen besten Schülerinnen in Europa zählt Kelly Marks, von der Monty sagt: “I could not recommend a better teacher of my methods anywhere in the world than Kelly Marks.” Monty organisiert und leitet Vorführungen und Lehrgänge in vielen Ländern. “Neue Methoden”, so sagte er uns, “durchlaufen immer drei Stadien: Zuerst bezweifelt man sie oder lehnt sie ab, dann sagt man, das sei nichts Neues, und schließlich behaupten viele der ehemaligen Kritiker, die gleiche Technik zu beherrschen.” So erklärt sich Monty die derzeitige “Inflation” von selbst ernannten “Pferdeflüsterern”, die mit seiner Arbeit jedoch nichts gemein haben.
Monty Roberts hat sich durch seine einmalige Leistung Gehör verschafft in der Reiterwelt, von den rauhbeinigen Westernreitern der Vereinigten Staaten bis zum Pferdestall der englischen Königin Elizabeth II. in Windsor, deren Pferde er 1989 und später trainierte. Seitdem schreibt ihm die Queen von England sogar persönliche Weihnachtskarten, die wir in seinem Wohnhaus sehen konnten. – Darüber hinaus entwickelte Monty sanfte Verlademethoden, ein “Be-Nice-Halfter” zum schonenden Umgang mit jungen oder “wilden” Pferden und eine spezielle Schutzdecke für Rennpferde in der Startbox, mit der er dem Super-Champion “Lomitas” vom Gestüt Fährhof in Norddeutschland schon nach wenigen Tagen die panikartige Angst vor der Startmaschine nahm.
Von der relativ jungen Methode Linda Tellington-Jones’ (“T-Touch”) hält Monty recht viel; schließlich war Linda eine seiner besten Schülerinnen, was viele Reiter nicht wissen. Auch Monty und seine Trainer nutzen die intensive und häufige Berührung der Pferde (Stirn, Hals, Körper, Beine) als “vertrauensbildende Maßnahme”, da dies auch im Sozialverhalten der Pferde untereinander oft zu beobachten ist.

Monty Roberts und Jutta Reichwein-Weil mit dem Mustang “Shy Boy”
Neben Pferden arbeitete Monty auch mit Mulis (so 1976 mit dem Weltmeister-Muli im Reining “Tina”) und seit einigen Jahren sogar mit Hirschen und Rehen, die frei um sein herrliches Wohnhaus herumlaufen. Hundetrainer aus aller Welt bestätigten ihm den Erfolg seiner Methode für ihre Arbeit. Daß “Join-Up” im übertragenen Sinn sogar beim Menschen anwendbar ist, was mich als Studienrat besonders interessierte, bewies der in dieser Hinsicht des öfteren belächelte Monty bei seinen eigenen und 47 (!) Pflegekindern, die er zusammen mit seiner hübschen Frau Pat erzog, die er seit 1955 kennt, am 16. Juni 1956 heiratete und die ansonsten als begabte Künstlerin Gemälde und Bronzeplastiken von Pferden (z. B. Lomitas) und Reitern herstellt. Die Erziehungsmethode der beiden folgt einem ebenso einfachen wie wirkungsvollen Rezept: Positives Verhalten wird stets mit positiven Konsequenzen beantwortet und umgekehrt. – Auf Pferde übertragen bedeutet dies für Monty allerdings nicht, daß man sie zur Belohnung aus der Hand füttern soll, denn dies führe zur Verbitterung der Pferde, die nun ständig Leckerlies erwarten und nicht begreifen, wenn die Belohnung einmal ausbleibt. Außerdem wurden Pferde fast 50 Millionen Jahre lang nicht von Menschen aus der Hand gefüttert. (Viele weitere Tips und Informationen erhält man in Monty Roberts’ Web Page im Internet.) – Im übrigen gibt es für Monty keine “Problempferde”, sondern nur Pferde, die zum Teil Probleme mit ihren Besitzern haben!
Monty meidet überfüllte Pferdemessen wie die “Equitana” in Essen, die er nur einmal in seinem Leben besucht hat. Statt dessen hält er lieber Seminare (“Clinics”) in kleinerem Rahmen ab. Zur Zeit schreibt er in einem separaten Haus auf seiner Farm, wo er ungestört nachdenken kann, ein neues Buch, auf das wir alle schon gespannt sein dürfen.
Monty führte uns durch seine sauberen und gut belüfteten Stallungen und Scheunen, fuhr mit uns zu seinem riesigen Haus auf einem Hügel der Farm, zeigte uns sein Wohn- und Billardzimmer, seine breite Terrasse, seinen Swimmingpool und lud uns ein, allein und völlig ungezwungen Foto- und Videoaufnahmen von den “Flag Is Up Farms” zu machen.

Auf den “Flag Is up Farms” von Monty und Pat Roberts
Der überaus gastfreundliche Pferdemann, der in seinen nunmehr 60 Jahren im Sattel amerikanischer Rodeo-Champion wurde und mit Filmstars wie James Dean (“Jenseits von Eden”), Elizabeth (“Liz”) Taylor und Charlton Heston zusammenarbeitete, besitzt eine unerschütterlich positive Lebenseinstellung, die er an andere weitergeben will. Er schloß unser dreistündiges Gespräch mit der Formulierung seines zentralen Anliegens: “The world should be a better place for horses and people.” (“Die Welt sollte ein besserer Ort für Pferde und Menschen sein.”) – Bei Monty Roberts’ Methode gibt es zumindest keine Verlierer.
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